Nobelpreis : Literatur spricht mit jedem einzeln

Stockholm im königlichen Glanz: Eindrücke von der Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller.

Ernest Wichner
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Der Regent und die Laureatin. Carl XVI. Gustaf ehrt Herta Müller. -Foto: dpa

Einer der in der kühlfeuchten nachmittäglichen Dunkelheit vor dem Stockholmer Grand Hotel wartenden Fans, der sein großformatiges Farbfoto der Nobelpreisträgerin nicht signiert bekommen hatte, beschwert sich, bevor er davongeht, auf Deutsch, er habe sich hier die Beine in den Leib gestanden, und nun sage sie, sie sei keine Schauspielerin. Doch kann ihn dies offenbar weder überzeugen noch abschrecken, denn schon kurze Zeit später steht er vor dem Seiteneingang zur Schwedischen Akademie am Rande der Altstadt und hofft auf seine zweite Chance. Herta Müller befindet sich längst im Gebäude.

Pünktlich um 18.30 Uhr betritt sie am Montag an der Seite des Historikers Peter Englund, dem neuen ständigen Sekretär der Akademie, den bis auf den letzten Platz besetzten Börsensaal. Das Publikum erhebt sich, und ein paar Sekunden lang sind weder Peter Englund noch Herta Müller zu sehen. Doch als sie nach einer kurzen Begrüßung am Rednerpult steht und die ersten Sätze ihrer Rede verklungen sind, könnte e man die berühmte Stecknadel fallen hören. Nun wird die Zeit in Wörtern vermessen, in geschriebenen Wörtern, die Herta Müller höchst konzentriert, hin und wieder zum Publikum aufblickend, in den Raum stellt.

Ihre Rede „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“ hatte am Eingang auf Schwedisch, Englisch, Französisch, Spanisch und im deutschen Original ausgelegen. Und ein schlauer Praktikant der Nobel-Stiftung muss die verschiedensprachigen Texte im Layout so perfekt aufeinander abgestimmt haben, dass alle Mitlesenden gleichzeitig ihre Seiten umschlagen. Herta Müller sagt anschließend im Bibliotheksgang, an dessen Wänden die imposante Fotogalerie der bisherigen Nobelpreisträger auf ihre diesjährige Nachfolgerin herabblickt, sie habe vor Aufregung weder den Saal noch das Publikum wahrgenommen, aber als sie das Rascheln gehört habe, habe sie jeweils eine ganz kurze Pause gemacht – dieser kleine Einfall hat sie mit den Leuten im Saal verbunden und ihr Bodenhaftung verliehen.

Noch lange nach dieser Rede darf man nachdenken, was es gewesen sein mag, das viele der Zuhörer sich am Ende heimlich, verstohlen oder ganz offen die Augenwinkel auswischen und vorerst den Blickkontakt mit den anderen vermeiden ließ. Herta Müller hat schließlich vom Taschentuch gesprochen, von dessen Präsenz in alltäglichen und existenziell hervorgehobenen Situationen, davon, dass die menschliche Würde und mit ihr die Selbstverständlichkeit der Existenz, das verletzlichste Eigentum, dessen man in jeder Diktatur zuerst beraubt wird, vornehmlich in der Sprache und mittels kleiner Dinge – einem Taschentuch etwa – ihren symbolischen Ort findet. Wenn die Fahnen flattern und der Verstand in die Trompete rutscht, hilft bald auch kein Reden mehr. „Aber was man nicht sagen kann, kann man schreiben. Weil das Schreiben ein stummes Tun ist, eine Arbeit vom Kopf in die Hand.“

In einfachen Sätzen hat Herta Müller die existenzielle Bedrohung des Menschen in Diktaturen benannt und wie nebenbei eine Poetologie jener Literatur entworfen, die den Respekt vor dem Individuum und die zerstörte Würde wiederherstellen will. Einmal mehr kann man die bestürzende Konkretheit ihrer schlichten Alltagsbilder beobachten, wie sie schier unmerklich sich in Denkbilder verwandeln und kompliziert anmutende Sachverhalte überhell einleuchten lassen.

Als dann am nächsten Vormittag die internationale Presse ihre Fragestunde bekommt, melden sich ab und zu Journalisten aus Rumänien mit der Frage, ob Herta Müller denn nicht auch etwas Gutes über ihr Geburtsland sagen könne. „Ach, das ist nun wieder so eine patriotische Frage“, bescheidet sie einen der Journalisten, dem offenbar noch keine der zahlreichen Stellen in ihren Büchern aufgefallen ist, in denen sie mit Liebe und Dankbarkeit über den Bilderreichtum der rumänischen Sprache spricht.

