Nationalsozialismus : Radikalisierte Variante

Eine autoritäre Ära: Wippermann und Wehler untersuchen den politischen Charakter des Nationalsozialismus.

Ernst Piper

Wolfgang Wippermann hat in diesem Frühjahr zwei Bücher vorgelegt, die eigentümlich kontrastieren. In „Dämonisierung durch Vergleich. DDR und Drittes Reich“ wehrt er sich vehement dagegen, die beiden Diktaturen, die es auf deutschem Boden gegeben hat, zu vergleichen. Das führe unweigerlich zu einer Dämonisierung der DDR und einer Relativierung des NS-Regimes und seiner Verbrechen. Seine Haupteinwände gegen den Vergleich heißen Vernichtungskrieg und Holocaust. Diese beiden Kriterien, die in der Tat den Kern des NS-Regimes ausmachen, hindern Wippermann aber keineswegs daran, das Dritte Reich in seinem neuen Buch zum Faschismus geradezu emphatisch unter einen „generischen Faschismusbegriff“ zu subsumieren und so in einen engen Vergleichszusammenhang mit Regimen zu bringen, man denke etwa an Spanien unter Franco, deren Herrschaftspraxis eine gänzlich andere war. Wippermann wehrt sich denn auch gegen die These von der Singularität des Holocaust, denn dieses „deutsche Megaverbrechen“ dürfe nicht zu einer Relativierung der Untaten anderer faschistischer Regime führen.

Wippermann hat sich im Lauf der Jahre zu einem radikalen Gegner der Totalitarismustheorie entwickelt, weswegen der Vergleich von DDR und Drittem Reich für ihn tabu ist. Dabei gab es nicht nur phänomenologische Parallelen, sondern auch personelle und topografische Kontinuitäten, man denke nur an die doppelte Lagergeschichte von Buchenwald, die zu erforschen durchaus lohnt. Stattdessen setzt Wippermann das Dritte Reich in einen Kontext mit „Faschismen“ allüberall und geht dabei mitunter auch weit in die Vergangenheit zurück.

Wolfgang Schieder hat wiederholt auf den Vorbildcharakter des italienischen Modells verwiesen und dafür plädiert, den Faschismusbegriff auch auf den Nationalsozialismus anzuwenden. Wippermann geht weit darüber hinaus und postuliert einen „faschistischen … Realtypus, der vom italienischen Faschismus geprägt und repräsentiert wird“. Dieser Realtyp zeichnet sich aus durch Einparteienstaat, Führerprinzip, uniformierte und bewaffnete Abteilungen, einen neuen politischen Stil und eine ideologisch begründete Gewaltausübung. Um den rassistischen Kern der Ideologie gruppieren sich antisemitische, antimarxistische, antidemokratische, antifeministische und nationalistische Elemente. Mit diesem analytischen Instrumentarium marschiert Wippermann durch Zeiten und Kontinente, denn der Faschismus ist ein „epochenübergreifendes und zugleich globales Phänomen“.

Man kann sich fragen, was damit gewonnen ist, wenn wir erfahren, dass Franz Schönhuber ein Faschist war, der Amerikaner Gerald Burton Winrod sogar ein fundamentalistischer Faschist, der allerdings so wirkungslos blieb, dass sein Todesdatum unbekannt ist. Der Kongolese Mobutu war ein Faschist, Idi Amin in Uganda dagegen nicht, weil ihm eine faschistische Partei fehlte. Bei seinem Galopp durch die Weltgeschichte schwankt Wippermann zwischen Ideologie- und Politikgeschichte und der Versuch, alles einzuordnen, führt manches Mal zu krausen Ergebnissen. So war Hitler Mussolinis Schüler, Berlusconi dagegen ist Mussolinis Erbe. Ein Faschist sei Berlusconi aber nicht, weil er in freien Wahlen zur Macht gekommen ist. Nach diesem Kriterium wäre Adolf Hitler dann allerdings auch kein Faschist. Wippermanns kategorisierende Anstrengung schließt mit dem trotzigen Selbstlob, dass es eine solche umfassende Studie bisher nicht gegeben hat. Die Frage, ob sie uns gefehlt hat, ist damit noch nicht beantwortet.

Ein Buch von ganz entgegengesetztem Charakter legt Hans-Ulrich Wehler vor. „Der Nationalsozialismus“ ist eine Auskoppelung aus dem vierten Band seiner monumentalen deutschen Gesellschaftsgeschichte. Das auf Max Webers Modell der charismatischen Herrschaft fußende Konzept war in der Fachwelt seinerzeit umstritten. Wehler formuliert jetzt an manchen Stellen etwas vorsichtiger. Insgesamt aber ist der Text wenig verändert, vielmehr vor allem gekürzt. Die Abschnitte über Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur sind weggefallen, denn der Autor wollte eine „Politikgeschichte des Nationalsozialismus und des Führerabsolutismus“ bieten.

