Nationalsozialismus : Lesestoff

Der US-Historiker Peter Fritzsche analysiert die Praxis der Volksgemeinschaft.

Benjamin Ziemann

Peter Fritzsche: Life and Death in the Third Reich. Harvard University Press, Cambridge/Mass, 2008. 378 S., 22,99 Euro.



In seiner neuen, bisher nur auf Englisch vorliegenden Darstellung der Grundlinien des nationalsozialistischen Projekts stellt der US-Historiker Peter Fritzsche die Praxis der Volksgemeinschaft in das Zentrum der Analyse. Damit setzt er sich von jenen Deutungen ab, die entweder den charismatischen Führer Hitler, Repression und Propaganda oder aber die materielle Bestechung der Massen durch den populistischen „Volksstaat“ (Götz Aly) als Ursachen der Integrationskraft des Regimes postuliert haben. All diesen Erklärungen ist ein mechanisch-materialistisches Verständnis von Gesellschaft zu eigen. Fritzsche dagegen geht es um die symbolische und rituelle Dimension der „Volksgemeinschaft“, die es den Deutschen ermöglichte, sich gegen alle inneren Widerstände selbst dem Projekt einer Erneuerung der Nation zu verschreiben. Das Projekt der Volksgemeinschaft war keine Erfindung der Nazis. In der von Konflikten zerrissenen Weimarer Republik hatten mit Ausnahme der Kommunisten alle Parteien ihre Hoffnungen auf eine Versöhnung von Klasseninteressen durch nationale Solidarität gesetzt. Nach der Machtergreifung des Januar 1933 waren es aber die Nationalsozialisten, denen selbst jene die praktische Umsetzung des Projekts der Vergemeinschaftung zugute hielten, die dem Regime skeptisch gegenüberstanden. Dazu trugen nicht nur die öffentlichen Inszenierungen symbolischer Integration bei. Noch wichtiger waren, so Fritzsche, jene vielen privaten Gespräche und Selbstgespräche, in denen einfache Leute die Notwendigkeit zur Anpassung an die Gegebenheiten diskutierten sowie Vorbehalte gegenüber der neuen Gemeinschaft ansprachen. Um diese Dimension zu erschließen, bedient sich Fritzsche des inzwischen reichlich vorhandenen Fundus an Tagebüchern, Briefen und anderen Selbstzeugnissen. Damit zeigt er, wie Einzelne die Rhetorik der Volksgemeinschaft benutzten, um ihre eigene Lebensgeschichte zu reflektieren und sich schließlich mit ihrer eigenen Biographie in diesem nationale Erneuerung versprechenden Projekt wiederzufinden. Manche These des Buches ist nicht ausreichend belegt. Dennoch ist Peter Fritzsche mit dieser Interpretation des „Dritten Reiches“ ein großer Wurf gelungen. Benjamin Ziemann

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