Neuerscheinung : Gegen den Strom

Grit Poppe erinnert in ihrem Roman "Weggesperrt“ an den Schrecken der DDR-Jugendwerkhöfe.

Margit Lesemann

„Selbst wenn sie hier morgen wieder herauskam, würde nichts sein wie vorher. Sie war verschleppt worden, einfach so, entführt aus der eigenen Wohnung und der Stadt in der sie lebte. Verfrachtet in einen Käfig.“ Anjas Leben wird auf den Kopf gestellt, als ihre Mutter, die einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt hat, 1988 von der Stasi verhaftet wird. Das 14-jährige Mädchen kommt in einen Jugendwerkhof, wo es zu einer „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ erzogen werden soll.

Wieso bin ich hier? Wieso passiert ausgerechnet mir das alles? Geschockt von der Gewalt und der Unterdrückung fragt sich Anja immer wieder, was sie verbrochen hat. Gewiss, sie war aufmüpfig in der Schule, ist als Einzige ihrer Klasse nicht in die FDJ eingetreten. „Du kannst mit dem Strom schwimmen oder auch dagegen, dich anpassen oder deinen Weg suchen“, hatte ihre Mutter gesagt. Aber ist das ein Grund, sie einzusperren? Als Anja eines Tages ausrastet und eine Erzieherin angreift, wird sie nach Torgau geschickt, in den geschlossenen Jugendwerkhof, der dem Ministerium für Volksbildung und der Ministerin Margot Honecker direkt unterstellt war. Damit teilt Anja das Schicksal von 4000 Jugendlichen, die zwischen 1964 und 1989 in Torgau „weggesperrt“ wurden. Torgau heißt Isolation, militärischer Drill, Zwangssport bis zur Erschöpfung.

Die 1964 geborene Grit Poppe ist in der DDR aufgewachsen. Sie studierte am Literaturinstitut in Leipzig und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. In ihrem dritten Roman „Weggesperrt“, der sich in erster Linie auf Berichte von Zeitzeugen stützt, beschreibt sie die Unmenschlichkeit, mit der den Jugendlichen zugesetzt wurde. Damit ist ihr ein ebenso wichtiges wie verstörendes Buch über ein lange verschwiegenes Kapitel der DDR-Diktatur gelungen, das nicht nur Jugendliche lesen sollten.

Grit Poppe macht es den Lesern nicht leicht: Hinter ihrem sehr lakonischen Ton ist das Entsetzen in jeder Zeile spürbar. Dass sie dabei nicht grau in grau malt, macht die Geschichte glaubhaft. Als Anja nach einem Unfall ins Krankenhaus kommt, flieht sie nach Leipzig. Angstvoll und verschüchtert geht sie durch die Straßen, doch sie stellt fest: In ihrer Abwesenheit hatte sich draußen etwas verändert. Die Menschen liefen nicht mehr so geduckt, sondern irgendwie aufrechter. Gemeinsam mit Tom, einem Jungen, den sie aus dem Heim kennt, schließt sich Anja der Montagsdemonstration an. „Zum ersten Mal schwimmen wir mit dem Strom und nicht gegen ihn.“

Grit Poppe: 
Weggesperrt.
336 Seiten. Cecilie Dressler Verlag,
Hamburg 2009.
9,95 Euro.
Ab 14 Jahren.

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