Neue Erzählungen : A.L. Kennedy: Eine Nähe für immer

Überwältigungskunst: Die schottische Autorin A.L. Kennedy legt neue Erzählungen aus acht Jahren vor

Meike Fessmann

Es fängt schon beim Titel an und wiederholt sich in jeder neuen Geschichte: Die Atmosphäre ist sofort spürbar, ein flirrender Widerspruch aus Zartheit und Gewalt. Die Überwältigungskunst der Schottin A.L. Kennedy ist eine ausgefeilte literarische Strategie und lässt sich doch am ehesten mit einer vergleichsweise alltäglichen Situation erklären. Man betritt einen Raum, in dem eine kleine Gruppe von Menschen zugegen ist. Sie befindet sich in einem angeregten Gespräch, dessen Thema man ebensowenig kennt wie die Personen und ihr Verhältnis. Man gesellt sich dazu und versucht nach und nach die Gesprächssituation zu erfassen, zögernd nimmt man teil, sobald sich eine gewisse Ausgangshypothese gebildet hat. Am Ende erweist sie sich als falsch. Aber was man erlebt hat, war spannender als alles Vorstellbare.

Wie ein Raum sich verändert, wenn ihn jemand betritt, den man kennt – mehr noch: mit dem man „einst übereinstimmte“–, ist das Thema der Titelerzählung von „Hat nichts zu tun mit Liebe“. In einem Krematorium, dessen verächtliche Kälte die Erzählerin wie eine Attacke auf die Hinterbliebenen wahrnimmt, treffen zwei zusammen, die sich vielleicht einmal geliebt haben. Beide sind nur gekommen, um den anderen zu sehen, um sich „gegenseitig weh zu tun“.

Auf knappen acht Seiten lässt Kennedy alle Facetten dieser Beziehung aufscheinen, vom Wissen, wie der andere sich anfühlt, vom Wunsch, ihn zu berühren, von der Erinnerung, wie es langsam bergab ging mit ihnen, bis dorthin, wo sie jetzt sind: „jeder ein schlechtes Spiegelbild des anderen. Nichts Besseres, nichts Zarteres, nichts, was mit Liebe zu tun hätte.“ Und dennoch will die Erzählerin am Ende wenigstens sicher sein, „dass wir nicht voneinander lassen“. Auch dies ist typisch für A.L. Kennedy: Nähe soll niemals enden, selbst wenn sie zerstörerisch wird.

Noch seltsamer, weil intimer, ist der Raum, in den der Leser in der zweiten Erzählung hineingestoßen wird: mitten in den atemlosen Dialog eines Liebespaars, das sich gegenseitig aufreizt und anfeuert: „Das ist schön. Sehr schön“ – „Genau so mag ich dich. Toll.“ Dazwischen aber prangt, bescheiden und gemein, ein typischer Kennedy-Satz: „Das hätte jeder hinbekommen – wirklich jeder.“ Diese Mischung aus Hingabe und Ruppigkeit verblüfft immer wieder. Sie ist das Geheimnis der weiblichen Figuren A.L. Kennedys, die immer hypersensibel und doch zugleich umstandslos, also niemals hysterisch sind, und ebenso das Geheimnis ihrer Schreibweise. Die Sätze kommen ganz locker und einfach daher, fast alltäglich, und dann biegen sie plötzlich ab, bleiben stehen und lassen einen auflaufen: Peng!

Der vorliegende Auswahlband des Wagenbach Verlags, den man nicht genug dafür loben kann, dass er diese Ausnahmeschriftstellerin bis hin zu ihrem gewaltigen Vater-Tochter-Roman „Alles was du brauchst“ in der erstaunlichen Übersetzung Ingo Herzkes dem deutschen Sprachraum erschlossen hat, versammelt Geschichten aus acht Jahren beziehungsweise drei verschiedenen Erzählbänden. Dabei sieht man, wie sich das Schreiben Kennedys entwickelt und radikalisiert hat. Am Anfang und Ende stehen jeweils zwei der jüngsten Texte, die älteren werden rückläufig in die Mitte genommen.

In ihnen ist das Thema, die Verbindung von Liebe und Gewalt, schon da, nicht aber der strenge Zugriff des Erzählens (außer in der vielleicht besten Geschichte, „Fallen verlernen“). Die Storys mäandern in Familienstrukturen hinein, zeigen allein erziehende Mütter, väterlichen Missbrauch, serienmordende Ersatzväter und junge Prostituierte, die für ihren heroinsüchtigen Freund auf den Strich gehen. Das wird, so überzeichnet es auch sein mag, der Urgrund dieses überwältigenden Schreibprojekts sein.

A.L.Kennedy: Hat nichts zu tun mit Liebe. Erzählungen. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2003. 136 S., 9,90 €.

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