Literatur : Mutters Sprache

Fabjan Hafner beschäftigt sich mit Peter Handkes slowenischer Herkunft

Jan Volker Röhnert

Was war eigentlich der Auslöser von Peter Handkes Jugoslawien-Passion und seines Eintretens für Serbien? Wer Handkes große Romane „Die Wiederholung“ oder „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ kennt und sein am offenkundigsten autobiografisches Buch „Wunschloses Unglück“, wer die historische Topografie des Südkärntner Raumes kennt, in dem Handke 1942 geboren wurde, für den wirkt die Affinität zu allem Jugoslawischen wenig befremdlich: Sie entstand durch die urintime Beziehung zum Slowenischen.

Das Slowenische war buchstäblich Handkes Mutter-Sprache, die seines Großvaters und der beiden im Krieg für Hitler gefallenen Onkel. Zur Zeit seiner Geburt war es noch die Alltags- und Umgangssprache in seiner Heimatstadt Griffen, sie gehörte zum Curriculum seiner Schul- und Internatsjahre. Andererseits hatte er einen deutschen Vater und Stiefvater. Seine ersten Kindheitsjahre bis zur Einschulung verbrachte er nicht in Kärnten, sondern in Berlin. Die Umgangssprache mit der Mutter war Deutsch, das Schulslowenisch empfand er als Zwang.

Das zweisprachige Umfeld, in dem er aufwuchs, war also mehrfach konfliktbeladen: Weder das vertrautere, aber als Herrschaftsinstrument diskreditierte Deutsch noch das privat durch den Tod der Onkel und öffentlich durch die Abschirmung Österreichs vom jugoslawischen Bundesstaat Slowenien verschüttete Slowenisch wurden für ihn „natürliche“ Sprachen, über die er ungebrochen verfügen konnte. Im Gegenteil, die bilinguale, ja bikulturelle Spannung, unter der er heranwuchs, schuf erst das Potenzial für seine Literatur, seinen poetischen Weltzugang, wie Fabjan Hafner in seiner Monografie „Unterwegs ins Neunte Land“ überzeugend darstellt.

Kein Wunder bei einem Autor, der mit seiner slowenisch-deutschen Zweisprachigkeit selber ein erfolgreicher Kulturvermittler zwischen dem südslawischen und dem deutschen Sprachraum ist: Ohne Hafners Übersetzungen wäre uns die wunderbare Welt der slowenischen Lyrik, heute eine der umtriebigsten Szenen in ganz Europa, verschlossen geblieben. Ohne ihn hätten wir vielleicht nie die Herrlichkeit von Urof Zupan kennengelernt und die Verrücktheit von Tomaw Falamun weitaus schlechter.

Mit der vorliegenden Studie lernen wir Hafner nun auch von einer anderen Seite kennen: als passionierten Literaturwissenschaftlers, der Derrida, Kierkegaard, Lacan oder Wittgenstein nicht vor sich herträgt, sondern zwanglos für den Gegenstand fruchtbar zu machen versteht. Vor allem ist das, was er präsentiert, eine erste umfassende Werkschau Handkes und eine Einladung, den berühmten Kärntner Landsmann neu zu lesen. Handkes Schreiben, das die Schemata der Literaturhistorie bislang ziemlich lebensfremd in eine erste Periode von Popkultur und Sprachkritik, eine zweite von Autobiografie und Innerlichkeit und eine dritte der Wiederentdeckung des Erzählens unterteilt, offenbart aus Hafners Blickwinkel eine erstaunliche Kontinuität der Motive und Figuren – eine Haltung, wie sie Handke selbst von jeher seinem Werk gegenüber eingenommen hat.

Es gibt darin weitaus mehr Verbindendes als Brüche. Zum Beweis hat sich Hafner mit dem Slowenientopos das „durchgehende“ Leitmotiv vorgenommen. Seine genauen Kenntnisse von Handkes Bio- und Topografie machen seine Arbeit zum Handbuch, an dem keiner, der sich mit Handke beschäftigen will, wird vorbeigehen können. Slowenien, resümiert Hafner, das ist für Handke jener poetische Imaginationsraum, jene durch Verlust, Sehnsucht, Wiederholung, Aufbruchs- und Behauptungswillen gekennzeichnete Landschaft, die der Dichter selber erst erschaffen hat.

Fabjan Hafner:

Peter Handke –

Unterwegs ins Neunte Land. Zsolnay Verlag, Wien 2008. 384 Seiten, 24,90 €.

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