Nachruf : Hugo Loetscher: Immun durch Ironie

Zum Tod des großen Schweizer Autors Hugo Loetscher. Er starb im Alter von 79 Jahren - kurz vor der Präsentation seiner Autobiographie.

Michael Braun
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Hugo Loetscher.Foto: dpa

Vor wenigen Wochen quälte er sich noch mit schwer gewordenem Atem zum zentralen helvetischen Literatur-Event, den Solothurner Literaturtagen. Nun ist der letzte Riese der Schweizer Literatur kurz vor der mit Spannung erwarteten Präsentation seiner Autobiografie im Alter von 79 Jahren gestorben: Mit Hugo Loetscher verliert die Schweiz ihren exponiertesten literarischen Weltbürger. Während sich seine Kollegen und Freunde immer wieder mit der vielbeschworenen „Enge“ ihres Landes abplagten, zog es Hugo Loetscher sehr früh in die Ferne. Seit den mittleren sechziger Jahren bereiste er regelmäßig Lateinamerika und die USA, immer wieder zog es ihn in sein Sehnsuchtsland Brasilien.

Seinen literarischen Lebensweg hatte Loetscher als Journalist bei der „Weltwoche“ und der „Neuen Zürcher Zeitung“ begonnen. Den literarischen Durchbruch erzielte er 1975 mit seinem Opus magnum „Der Immune“, dem Roman eines Außenseiters, der sich durch kalte Intellektualität gegen die Grausamkeiten und Heucheleien seiner Lebenswelt „immunisiert“, um einen klaren Blick auf seine Gegenwart bewahren zu können.

Mit diesem Roman sprengte Hugo Loetscher wie nur wenige Schweizer Autoren die konventionelle Erzählweise und schuf einen Geschichten-Raum aus polyphoner Stimmenvielfalt. In der 1986 publizierten Fortsetzung seines Großwerks, den „Papieren des Immunen“ , begegnet der Ich-Erzähler seinem Alter Ego und trachtet danach, sein eigenes Spiegelbild zu erschlagen.

In seinen später entstandenen Geschichten und Parabeln, die er in dem Band „Der Buckel“ sammelte– wie alle seine Bücher im Diogenes Verlag erschienenen –, wich die barocke Erzähllust Hugo Loetschers einem boshaften Fatalismus. In der parabelhaften Miniatur „Der Warumnicht“ werden alle Sinnfragen beharrlich abgewiesen, der „Ernst des Lebens“ auf die Einsicht in die biologische Faktizität des eigenen Daseins reduziert: „Er hatte sich tatsächlich daran gewöhnt, vorhanden zu sein, in einem solchen Grade sogar, dass es ihm oft selbstverständlich vorkam.“

In diesen letzten Erzählkunststücken nähert sich Hugo Loetscher der Maxime seines großen Schweizer Kollegen Friedrich Dürrenmatt, dass alle Geschichten die schlimmstmögliche Wendung nehmen müssen. Gegen das apokalyptische Bewusstsein hatte dieser Schweizer Kosmopolit indes ein probates Mittel gefunden – die Ironie. Michael Braun

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