Literatur : Nacht in tausend Farben

Tomas Venclova, der große Dichter Litauens, kommt heute nach Berlin

Gregor Dotzauer

Wenn er einmal jung war, so wissen zumindest seine Gedichte nichts davon. Doch auch als vorweggenommene Beschwörung einer Vergänglichkeit, der er mit nunmehr 70 Jahren tatsächlich ins Auge sehen muss, missversteht man die gravitätische Ungerührtheit, mit der er sie schon vor einem halben Jahrhundert besang. Tomas Venclova, 1937 in Klaipeda, dem einstigen Memel, geboren und in Vilnius groß geworden, ließ das dichterische Pendel, mit dem er seine Empfindungen maß, niemals ausschlagen. Er dachte von Anfang an in größeren als lebensgeschichtlichen Zusammenhängen. In der eigenen Endlichkeit erblickte er die Unendlichkeit des allgemeinen Werden und Vergehen – und im historischen Ort seines Denkens die Notwendigkeit, ihn in Richtung der litauischen Geschichte und der griechischen Mythologie zu überschreiten und dabei Schicht um Schicht tiefer in die ihn umgebende Landschaft einzudringen.

Man mag, zum Psychologisieren verleitet, aus seinen Gedichten herauslesen, wie ihn Wut und Enttäuschung nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956 vom Glauben an den Kommunismus abfallen und alle Tauwetterhoffnungen sofort wieder im sowjetischen Eis erstarren ließen. Je länger man sich aber der gedämpften, gleichmäßig dunklen Stimme seiner Gedichte überlässt, die trotz ihres schmalen Ambitus einen staunenswerten Reichtum entfaltet, desto stärker transzendiert sie jeden Anlass: „Auf dass nach uns, planlos, das Immer-so-weiter / Endlich aufatmen darf / Im Weiß der Negative, im Dunkel einiger Zeilen – / Die Götter, die uns verwarfen.“

Tomas Venclova ist einer der letzten großen Metaphysiker der zeitgenössischen Poesie – so unzeitgemäß wie aus der Zeit gefallen. Während sein Material noch ganz aus der Anschauung von Landschaften zu kommen scheint, verwandelt es sich unter seinen Händen schon in den Gegenstand einer inneren Schau. Venclova sucht „ein Licht, über alles Sehen erhaben“, und das hat seine Welt, in der es mit dem sichtbaren Licht nicht weit her ist, auch nötig. Wie viel Dämmerung und Nacht liegt über ihr, wie viel Wolken, Nebel, Regen, Schlamm und Sumpf verdunkeln ihre Leere. Venclova arbeitet auf einer Skala von tausend verschiedenen Graus und Brauns, zu denen nur der Schnee einen Kontrast bildet.

Venclova, Sohn des Stalinpreisträgers Antanas Venclova, der die sowjetische Hymne auf Litauisch umdichtete und eine neue Nationalhymne schrieb, ist nicht zuletzt deshalb ein übrig Gebliebener, weil die beiden Dichterfreunde, mit denen zusammen er einen Widmungs- und Gesprächszirkel bildete, sich in seinen Gedichten nicht mehr spiegeln können. Der litauische Pole und Katholik Czeslaw Milosz starb 2004, der Leningrader Jude Joseph Brodsky schon 1996. „Tomas, wir sehen uns ähnlich“, schrieb der in einem „Litauischen Notturno“ von 1974, „sind im Grunde derselbe; / du, der von innen das Fenster beräuchert, und ich, den es trennt, / beide ein Amalgam.“ Soweit das die Tatsache betrifft, dass Venclova nach einem mehrjährigen Publikationsverbot erst 1977 emigrierte und Slawistik-Professor in Yale wurde, während Brodsky schon 1972 über Wien und London in die USA gekommen war (und Milosz schon seit 1960 in Berkeley lehrte), ist das ein reizvolles Bild. Als Aussage über die stilistische Verwandtschaft ihrer Poesie ist es trügerisch. Brodsky selbst hat später einen entscheidenden Unterschied mit dem oft zitierten Satz benannt: „Venclovas Gesang beginnt da, wo die Stimme für gewöhnlich versagt, wenn einem der Atem ausgeht und alle inneren Kräfte verbraucht sind.“

Brodskys Gedichte sind nervöser, gedanklich zupackender. Milosz wiederum ist in seinen unsichtbaren philosophisch-literarischen Bezügen gewiss nicht einfacher, aber an der Oberfläche fasslicher. Aber Venclova führt daneben noch ein eigenes Geistergespräch, das man ohne die Kommentare, die dem Auswahlband „Gespräch im Winter“ beigegeben sind, nicht immer verstehen könnte. Venclovas Meister heißen Dante Alighieri und Boris Pasternak, den er noch persönlich kannte, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke, und, mehr als jeder andere, Ossip Mandelstam, der ihn Dichtung als Auseinandersetzung mit der Tradition verstehen ließ.

Vor fünf Jahren gab es – in der Übersetzung von Rolf Fieguth – schon einmal eine erste Auswahl. Nur löste sie seine formbewusste, metrisch feingesponnene Poesie in freie Verse auf. Claudia Sinnig, die damals Interlinearversionen angefertigt hatte, und Durs Grünbein, der ein ausgezeichnetes Nachwort beigesteuert hat, haben nun auch klanglich zu retten versucht, was sich ohne Vergewaltigung ins Deutsche retten lässt. Soweit sich das in Unkenntnis des Litauischen, einer indoeuropäischen, also nichtslawischen Sprache, die Verbindungen zum Sanskrit unterhält, beurteilen lässt, ist ihnen das überwiegend gelungen. Zumindest leben die deutschen Fassungen von einer eigenen Musikalität, egal, ob Venclova in Terzinen oder Sestinen spricht, ob er eine Ode schreibt oder – da holpert es allerdings – Formen wie die Villanelle erprobt, die er bei Brodskys Hausgott W.H. Auden („If I Could Tell You“) kennengelernt haben mag. Davon, wie körperhaft elementar diese Seite für seine Dichtung ist, kann man sich auf www.lyrikline.org am Beispiel von neun Gedichten überzeugen, die Venclova mit ebenso sonorer wie leicht verschatteter Stimme liest: Klarheit und Eintrübung, wie sie auch aus seinen Versen spricht.

Tomas Venclova: Gespräch im Winter. Gedichte. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 135 Seiten, 19,80 €. – Der Autor stellt den Band heute um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus vor.

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