Literatur : Nicht so gemeint

„Pogromstimmung“? Walter Laqueurs Geschichte des Antisemitismus kommt genau zur rechten Zeit

Ralf Balke

Es gibt wohl kaum ein Phänomen in der Menschheitsgeschichte, das so gründlich in all seinen Facetten analysiert und beschrieben wurde und sich dennoch derart hartnäckig hält wie der Hass gegen die Juden. Mit der Feindschaft, die in jüngster Zeit Israel entgegenschlägt, erfährt er eine neue Dimension; ewig wiederkehrende Debatten über „Pogromstimmungen gegen Manager“ (Christian Wulff, ähnlich auch Ifo-Chef Hans-Werner Sinn) oder die Erinnerung an deutsche Schicksalstage dominieren Politikerreden und Nachrichtenspalten. Es „spricht nichts dafür, dass das letzte Kapitel der langen Geschichte des Antisemitismus bereits geschrieben ist“, schreibt Walter Laqueur deshalb in der Einleitung zu seinem neuen Buch. Das klingt wenig optimistisch.

Walter Laqueur verspricht nichts Geringeres als eine Geschichte des Antisemitismus von seinen Anfängen im Altertum bis zur Gegenwart. Und das auf nur knapp 250 Seiten. Auf den ersten Blick klingt das etwas vermessen, doch bei der Lektüre stellt man sofort fest, dass es wohl kaum einen qualifizierteren Autor gibt, der ein derart komplexes Thema sprachlich und inhaltlich überzeugend in dieser Kürze vermitteln kann. Dreißig Jahre lang war Laqueur, der 1921 in Breslau geboren wurde und vor den Nazis rechtzeitig fliehen konnte, Direktor der Wiener Library, einer der führenden Institutionen in Sachen Antisemitismusforschung. Vielleicht ist es genau diese Lebenserfahrung und jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Judenhass, die dafür sorgt, dass sich in Laqueurs Stil gelegentlich Ironie einschleicht. „Einer der bekanntesten Intellektuellen unserer Zeit, Noam Chomsky, hat festgestellt“, schreibt er, „dass der Antisemitismus zum Glück kein Problem mehr sei. Für bestimmte Teile Massachusetts und einige andere Regionen Nordamerikas könnte er recht haben, aber ob diese Feststellung für weiter entferntere Gegenden zutrifft, ist weniger sicher.“ Darüber hinaus erinnert Laqueur daran, dass Noam Chomsky, die Galionsfigur vieler Linker weltweit, das Vorwort für ein Buch des französischen Holocaustleugners Robert Faurisson verfasst hatte. Das alte HannahArendt-Zitat, dass man vor dem Antisemitismus nur auf dem Mond sicher sei, gewinnt da glatt eine neue Dimension.

Viel erfährt der Leser über den Antisemitismus, bevor er als solcher auch so genannt wurde. Laqueur zeigt, welche Formen des Hasses Juden schon in der Antike entgegenschlug. Er geht der Frage nach, ob Juden einfach nur Opfer einer generellen Fremdenfeindlichkeit in bestimmten Regionen und Epochen waren, oder ob schon damals gewisse negative Attribute nur gegen Juden in Stellung gebracht wurden. „Aus historischer Sicht bedeutsam ist die Tatsache, dass sich das von christlichen – oder islamischen – Theologen geschaffene Stereotyp des Juden über Jahrhunderte hinweg hielt und bis heute weiterwirkt,“ lautet eines seiner Resümees.

Beeindruckend und für die aktuelle Debatte hilfreich sind seine Ausführungen zum „neuen Antisemitismus“ und Antizionismus. Im Lichte der Geschichte ist das Argument, dass Antizionismus etwas völlig anderes als Antisemitismus sei, nicht sehr überzeugend. Als Beispiele führt er die Sowjetunion unter Stalin an, als Antizionismus nur ein Synonym für Antisemitismus war. In der arabischen Welt wird viel gegen den vermeintlich verbrecherischen Zionismus geschrieben und gesagt. Doch gemeint sind die Juden weltweit, egal, ob Israelis oder nicht – auch im Westen nach Auschwitz und der danach erfolgten gesellschaftlichen Ächtung des offenen und rassenbiologischen Antisemitismus kein unbekanntes Phänomen. „Selbst wenn man annimmt, die israelische Politik sei der bedeutendste einzelne Faktor bei der Entstehung des ’neuen Antisemitismus’, bleibt die Frage bestehen, warum sie, wie bösartig sie auch sein mag, bei Menschen wie dem griechischen Barden Mikis Theodorakis oder dem Topterroristen Carlos solch starke Leidenschaften auslösen sollte, also bei Menschen, die, soweit bekannt, vom israelisch-palästinensischen Konflikt nicht persönlich betroffen sind und weder physisch noch psychisch unter ihm gelitten haben.“ Auch wenn die genannten Personen weit von sich weisen würden, Antisemiten zu sein, müssen in ihrem Weltbild bestimmte ressentimentbefrachtete Traditionen und Klischees nachhallen, damit sie so reagieren, wie sie es taten.

„In der heutigen Zeit ist der Begriff des Antisemitismus nicht mehr so eindeutig wie früher, und er wird einfach aus Mangel eines anderen, genaueren benutzt“, lautet Laqueurs Fazit. Welches Etikett man dem Judenhass angesichts immer neuer Ausformungen beispielsweise in der islamischen Welt oder unter Globalisierungskritikern geben soll, ist für ihn eigentlich nur eine semantische Frage. Die Judenfeindschaft bleibt weiterhin eine Gefahr – und wird so schnell nicht verschwinden.







– Walter Laqueur:

Gesichter des Antisemitismus. Von den

Anfängen bis heute. Propyläen Verlag,

Berlin 2008.

247 Seiten, 22,90 Euro.

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