Auch Wehler lehnt die Totalitarismustheorie ab, allerdings nicht wegen ihrer Instrumentalisierung im Kalten Krieg, sondern wegen ihrer fundamentalen Schwächen, wie Wehler überhaupt vom historischen Material ausgeht und nicht von Ideologemen. Ebenso lehnt Wehler auch die Faschismustheorie ab, da sie der „deutschen, extrem radikalisierten Variante“ nicht gerecht werde. Stattdessen bezieht er sich, ohne ihn zu nennen, auf Roger Griffins Konzept vom palingenetischen Ultranationalismus, das sich gerade auch bei der Interpretation der Aufstiegsphase der NSDAP als fruchtbar erweist. Vor allem aber stützt er sich auf Webers Charismamodell. Dieser Ansatz führt den Begründer der Bielefelder Schule zu einem überraschend personalistischen Modell der „charismatischen Führerdiktatur“ und folgerichtig zu einer intentionalistischen Interpretation des Holocaust. Als das entscheidende Moment benennt er „die höchste Priorität, welche die Judenfeindschaft im nationalsozialistischen Weltbild, namentlich aber in Hitlers Ideenhaushalt genoss“.

Wehler interpretiert Hitlers Herrschaft als „charismatisch legitimierte neoabsolutistische Führerdiktatur“, die einmalig in Europa gewesen sei. Das ist ein durchaus überzeugender Ansatz, aber Wehler verengt ihn zu sehr. Er überhöht Hitler zum politischen Messias. Fruchtbarer wäre es gewesen, das Faktum vergleichend in den Blick zu nehmen, dass es damals in ganz unterschiedlichen politischen Systemen eine Reihe von charismatischen Führerpersönlichkeiten gab, zum Beispiel Roosevelt, Churchill, Mussolini und Stalin. Es war ein autoritäres Zeitalter, eine Zeit der Gewalt und der Extreme, die solche Persönlichkeiten hervorbrachte.

Auch sehr gute Bücher sind nicht frei von Fehlern. Hans-Ulrich Wehler pflegt sie als Rezensent mit akribischer Strenge zu notieren. Hier soll einer genügen: Eine interdisziplinäre Expertenkommission hat mit einer über jeden Zweifel erhabenen Genauigkeit dargelegt, dass für die Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 nicht mehr als 18 000 Tote nachgewiesen werden können. Dennoch fabuliert Wehler von bis zu 135 000 Toten, eine Zahl, die man sonst nur aus rechtsradikalen Kreisen kennt.

Der Beck Verlag hat noch ein zweites Buch mit dem Titel „Der Nationalsozialismus“ herausgebracht. Sein Gegenstand ist die Nachgeschichte des Dritten Reiches, die die zwölf Jahre der eigentlichen Geschichte an Dauer inzwischen um ein Vielfaches übertrifft und dennoch nach wie vor in vielem von ihr geprägt ist. In den Beiträgen geht es um die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Literatur, Kunst, Film und Fernsehen, aber auch um Gedenktage, Mahnmale und andere Aspekte der Vergangenheitspolitik. So liefert Peter Reichel eine Zusammenfassung seines vorzüglichen Buches „Vergangenheitsbewältigung in Deutschland“, das vor einigen Jahren ebenfalls im Beck Verlag erschienen ist.

Den Herausgebern ist es gelungen, für viele Themen erste Kenner der Materie zu gewinnen. So gibt es ausgezeichnete Beiträge zur Architektur, zu Mahnmalen und Gedenkstätten und zur Wiedergutmachung. Deplatziert wirkt allerdings der Beitrag von Ulrich Krempel zur bildenden Kunst. Den größten Teil des Textes verwendet Krempel für eine grobe und nicht fehlerfreie Darstellung der Künste zwischen 1919 und 1945, bevor er zum Thema kommt, wobei er, konträr zum Buchtitel, penetrant von „Faschismus“ spricht.

Ergänzt wird der Band durch ein höchst nützliches Personenregister und eine ausführliche Bibliografie. An manchen Stellen hätte man sich mehr Sorgfalt gewünscht. So wird die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ auf 1977 datiert, während im Vorwort die richtige Jahreszahl 1979 steht. Aber insgesamt ist „Der Nationalsozialismus“ ein überaus nützliches Kompendium.

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