Literatur : Nachrichten

Vor 50 Jahren wurde Nikolai Sabolozki in Moskau zu Grabe getragen – ein Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR, ein beachteter Lyriker, nicht in der ersten Reihe der sowjetischen Dichter zwar, aber einer, der seine Jugendfehler berichtigt hatte und zu einer wichtigen Stimme im Chor der sowjetischen Literatur geworden war: So war sein offizieller Status.

1903 in Kasan geboren, im Wjatka-Gebiet (im Norden Russlands: viel Wald, viel Winter, viel Armut) aufgewachsen (sein Vater war Agronom, seine Mutter Dorflehrerin). Studium zunächst in Moskau (1920, Medizin), dann in Leningrad (1921–25, russische Literatur). In Leningrad begann er Gedichte zu schreiben und schloss sich der ideologisch und ästhetisch unpassenden, weil „avantgardistischen“ und „absurdistischen“ Dichtergruppe OBERIU an. Unter seinen Mitstreitern waren auch der in Deutschland heute bekannte Daniil Charms und die sich hierzulande immer noch nicht ganz angekommenen genialen Alexander Wwedenski und Konstantin Waginow.

Sabolozkis erster Lyrikband „Die Kolumnen“ (1929), eine Sammlung expressionistischer Stadtbilder, die eher mit denen zeitgenössischer deutscher Maler vergleichbar sind als mit den Imaginationen von Literaten, machte Sabolozki berühmt. Das Buch wurde heftig von der linientreuen Kritik angegriffen, was aber nicht zu unmittelbaren Konsequenzen führte. Die Zeiten waren, wie Anna Achmatowa sich einmal ausdrückte, noch relativ „vegetarisch“. Dazu gewann Sabolozki Gönner in der Parteielite. Zu ihnen gehörte auch der 1938 hingerichtete Nikolai Bucharin. Der frühere Leninfreund und „Theoretiker der Partei“, von Stalin zum Redakteur der Zeitung „Iswestija“ degradiert, hatte überhaupt Geschmack für Gedichte und half vielen herausragenden Lyrikern, was den Protegierten (Ossip Mandelstam zum Beispiel) nach dem endgültigen Fall Bucharins zum Verhängnis wurde. Vor der Hinrichtung schrieb Bucharin in seiner Zelle Gedichte, die stark an die naturphilosophischen und absurdistischen OBERIU-Texte erinnern.

1938 in Leningrad festgenommen (der NKWD versuchte eine „antisowjetische Literatenbewegung“ auszumachen), gestand Sabolozki im Unterschied zu sehr vielen nichts und denunzierte niemanden – er stellte sich sofort geisteskrank. Zu Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt, wurde er nach einigen Jahren aber – ebenfalls im Unterschied zu sehr vielen! – begnadigt und konnte 1946 mit Erlaubnis für weitere Literaturarbeit ins europäische Russland zurückkehren.

Der Mensch Sabolozki war dabei immer derselbe geblieben. Seine persönliche Kontinuität und Integrität stehen außer Frage. Es gab jedoch mindestens drei Dichter mit dem Namen Nikolai Sabolozki. Der sture Pedant, den seine Freunde zum Scherz „den Deutschen“ oder „Karlchen Miller“ (tja, so stellt man sich in Russland Deutsche vor) nannten, machte mindestens drei völlig unterschiedliche Schaffensphasen durch. Vor Jahren habe ich in einem Essay bemerkt, dass man den frühen Sabolozki einkerkerte (genauer gesagt, den mittleren, denn bald nach „Kolumnen“ verließ Sabolozki den oberiuistischen Weg), aber den späten entließ.

Der frühe Sabolozki war ein Expressionist, ein Satiriker, ein Exzentriker. Der mittlere – ein Naturphilosoph, durch den die ganze stimmlose Kreatur in langsamen harmonischen Versen sprach – das Pferd, die Kuh, der Wald und das Feld. Der dritte Sabolozki war ein „normaler“ sowjetischer Lyriker, und er war posthum als Klassiker der Sowjetliteratur anerkannt.

„Der frühe“ und „der mittlere“ Sabolozki sind überragende Dichter, mit jeder Kapazität der russischen Lyrik des 20. Jahrhunderts vergleichbar, der dritte, „der späte“, ist zwar nicht schlecht und hat einige gute Gedichte geschrieben, ist aber bei weitem nicht so bedeutend. Vielleicht weil der Übergang vom „mittleren“ zum „späten“ Sabolozki unter dem Einfluss der Verhaftungs- und Lagererfahrung stattfand: Sabolozki hat sich „vor der Sowjetmacht entwaffnet“ – und er war kein Mensch mit doppeltem Gesicht. Doch sind zwei große Dichter nicht mehr als genug für einen Menschen?

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