Literatur : Nichtexistenz

Hans Jansens Mohammed-Biographie konzentriert sich auf die negativen Seiten des Religionsstifters

Martin Gehlen
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Wer sich heute wissenschaftlich mit dem Leben des Propheten Mohammed befasst, weckt rasch heftige Gefühle und macht sich angreifbar. Das musste zuletzt der Münsteraner Islam-Professor Muhammad Kalisch erfahren. Muslimische Verbände drängten ihn aus seiner Uni-Stellung mit der Begründung, zwischen seinen Positionen und den Grundsätzen der islamischen Lehre bestehe eine „erhebliche Diskrepanz“. Auslöser des Streits: Kalisch hatte die historische Existenz Mohammeds in Zweifel gezogen. Weder könne seine Existenz noch seine Nichtexistenz bewiesen werden, sagte er, er aber tendiere eher zur Nichtexistenz – eine Position, die auch andere westliche Forscher teilen. Den Kern des Konflikts sieht der Angegriffene aber in der Weigerung der islamischen Theologie, die Weichen in Richtung einer historisch-kritischen Forschung zu stellen. Der Islam stehe heute dort, wo die christliche Exegese im 19. Jahrhundert gestanden habe, argumentiert er.

Als Vorreiter der historisch-kritischen Exegese ist der christlichen Theologie allerdings längst bewusst geworden, wie zweischneidig dieses Analyse-Instrument ist. Es seziert Glaubensschriften bis hinunter zu Sätzen und Halbsätzen, so dass möglicherweise nur Zweifel und Zynismus übrig bleiben. Forscher greifen vorbei an den über viele Jahrhunderte aufgebauten geschichtlich-religiösen Etagen des dogmatischen Großgebäudes, um in den historischen Fundamenten zu graben. Je mehr Material sie zutage fördern, desto stärker verflüchtigt sich die Glaubensbotschaft der Texte – bis am Ende vielleicht die historische Existenz des Religionsstifters selbst in Zweifel steht.

Von daher agiert Wissenschaft auf einem sensiblen Feld. Ihre Forschungen sind nicht nur neutrale Methodik, sie berühren auch die Glaubensbotschaften der Weltreligionen und zielen auf die Gefühle von Milliarden von Menschen. Sind schon die Belege jenseits der Bibel für den historischen Jesus ausgesprochen dürftig, bei dem Propheten Mohammed fehlen sie ganz. Alles, was die Nachwelt über den Stifter des Islam weiß, stammt aus zwei altislamischen Manuskripten, die zwischen 120 und 200 Jahre nach seinem Tod entstanden sind. Obwohl dort von weiten Handelsreisen, zahlreichen Feldzügen und einer wachsenden Anhängerschaft Mohammeds berichtet wird, keine zeitgenössische Chronik oder archäologische Entdeckung im Orient bietet dazu den geringsten Querverweis – wie der Niederländer Hans Jansen seiner Mohammed-Biographie vorausschickt. Jansen ist Professor für islamisches Denken der Gegenwart an der Universität Utrecht. In seinem Buch erzählt er chronologisch das Leben des Propheten nach, indem es die englische Übersetzung der beiden Hauptquellen referiert und kommentiert. Sein Anmerkungsapparat ist daher nur eine ausgesprochen monotone Referenzliste.

Jansen fühlt sich zu diesem enggeführten Vorgehen legitimiert, weil „alle enzyklopädischen Artikel und akademischen, erbaulichen und populären Beschreibungen von Mohammeds Leben, im Westen wie im Osten, ohne Ausnahme“ auf diese beiden Hauptquellen zurückgehen. Nur stört ihn, dass bisherige westliche Biographien negativen Episoden – damit meint er vor allem Gewalttaten Mohammeds – weggelassen oder die erzählten Ereignisse „beschönigt“ haben. Jansen verspricht ungeschminkte Lektüre durch den kritischen Historiker – und schießt über das Ziel hinaus. Er verfällt ins Gegenteil und steigert sich im Laufe seines Buches in eine aggressive Häme hinein. Zwar weist er darauf hin, dass die altislamischen Biographien ihren „Sitz im Leben“ im Milieu von Heerlagern hatten, also mehr von den Erwartungen eines kriegslüsternen Militärpublikums geprägt waren als von historisch verlässlichen Ereignissen aus dem Leben Mohammeds. Auch konzediert Jansen, dass sich heute prinzipiell nicht mehr sagen lässt, was durch diese literarische Milchglasscheibe vom wirklichen Leben des Religionsstifters noch zu sehen ist.

Ungeachtet dessen misst er Passagen, die Negatives über Mohammed berichtet, generell eine erhöhte Glaubwürdigkeit zu. Nach welchen textkritischen Kriterien er zu dieser Bewertung kommt, erschließt sich nicht. Auch scheint dem Autor offenbar nicht klar zu sein, dass historisch-kritische Exegese mehr bedeutet, als ein galliges und naserümpfendes Referieren alter Quellen. Mit der Attitüde des aufgeklärten Islamkritikers spickt Jansen sein Buch mit anachronistischen Parallelen zwischen den alten Mohammed-Erzählungen und modernen Vorkommnissen. Viel zu kurz kommt dagegen eine fundierte sozialgeschichtliche Einordnung frühen islamischen Denkens.

So bleibt eine unterschwellige Aggressivität, die dem Buch nicht gut bekommt. Billig Punkte machen war noch nie eine überzeugende wissenschaftliche Strategie – und sagt mehr aus über die Agenda der neuen Islamskeptiker in den Niederlanden, als über die Substanz dieser Weltreligion, ihre historischen Wurzeln und den Charakter ihres Stifters.

– Hans Jansen: Mohammed. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2008. 491 Seiten, 24,90 Euro.

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