Literatur : Nachrichten

Doch nicht der Gor! Er doch nicht! So dachte ich, als mir Peter Urban, dieser großartige Übersetzer aus und Fanatiker der russische Literatur, mit der ihm eigenen Überzeugungskraft erklärte, dass er einen großen Leningrader Dichter entdeckt habe und zwei seiner Bücher vorbereite. War das nicht, wie es immer hieß, ein guter, etwas ängstlicher sowjetischer Mensch und sympathischer Science-Fiction-Autor, von dem man nie mehr erwartete als eben sympathische Science-Fiction?

Die frühe Prosa „Das Ohr – Fantastische Geschichten aus dem alten Leningrad“, die nun in der Berliner Friedenauer Presse erschienen ist (160 Seiten, 16 Euro), und die Gedichte aus der Zeit der deutschen Belagerung Leningrads (1942 – 1944), die unter dem Titel „Blockade“ bei der Wiener Edition Korrespondenzen erschienen sind (232 Seiten, 23 Euro), haben mich eines Besseren belehrt.

Die Prosa hatte mich seinerzeit nur mäßig begeistert, die Gedichte waren mir nicht bekannt. Gennadij Gor (1907 – 1981) hat sie niemandem gezeigt, bis lange nach seinem Tod eine Freundin der Familie Gor sie Peter Urban empfahl. Wenn man sich seit Jahrzehnten mit russischer, insbesondere Leningrader Literatur beschäftigt, glaubt man, an dieser Front könne nichts Neues mehr geschehen. So habe ich sogar die einzige posthume Zeitschriftenveröffentlichung der Gedichte Gors im Jahr 2002 verpasst. Doch Gott sei Dank werden alle Erwartungen manchmal über den Haufen geworfen.

Gor hat tatsächlich 95 Gedichte geschrieben, die ihn in die erste Reihe der russischen Lyriker des 20. Jahrhunderts katapultieren. Sie sind in einer zweisprachigen Originalausgabe erschienen, wofür die russische Dichtung Peter Urban und der Edition Korrespondenzen auf ewige Zeiten verpflichtet ist. Sofort nachdem ich in meinem russischen Blog darüber berichtet hatte, war das Interesse überwältigend. Meine Notiz wurde kommentiert und verlinkt, und am nächsten Tag lagen mir Artikel-Anfragen dreier russischer Zeitschriften vor.

„Blockade“ besteht aus Gedichten von erstaunlicher klanglicher, darstellender und metaphorischer Raffinesse. Sie haben Qualitäten, die keine mir früher bekannten Werke von Gor, nicht einmal seine in der Tat glänzenden Erzählungen der zwanziger Jahre aufweisen – durch die Bedeutsamkeit und Schwerkraft der Sprache, aber auch durch den Menschen, der hinter dem Text steht. Durch die Furchtlosigkeit, mit der ein bescheidener sowjetischer Schriftsteller dem Albtraum der Belagerung Leningrads dichterisch begegnete: Über eine Million Menschen kam dabei ums Leben, Umstände, über die Peter Urbans Nachwort erschütternd berichtet.

Keinesfalls sind dies Gedichte über die Blockade. Selbst der schrecklichste Belagerungsalltag – Hunger, Kannibalismus, der Tod auf der Straße – tritt hier nicht als realistische Beschreibung auf, sondern als Albtraumspiegelung, als sprachliche Überspitzung des Unmöglichen: „Katzenbraten. Und Gäste sitzen/An demselben Tisch./Ich blicke auf das Brot, zähle die Knochen/Und warte, bis die Gäste gehen./Doch da tritt ein der Schwiegervater (Tod, Schlaf)./Man fährt die Gäste fort auf Rodelschlitten./Man legt mich auf den Rodelschlitten, fährt mich fort.“

Hier wird Raum für die absolute Freiheit des Ausdrucks geschaffen. Ein Mensch, der die Elementarkräfte der Existenz so unmittelbar erleben musste, hörte auf, sich vor der Zensur, der Ideologie, der Obrigkeit zu fürchten. Mit dem Ende des Krieges kam die alte Angst zurück – Gor steckte seine Blockadegedichte tief in die Schublade und kehrte zu seiner netten, sympathischen Prosa zurück.

Wusste Gennadij Gor, dass ihn diese 95 Gedichte einmal unsterblich in der russischen Dichtung machen würden? Ich bezweifle das. Er war ein netter, bescheidener, etwas zu vorsichtiger Mensch. Doch eben dieses Wunder ist vor unseren Augen geschehen.

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