Najem Wali : "Der Irak ist ein Irrenhaus“

Der Schriftsteller Najem Wali spricht im Interview über fünf Jahre Krieg, das Exil und die Sprengkraft der Fantasie.

Wali
Najem Wali -Foto: Thilo Rückeis

Herr Wali, heute jährt sich zum fünften Mal die Invasion der Amerikaner im Irak. Wie beurteilen Sie die momentane politische Situation?

Es ist eine katastrophale Lage. Die Menschen im Irak sind resigniert. Vor dem Einschreiten der Amerikaner hatten wir eine Diktatur, jetzt haben wir Chaos.

Sie leben seit 1980 in Deutschland im Exil. Wann waren Sie das letzte Mal im Irak?

2004. Theoretisch darf ich jetzt natürlich wieder zurück. Aber ich brauche Ruhe, um zu schreiben, und auch Distanz zum Land. Außerdem: Wenn man einmal ins Exil geht, dann für immer. Das Exil ist eine Einbahnstraße. Man selbst ändert sich mit den Jahren, die Menschen im Heimatland ändern sich auch. Wenn ein Haus zerstört wird, ist es eine Ruine. Wenn die Seele eines Menschen zerstört wird, ist das auch wie eine Ruine. Es gibt einen Körper, der durch die Straßen läuft, aber die Blicke sind leer.

Ihr Roman „Jussifs Gesichter“ gibt einen Einblick in das Leben im Kriegsland Irak. Gibt es dort noch so etwas wie Alltag?

Ja. Die Sirenen heulen, Bomben fallen, aber die Menschen gehen ihrem normalen Leben nach. Der Alltag hat sich angepasst. Viele sitzen in ihren Häusern, gehen sehr früh morgens in die Geschäfte zum Einkaufen und dann zurück nach Hause. Einerseits haben die Menschen Angst: In jeder Ecke kann der Tod lauern, plötzlich eine Bombe hochgehen. Andererseits macht so ein eingeschränktes Leben auch kreativ: Früher ist man abends ins Theater gegangen, jetzt gehen die Menschen vormittags. Stellen Sie sich vor: ins Theater um elf Uhr morgens.

Ihr Romanheld bezeichnet den Irak als das „Land der Siegreichen und Gedemütigten“, die Menschen dort seien „ständig krank“.

Menschen werden im Krieg schnell als Helden bezeichnet. Aber eigentlich ist es eine Demütigung. Das ist den wenigsten bewusst, sie prahlen sogar mit ihren Orden. Das erhabene und tapfere Land, das sich aufopfert für einen Krieg, gibt es nicht. Wer das glaubt, der ist krank.

Sie kritisieren heute die amerikanische Intervention, vor einigen Jahren haben Sie diese aber befürwortet.

Ich habe den Sturz Saddam Husseins befürwortet, nicht die Intervention. Für alle Iraker war es eine schwierige Entscheidung zwischen einer Diktatur und einer imperialen Macht, die wirtschaftliche Interessen verfolgt. Es gab nur Schwarz oder Weiß: Wer gegen Saddam ist, ist für die Invasion. Die Bevölkerung war so verzweifelt, dass es ihr egal war, wer einmarschiert. Und dann sollten sie abwägen, welcher Krieg barmherziger ist: der bisherige oder der kommende, dessen Versprechen aber nicht eingehalten wurden. Die Amerikaner haben Saddam gestürzt, dann hat der Westen sie allein gelassen.

Was haben die Amerikaner in Ihren Augen falsch gemacht?

Ein früher Fehler war die Auflösung der irakischen Armee. Sie hat nie gegen die Amerikaner gekämpft, denn Saddam nutzte vor allem die republikanische Garde und andere spezielle Truppen, die aus dem sogenannten sunnitischen Dreieck kommen. Aus dieser Gegend kommt auch der spätere Widerstand gegen die Amerikaner. Die irakische Armee dagegen, etwa zwei Millionen Rekruten und Berufssoldaten, die hauptsächlich aus dem schiitischen Teil der Bevölkerung stammen, Bauern und Arbeiterkinder – sie haben nie gegen die Amerikaner gekämpft. Traumatisiert wurden sie mit ihren Waffen nach Hause geschickt. Ohne Arbeit und Gehalt haben sie sich zu Banden zusammengeschlossen und begonnen, das eigene Land auszurauben. Sie haben sich gesagt: Wenn die Amerikaner plündern, warum dann nicht selber rauben? So hat man ein Volk von Räubern und Mördern geschaffen.

Die Iraker wurden also gegeneinander ausgespielt?

