Literatur : Nachrichten

Moskau, den 24. May. Heute starb allhier Jac. Mich. Reinh. Lenz, der Verfasser des Hofmeisters, des neuen Menoza etc. von wenigen betrauert, und von keinem vermisst. So stand es am 18. August 1792 in der Allgemeinen Literatur-Zeitung. 215 Jahre später erscheint nun, herausgegeben und kommentiert von Heribert Tommek, die zweibändige Ausgabe der „Moskauer Schriften und Briefe von J. M. R. Lenz (Weidler Buchverlag, Berlin 2007, 1340 Seiten, 246 €). Sie erzählen erstmals Lenzens Geschichte zu Ende: die Geschichte einer schrittweisen Entkoppelung von der Welt, wobei alle praktischen Bezüge verschwinden und an ihre Stelle wenige hirngespinstische Koordinaten treten.

Eine tiefe Empfindlichkeit, ohne welche Klopstock nicht Klopstock und Shakespeare nicht Shakespeare wäre, hat ihn vernichtet. Andere Umstände – und Lenz wäre unsterblich!, soll ein „livländischer Edelmann“ dem „russischen Reisenden“ Nikolaj Karamzin gesagt haben. Karamzin gehörte zu den vielen russischen Freunden von Lenz: Intellektuelle und Freimaurer (damals fast ein und dasselbe), die ihn liebten und ihm immer wieder zu helfen versuchten.

Seine tiefe Melancholie, Folge vieler Unglücke, brachte ihn von Sinnen, doch trotz jenes Zustandes versetzten uns seine poetischen Einfälle manchmal in Staunen, am häufigsten aber rührte er uns durch die ihm eigne Gutmütigkeit und Geduld, schreibt derselbe Karamzin im berühmtesten Reisebuch der russischen Literaturgeschichte, den „Briefen eines russischen Reisenden“ (1791/92).

1751 im zum Russischen Reich gehörenden Livland, in der Familie eines pietistischen Pfarrers geboren, studierte Lenz Theologie in Dorpat und Königsberg, bevorzugte aber die Vorlesungen Kants und die Bücher Rousseaus. 1771 brach er das Studium ab (worauf sein gestrenger Vater mit ihm brach) und ging als Bediensteter zweier Barone von Kleist nach Straßburg. Alles Weitere ist bekannt: Freundschaft mit Goethe, „Sturm und Drang“, schneller Ruhm, schwere „Gemütskrankheit“. Oberlins Hütte im Elsass, die so schlafwandlerisch-plastisch von Georg Büchner beschriebene. Und: „So lebte er hin“ – einer der berühmtesten Textschlüsse der deutschen Literatur. Aber ein Schluss ist kein Ende: Es folgten die Rückkehr nach Livland, die Übersiedlung zunächst nach Petersburg, dann (1781) nach Moskau, wo er elf Jahre lang „hinlebte“: als Hauslehrer, Übersetzer, Entwickler unzähliger Projekte, die zumeist das Bildungswesen des Russischen Reiches zu reformieren suchten – aber gelegentlich auch dessen Heer oder Handel. Er war, was man damals einen Projecteur nannte.

Das wesentliche Element seines Lebens war unerwiderte Liebe. Unerwiderte Liebe zum Vater. Unerwiderte Liebe zu Goethe (und zu Goethes Frauen, was zweifellos der Grund für „Lenzens Eseley“ gewesen sein muss, einen nie näher geklärten Vorfall, der Goethe veranlasst hatte, Lenz aus dem Weimarer Paradies zu vertreiben). Unerwiderte Liebe zur Frau überhaupt: zu Friderike Brion, Charlotte von Stein oder Julie von Albedyll, die Tochter aus einer befreundeten livländischen Familie, die er auf der Durchreise nach Petersburg kennengelernt hatte. Sie, so scheint es, war Teil seiner letzten Liebestragödie. Oder war es eine Farce?

Liebe auch zur Poesie. Liebe zu Russland, das er für sein Vaterland hielt und dem er nützlich sein wollte. Egal, in welchem Maß all diese Lieben unerwidert blieben, Lenz erkannte grundsätzlich keine Liebe als erwidert an. All diese Fäden, all diese unerwiderten Lieben, flechten sich zusammen zu einem dicken Schicksalsstrick – zu seiner unerwiderten Liebe zum Leben. die aus Lenzens atmet, ja schreit. In diesen „Moskauer Schriften und Briefen“ (der zweite Band ist ein solider Kommentarband und auch was die Russlandkunde betrifft, vertrauenswürdig) hört man Lenz, man sieht ihn, man spürt seine Anwesenheit.

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