Rechtzeitig zum 10. Dezember ist auch Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ in schwedischer Übersetzung erschienen. Und dass er vielfach gelesen worden ist – in den Buchhandlungen liegen die schwedische und die deutsche Ausgabe Seite an Seite –, kann man auch daran erkennen, dass nicht wenige nach Oskar Pastior fragen und ihn als mitgeehrt betrachten. Herta Müller hat die dänischen Schriftsteller Niels Barfoed und Karsten Sand Iversen zu ihrer Feier eingeladen; die Freundschaft mit ihnen hat die liebevolle Nähe zu der Anfang des Jahres gestorbenen Inger Christensen eingeschlossen. Pastior und Christensen, physisch abwesend (sie fehlen entschuldigt, würden die Dichter der Oulipo-Vereinigung sagen, deren Mitglied Pastior war), sind in jedem zweiten Gespräch anwesend. Das sind die Momente, in denen die Nobelpreisträgerin die entspannte Freundin großer Dichter sein kann, hier kann sie loben und preisen und vergessen, dass alles auf sie fokussiert bleibt.

Am Dienstag, zwei Tage vor der Preisverleihung, findet in der Stockholmer Konzerthalle das Nobelpreis-Konzert statt. Die Preisträger und deren Gäste lauschen dem wunderbar zarten und flirrend genauen Klavierspiel von Martha Argerich, die Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur in den Raum zaubert.

Und das große Bankett? Die Feier selbst? Sie ist genauso, wie man sie vielfach beschrieben findet. Kurze Laudationes auf der Bühne der Konzerthalle: Der König überreicht den Preis, der Preisträger verneigt sich Richtung Bühnenhintergrund – wo die Büste des Stifters Alfred Nobel steht –, Richtung Akademie und zum Publikum hin. Und wenn anschließend das Menü im Stadthaus absolviert ist und die Freunde und Gäste der Preisträger, die Akademiemitglieder und Stadtverordneten und Diplomaten und Ministerialen das Tanzbein schwingen, werden die Preisträger zu den Royals entführt, um je 15 Minuten mit König und Königin zu plaudern.

Von fern können wir sehen, wie Herta Müller vor dem Königspaar steht: Klein, schmal und schwarz gewandet, redet sie gestikulierend auf das Paar ein, das plötzlich jedes Protokoll vergisst und selber ins Erzählen gerät, so dass aus einer Viertelstunde eine Dreiviertelstunde wird. Offenbar hat Herta Müllers Tischrede und ihre unverblümte Sprechweise in den hohen Herrschaften ein erzählerisches Talent geweckt. „Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr. Ich stehe, wie so oft, auch hier neben mir selbst.“ So hat Herta Müller ihre Tischrede begonnen, in der sie ihren Freunden dankt, den gleichaltrigen Dichtern und Schriftstellern aus der Aktionsgruppe Banat, die ihr beigestanden haben bei ihren Lektüren und auf ihrem Weg in die Literatur – letztlich, damit sie nicht zerbreche an der Diktatur.

Und sie endet undiplomatisch und mit der gebotenen Deutlichkeit, indem sie die sie bedrängenden Dinge beim Namen nennt: „Bis heute gibt es Diktaturen aller Couleur. Manche dauern schon ewig und erschrecken uns gerade wieder aufs Neue, wie der Iran. Andere wie Russland und China ziehen sich zivile Mäntelchen an, liberalisieren ihre Wirtschaft – die Menschenrechte sind jedoch noch längst nicht vom Stalinismus oder Maoismus losgelöst. Und es gibt die Halbdemokratien Osteuropas, die das zivile Mäntelchen seit 1989 ständig an- und ausziehen, so dass es schon fast zerrissen ist. Literatur kann das alles nicht ändern. Aber sie kann – und sei es im Nachhinein – durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen. Literatur spricht mit jedem Menschen einzeln – sie ist Privateigentum, das im Kopf bleibt.“ Und die Nobelpreisträgerin fügt hinzu: „Nichts sonst spricht so eindringlich mit uns selbst wie ein Buch. Und erwartet nichts dafür, außer dass wir denken und fühlen.“

Ein Beitrag zu Werner Söllners Verstrickung mit der Securitate auf Seite 29.

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