Neuer Roman : Rote Seide, rotes Blut

Henning Mankell erforscht in seinem Thriller "Der Chinese“ den neuen Kolonialismus.

Wiebke Porombka
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Henning Mankell -Foto: dpa

Kaum zu glauben: Man kann auch mit Moral Quote machen. Seit Jahren schreibt Henning Mankell Bestseller, in denen er politische und gesellschaftliche Abgründe erhellt, und beweist damit, dass die Verbindung von Unterhaltung und Engagement funktionieren kann. Schon in seinen Wallander-Krimis ging es Mankell nie um die schnöde Schaulust am Bösen, sondern immer auch um die Frage nach der sozialen Bedingtheit von Verbrechen. Mit seinen Afrika-Büchern verschrieb er sich endgültig einer aufklärerischen Mission. Von den Folgen des Kolonialismus erzählt Mankell genauso wie von den Verheerungen des Aidsvirus.

Sein jüngster Roman „Der Chinese“ nimmt seinen Ausgang in Mankells Heimat Schweden. Anders als die Hafenstadt Ystad, die durch Kommissar Wallander zu einer Kultstätte geworden ist, ist Hesjövallen ein fiktiver Ort. Er wird belagert von Schaulustigen, Journalisten und von der Polizei, nachdem 18 Bewohner der kleinen Ortschaft grausam hingerichtet worden sind. So unbegreiflich die Bluttat anfangs wirkt, so schnell wird klar, dass ihre Wurzeln nicht nur bis nach China und Amerika, sondern auch mehr als ein Jahrhundert zurückreichen. Einmal mehr geht es um Kolonialismus, Unterdrückung und um eine Schuld, die sich bis in die Gegenwart erstreckt.

Nicht so klar indes – auch wenn Mankell mit fast rührender Offensichtlichkeit seine Spuren auslegt – ist das alles der zuständigen Polizei, die in diesem Fall ausgesprochen tumb auf falscher Fährte tappt. So kann sich derweil die Richterin Brigitta Roslin der Sache annehmen. Ihr Interesse ist geweckt, als sie eine entfernte Verwandtschaft zu einem Teil der Opfer feststellt. Während Brigitta, sexuell unbefriedigt und an überhöhtem Blutdruck leidend, an ihrer Midlifecrisis laboriert, legt sie Schicht um Schicht des Verbrechens frei.

Ein rotes Seidenband, das als einziges Indiz in den Schneewehen des Tatorts zurückbleibt, führt Brigitta zunächst in ein Chinarestaurant und bald darauf nach Peking. Bevor sie allerdings diese Reise antritt, schickt Mankell den Leser auf einen umfangreichen Exkurs ins China des 19. Jahrhunderts. Vom erbarmungswürdigen Leben der Landbevölkerung erfährt man da, von Schleuserbanden, die halbverhungerte Bauern nach Amerika verschiffen, und von der Brutalität, die diese chinesischen Arbeiter als Leibeigene im Eisenbahnbau erleben müssen.

Mankell interessiert die große Perspektive: die Frage, wie sich China nach Mao Zedong von seiner fernen und jüngeren Vergangenheit hat emanzipieren können. Die notdürftig motivierten Debatten über das Für und Wider von Todesstrafe, staatlicher Reglementierung und wirtschaftlicher Expansion, die sich zwischen den Vertretern einer neu aufstrebenden Elite Chinas und den Anhänger der alten maoistischen Maximen entspinnen und für die Brigittas Pekingreise den äußeren Rahmen bildet, überdehnen Mankells kriminalistischen Bogen bald.

Nimmt man in diesem Zusammenhang den blutigen Racheakt ernst, dem die Bewohner von Hesjövallen anheimfallen, hat man es unterm Strich mit der These von einer wild gewordenen Nation zu tun, die ihren historischen Nachholbedarf ausbuchstabiert. Leidtragende sind dabei für Mankell nicht in erster Linie die europäischen Staaten, sondern die afrikanischen Länder. Tatsächlich ist China zu einem wichtigen Handelspartner Afrikas geworden, dessen Kooperation mit umstrittenen Machthabern wie Robert Mugabe der Westen mit Sorge beobachtet. Mankell geht noch einen Schritt weiter und lässt seine chinesischen Strippenzieher eine breit angelegte Ansiedlung chinesischer Bauern auf afrikanischem Gebiet planen und damit die wirtschaftliche Expansion Chinas zur Kolonisierung werden.

Dass Mankell dabei nicht viel mehr an Tiefenschärfe gewinnt, als es seinem Unterhaltungsformat entspricht – geschenkt. Schwerlich aber kann man sich des Eindrucks erwehren, dass Mankell von der Aufmerksamkeit für die Olympischen Spiele profitieren will. Sein Roman erscheint in sieben Ländern gleichzeitig. Reiner Zufall, behauptet er.

Henning Mankell: Der Chinese. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay, Wien 2008. 608 S., 24,90 €

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