Das werden sie heute noch. Die Amerikaner haben kein Interesse an einem sicheren Irak. Jetzt verbreiten sie eine große Lüge: Wenn wir unsere Truppen abziehen, stürzt das Land ins Chaos. Sie sollten lieber einen Plan aufstellen, der sagt, wann, wie und wo ihre Truppen reduziert oder zurückgezogen werden. Das könnte auch Al Qaida die Rechtfertigung für den Terror entziehen. Auch die Uno sollte einbezogen werden, und die EU könnte eine große Rolle spielen. Die Europäer und der Westen müssen eine diplomatische Offensive starten.

Der Weg fürs Überleben sei das Geschichtenerzählen, der letzte heilige Krieg die „Schlacht gegen das Vergessen“, sagt Jussif. Ist das Ihre Aufgabe: die Erinnerung?

Für einen Neuanfang ist Erinnern immens wichtig. Denken Sie an Deutschland nach dem Krieg. Unter der Diktatur ist Vergessen die offizielle Devise. Erinnern ist gefährlich, ist Verantwortung. Die Leute schweigen jetzt, weil sie zwar Opfer, aber auch Täter sind. Sie haben Angst, für schuldig erklärt zu werden.

Inwiefern fühlen Sie sich als Exilautor in der Verantwortung für Ihr Land?

Die Iraker sind für mich ein Anhaltspunkt, aber worüber ich schreibe, das ist nicht spezifisch irakisch. Die Umgebung in meinen Romanen, die Gerüche, die Folterzellen, all das ist zwar irakisch, aber Vergessen und Erinnern, Liebe und Hass, das sind universelle, existenzielle Probleme. Wie auch die Suche nach Identität.

Jussif versucht, seine Geschichte zu erzählen, und wird dabei verrückt. Wie schreibt man über Krieg, Folter und Trauma, ohne selbst verrückt zu werden?

Im Irak bringt gerade jeder jeden um. Und ein Mann, Jussif, läuft durch diese Landschaft der Zerstörung und fühlt sich schuldig für einen Mord, den gar nicht er begangen hat, sondern sein älterer Bruder. Das ist meine Botschaft: Jeder Iraker muss sich schuldig fühlen. Mein Roman ist eine Art Parabel auf die Befindlichkeit der Bevölkerung während und nach dem Sturz Saddams: Man lebte (und lebt) in einem Irrenhaus, in dem Täter und Opfer sich oft nicht mehr unterschieden haben, in dem die Realität ein Albtraum ist und Einbildung eine Realität.

Eine der Schlüsselszenen spielt im Leichenschauhaus. Die Identifikation von Toten wird zur krankhaften Beschäftigung.

Die Menschen wollen nicht glauben, dass ihre geliebten Söhne, Männer, Familienmitglieder im Krieg einfach verschwinden. Sie möchten einen toten Körper haben, den sie beweinen können. Als ich im Irak war, kamen einige Särge nur mit Flüssigkeiten von der Front zurück. Oder es war nur eine Hand, ein Fuß übrig. Viele Mütter sagten dann: „Das ist nicht mein Sohn.“ Bis heute wartet meine Tante auf ihren Sohn Karim. Er ist 1980 gefallen, und sie glaubt, dass er lebt – weil sie keinen Sarg bekommen hat.

Erreicht Ihr Schreiben die Menschen im Irak? Ihr erster Roman „Die Reise nach Tell al-Lahm“ wurde in fünf arabischen Ländern verboten, auch im Irak.

Ich schreibe auf Arabisch und werde in Beirut veröffentlicht. Selbst zu Saddams Zeit kamen die Bücher als Fotokopien unter die Leute. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass „Die Reise nach Tell al-Lahm“ von jungen Leuten in Gruppen gelesen wurde. Literatur ist nicht nur Erinnern, sondern auch Aufdecken. Ich kann ihnen vielleicht ein paar Dinge über ihr Land erzählen, von denen sie nichts wussten, zum Beispiel von einer geheimen Folterzelle in der Innenstadt von Bagdad. Ich möchte die Wahrnehmung der Menschen schärfen. Ob sie die Verhältnisse ändern, liegt dann an ihnen selbst.

Das Gespräch führte Katja Reimann.

Najem Wali wurde am 20. Oktober 1956 im irakischen Basra geboren. Als Kritiker Saddam Husseins und Gegner des Iran-Irak-Kriegs  verbrachte er 1980 sechs Wochen im Gefängnis und wurde gefoltert. Noch im selben Jahr floh er ins Exil nach Deutschland.

In Hamburg und Madrid studierte er Deutsche und Spanische Literatur. Vor fünfzehn Monaten zog er nach Berlin-Kreuzberg. Seine Romane Die Reise nach Tell al-Lahm (2004) und Jussifs Gesichter (aus dem Arabischen von Imke AhlfWien, 2008, 19,90 €) sind im Hanser Verlag erschienen. Najem Wali arbeitet auch als freier Journalist für deutsche und arabische Medien.

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