Nicht entschuldbar : Christhard Läpple über Stasi-Biographien

Nicht die Stasi-Akten sind das Problem“, schreibt Christhard Läpple, „sondern unser Umgang damit.“ Um zu diesem Ergebnis zu kommen, hat der ZDF-Journalist dreihundertfünfzigtausend Seiten Akten ausgewertet. Läpple ging es darum zu demonstrieren, was Verrat in der Biografie von Tätern und Opfern anrichtet.

Hannes Schwenger

In seinem Buch, das sechs von tausend ermittelten Fällen schildert, kommen die handelnden Personen zu Wort, die sich – teils widerstrebend, teils in trotzigem Selbstbewusstsein – Gesprächen über ihre Verstrickung gestellt haben. „Ich war fasziniert, weil diese Lebensläufe etwas spiegelten, was uns alle anging. Ich konnte die Spannung und Zerrissenheit der Akteure fühlen, die aus den Akten drang. Es ging um Hoffnungen und darum, wie diese begraben wurden“, schreibt Läpple. Hoffnungen worauf? Auf die gute Sache des Sozialismus? Auf den Sieg im Kalten Krieg? Auf staatsbürgerliche Pflichterfüllung?

Von allem etwas, wenn man die sechs Lebensläufe von Menschen liest, die freiwillig, verführt oder gepresst zu Verrätern wurden oder umgekehrt Geheimnisse der DDR preisgaben, um der Diktatur ein Schnippchen zu schlagen. Da ist der „Meisterspion aus Dresden“, der als jugendlicher Oppositioneller von der Stasi „umgedreht“ wird und als Hochschullehrer seine Kollegen bespitzelt, bis ihn der KGB für Glasnost begeistert. In Wendezeiten unterwandert er das „Neue Forum“, wird Referent für die Führungsakademie der Bundeswehr, schließlich Kontaktperson für westliche Dienste. In Dresden wird er „abgewickelt“, ein Schlaganfall wirft ihn aus der Bahn. Er zögert, seine Geschichte öffentlich preiszugeben. „Dann sagt er: Warum nicht? Halbe Sachen seien nicht seine Sache. Seit seinem Schlaganfall sei er angstfrei, sozusagen ein anderer Mensch. Nur wer ohne Angst ist, das habe schon Schiller erkannt, der sei ein wahrhaft freier Mensch.“

In Schillers Weimar führt die Lebensgeschichte eines – zu DDR-Zeiten – Museumsdirektors, den die Stasi mit Erfolg auf einen Westkorrespondenten ansetzt. Aus Bekanntschaft wird Zusammenarbeit, aus Zusammenarbeit Freundschaft, bis der Korrespondent dem vermeintlichen Freund seine Wohnungsschlüssel anvertraut. Der war nach Läpples Einschätzung „einer der effektivsten DDR-Spitzel in der westlichen Fernsehredaktion Ende der 80er Jahre“. Als er nach der Wende auffliegt, lebt der Korrespondent im Pflegeheim und erfährt einen schweren Schock. Auf die Frage, warum er Jahre gezögert habe sich selber zu offenbaren, kommt die knappe Antwort: „Nein, das hätte mir doch geschadet.“ Der Korrespondent habe damit rechnen müssen, in der DDR „abgeschöpft“ zu werden, und fügt hinzu: „Aber entschuldbar ist das nicht.“

Zwei Fälle handeln von Opfern der Stasi, die dem ZDF Informationen gaben und dafür büßen mussten: Ein junger Mann, der das Westfernsehen über Unruhen in Wittenberge verständigt und von einem Freund an die Stasi verraten wird; eine junge Frau, die dem ZDF Interna aus ihrem Betrieb offenbart und in einem Schauprozess zu sieben Jahren Haft verurteilt wird. Zu Ihrem Stasi-Vernehmer entwickelt sie ein Vertrauensverhältnis, das sie bis heute umtreibt.

Am verblüffendsten ist die Geschichte eines Ehepaars, das nach einjähriger Spionageschulung in die Bundesrepublik übersiedelt. Obwohl – oder weil? – es der Frau gelingt, als Journalistin Prominente aus Presse und Politik „abzuschöpfen“, verlieren die beiden ihre Motivation und politische Überzeugung. Als sie bei einem letzten konspirativen Treffen in Ost-Berlin die Zusammenarbeit aufkündigen, werden sie nicht etwa verhaftet, sondern nur zum Schweigen verpflichtet. Ihr Führungsoffizier wünscht ihnen süffisant eine angenehme Ausreise. Dabei bleibt es, bis die Akten gefunden werden. Ob sie sich als Verräterin sieht? „Mit diesem Wort würde ich sehr vorsichtig umgehen“, ist die Antwort. „Die Frage ist immer, welche Ideale man hat und wofür diese Geheimdienste arbeiten. Ich glaube, man wird sie immer brauchen. Ich würde es nicht mehr in dieser Form tun.“ Ihren Bekannten im Westen hat sie sich offenbart, keiner habe ihre Entschuldigung ausgeschlagen. Es stimmt: Nicht die Stasi-Akten sind das Problem, sondern unser Umgang damit.

– Christhard Läpple: Verrat verjährt nicht. Lebensgeschichten aus einem einst

geteilten Land.

Hoffmann & Campe, Hamburg 2008.

350 Seiten, 19,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben