Nachruf : Lenka Reinerova starb mit 92 Jahren

Die älteste deutschsprachige Schriftstellerin in Prag, Lenka Reinerova, starb am Freitag in ihrer Wohnung. Die Autorin von Büchern wie "Mandelduft" setzte sich für die Wiederbelebung der deutschsprachigen Literatur in Prag ein.

Deutschsprachige Prager Autorin Reinerova 92-jährig gestorben
Lenka Reinerova. Die Autorin starb mit 92 Jahren in Prag. -Foto: dpa

PragLenka Reinerova, die älteste deutschsprachige Schriftstellerin in Prag, ist tot. Die Autorin starb mit 92 Jahren am Freitagnachmittag in ihrer Prager Wohnung, wie Lucie Cernohousova, Leiterin des Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren berichtete. Lenka Reinerova ("Mandelduft") war nach einem Krankenhausaufenthalt nur noch selten öffentlich aufgetreten. Im vergangenen Jahr hatte sie sich im Haus ihrer Tochter mehrere Knochenbrüche zugezogen, von denen sie sich nicht mehr erholen konnte. Die genaue Todesursache bleibt zunächst unbekannt.

In Reinerovas Werk verschmelzen die historischen Zeitläufe mit den Eindrücken und Wünschen einer selbstbewussten Frau. In vielen Büchern, etwa "Das Traumcafé einer Pragerin" (1996) und "Närrisches Prag" (2005), spielt die tschechische Hauptstadt eine wichtige Rolle als Angelpunkt für ihre Geschichten. Zuletzt arbeitete die Autorin an einer Geschichte über einen böhmischen Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939).

43 Jahre Veröffentlichungsverbot

Reinerova wurde 1916 als Tochter einer Deutschböhmin und eines tschechischen Eisenwarenhändlers in Prag geboren. Zu ihren literarischen Zeitgenossen und Freunden zählten im Vorkriegs-Prag Autoren wie Egon Kisch und Max Brod. Auch Franz Kafka und Franz Werfel gehörten zu ihren Bekannten.

Im Zweiten Weltkrieg flüchtete Reinerova vor den Nazis und überlebte zunächst in französischen Frauengefängnissen, später in Mexiko im Exil. 1946 konnte sie in ihre Geburtsstadt Prag zurückkehren, wurde aber "wegen politischer Unzuverlässigkeit" bis 1989 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt und arbeitete als Dolmetscherin. Zudem galt sie als Sympathisantin der Ideen und Personen des Prager Frühlings.

"Es war nicht alles umsonst"

Nach der politischen Wende erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen:1999 wurde sie in Weimar mit dem Schillerring geehrt, später erhielt sie die Goethe-Medaille, die tschechische Verdienstmedaille und die Ehrenbürgerwürde von Prag. Zuletzt setzte sie sich mit viel Kraft und außenpolitischer Unterstützung für das Wiederbeleben der Tradition deutschsprachiger Literatur in Prag ein und gehörte zu den Mitbegründern des sich gut entwickelnden Prager Literaturhauses.

Im November 2006 erhielt die Autorin das deutsche Verdienstkreuz. Anlässlich der Übergabe sagte der deutsche Botschafter, Helmut Elfenkämpfer: "Sie leben uns die Bereitschaft zur Versöhnung vor". Im Januar 2008 noch war Reinerova vom Deutschen Bundestag zu einer Rede am Holocaust-Gedenktag eingeladen worden. Die Rede musste wegen ihrer schlechten Gesundheit bereits verlesen werden. Reinerova soll in der kommenden Woche in Prag beigesetzt werden.

Über ihre schlechte Gesundheit sagte sie kurz vor ihrem Tod: "Es ist nicht nur eine Gnade, in vollen Bewusstsein alt zu werden, weil man dann alle Gebrechen, die einen nach und nach befallen, klar mitbekommt." Und sie fügte hinzu: "Manchmal, wenn ich im Schrank meine Bücher sehe, denke ich: Es war nicht alles umsonst." (jg/dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben