Navid Kermani : Drum ehret eure Märtyrer

Navid Kermani liest im Berliner Gropius-Bau – und will die Idee des altruistischen Opfers retten.

Marianna Lieder
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Foto: dpa

Gemeinsam mit Kardinal Karl Lehmann und Salomon Korn, dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, hatte Navid Kermani vor drei Wochen den Hessischen Kulturpreis schließlich doch noch erhalten. Damit war ein Schlussstrich unter die heftige Auseinandersetzung gezogen, die im Anschluss an den Essay über die Kreuzigungsdarstellung Guido Renis entbrannt war. In dem Text, der im März in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienen war und zum Anlass für eine zeitweilige Aberkennung des Preises an Kermani genommen wurde, artikuliert der Orientalist und Schriftsteller seine Vorbehalte gegen sakrale Opfer- und Gewaltinszenierungen, gegen Kruzifixe, mit denen das Martyrium „bis zum Pornographischen“ zelebriert werde. Im Ausgang von der harschen Kritik der Kreuzestheologie als Idolatrie und Gotteslästerung nimmt der Text eine Wendung hin zu einem ästhetischen Erlebnis, welches den Autor an die Grenze der Konversion zum Katholizismus führt.

Am Donnerstagabend wurde der Begriff des Martyriums von dem Orientalisten und Schriftsteller erneut ins Spiel gebracht, auch diesmal im Zusammenhang mit einem Dokument der christlichen Ikonografie. Während auf einem großen Bildschirm im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus eine Szene der St.-Ursula-Legende von Hand eines unbekannten spätgotischen Meisters zu sehen war, trug Kermani Auszüge aus unveröffentlichten Texten vor.

Er kontrastierte die bieder-mädchenhafte Darstellung der blond gelockten, pausbäckigen Märtyrerin Ursula und den für heutige Ohren „etwas hausbacken“ anmutenden Klang ihres Namens mit „der Glut, Gewalt, dem unfassbaren, überirdischen, ja übersinnlichen Sexappeal“ der Heiligen, die der christlichen Mythenbildung zufolge elftausend Jungfrauen um sich scharte, diese zum Christentum bekehrte, das Begehren von angelsächsischen Prinzen und Hunnenfürsten entfachte, von Engeln ihren gewaltsamen Tod prophezeit bekam und als sie dem Schicksal furchtlos entgegenschritt, gleich ganz Köln rettete.

Auch wenn sich in Kermanis Guido-Reni-Meditation die ablehnende Irritation über das sakral verklärte Leiden mit dem Hingerissensein angesichts des poetisch überhöhten Opfers mischt – verglichen damit beinhaltet der Ursula-Text eine regelrechte Rehabilitation des Martyriums.

Wenn dieser Begriff seine Schriften durchziehe, so Kermani, habe er im Blick, wie das Martyrium als Gründungsmoment der christlich geprägten Kultur derzeit mehr und mehr an Relevanz einbüße. Im literarischen Kanon ebenso wie in der abendländischen Bildwelt wimmele es nur so vor Märtyrern. Wo diese Bezeichnung allerdings nur noch mit Selbstmordattentätern, ansonsten höchstens mit einem obsoleten Ideal in Verbindung gebracht werde, gehen in seinen Augen nicht nur wesentliche Bezugspunkte in Kunst und Literatur verloren – vergleichbare Bedeutungseinbußen auf gesellschaftlicher Ebene, bis in die „politische Rhetorik“ hinein, erleidet auch die Idee des altruistischen, gemeinnützigen Handelns.

Leitmotivisch durchzieht das Spannungsverhältnis von tradierter Religiosität und säkularisierter Moderne Kermanis Schriften; auf exemplarische Weise auch die beiden anschließend vorgetragenen Essays, zu denen durch kurze Diskussionseinschübe mit der Kuratorin Almut Sh. Bruckstein Coruh übergeleitet wurde, die den Deutsch-Iraner im Kontext der Ausstellung „Taswir – islamische Bilderwelten“ eingeladen hatte.

Mit Überlegungen, wie der Zufall in der zeitgenössischen Schriftstellerproduktion an den angestammten Platz des Heiligen tritt, als Ersatz für „das Göttliche“, die „transzendente Muse“, derer es bedarf, „um mehr in die Kunst hineinzubringen, als in einem selbst ist“, kommentierte Kermani seine Schilderung über ungeplante Veröffentlichungen. In dem autobiografischen Text, auf den die Aufführung einer Sinfonie von Sidney Corbett folgte, verhandelte er die „doppelte Erfahrung der Fremdheit“, die praktizierende Muslime ereile, wenn sie in einem nicht-islamischen Umfeld versuchten ihre unverstandene Religiosität zu verschleiern. Marianna Lieder

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