Norbert Niemans neuer Roman : Stadt, Land, Unsicherheit

Norbert Niemann nähert sich der Gegenwart explizit. Sein neuer Roman "Willkommen neue Träume", rund 600 Seiten stark, enthält immer wieder essayistische Passagen, die darum kreisen, wie die Gegenwart, wenn nicht abbildbar, so doch zumindest beschreibbar sein könnte.

Christoph Schröder
Norbert Niemann Foto: Isolde Ohlbaum
Alte Bundesrepublik, neues Deutschland: Norbert Niemann, Bachmannpreisträger 1998. -Foto: Isolde Ohlbaum

Was dieser Bücherherbst uns gelehrt haben könnte: keine Furcht mehr zu haben vor dicken Büchern. Das prägnanteste, weil prominenteste Beispiel ist Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, doch ganz allgemein fällt auf, dass es wieder mehr Autoren gibt, die den Zugriff auf das Große und Ganze wagen; auf das, was man so schwammig mit den Begriffen „Gesellschaft“ und „Gegenwart“ umschreibt. Norbert Niemann, Bachmannpreisträger von 1998, nähert sich der Gegenwart explizit. Sein neuer Roman „Willkommen neue Träume“, rund 600 Seiten stark, enthält immer wieder essayistische Passagen, die darum kreisen, wie die Gegenwart, wenn nicht abbildbar, so doch zumindest beschreibbar sein könnte.

Niemann unternimmt den Versuch, die schleichenden, untergründigen, aber darum nicht minder massiven Veränderungen und Verschiebungen, denen die einzelnen Milieus in den vergangenen Jahren unterworfen waren, in literarischer Form fassbar zu machen. Die Träume dessen, was wir mit einem nostalgischen Seufzer „Alte Bundesrepublik“ nennen, werden hier subtil beerdigt. Was an deren Stelle treten soll, bleibt zunächst im Diffusen.

Auch der Schauplatz der Handlung, die Bühne, auf der Norbert Niemann seine Figuren auftreten lässt, ist ein solcher Ort, an dem die Welt zunächst vermeintlich noch in Ordnung ist. Vössen heißt das Dorf in Bayern, an einem See gelegen und von der Zersiedelung noch weitgehend unberührt. Nach Vössen kommt ein junger Mann, Asger Weidenfeldt; Sohn der legendären Schauspielerin Clara Weidenfeldt, die hier, abgeschieden von ihrer Umwelt, auf einem prachtvollen Seegrundstück lebt. Asger ist ein erfolgreicher Fernseh- und Kulturjournalist, der beschlossen hat, dem Medienbetrieb und Berlin den Rücken zu kehren und in der bayerischen Provinz eine Denkpause einzulegen.

Es ließe sich einwenden, dass das Gerüst, die Konstruktion hin und wieder allzu deutlich erkennbar wird und dass dies dem Roman und seinen Figuren etwas Steifes, Holzschnittartiges verleiht. Das ist allerdings ein zu vernachlässigender Einwand angesichts dessen, was „Willkommen neue Träume“ an Erkenntnisgewinn leistet.

Norbert Niemann erzählt die Lebensgeschichten seiner Figuren aus, spürt ihnen sowohl auf psychologischer als auch auf soziologischer Ebene nach und ordnet sie in den Vössen’schen Gesamtkosmos ein. Da ist beispielsweise der (parteilose) Bürgermeister, der einstmals als langhaariger Rebell in sein Heimatdorf zurückkehrte, sich als Ökobauer versuchte und nun, mit Schnurrbart, Tracht und prächtigem Bauch, gegen die finanziell lukrative Verramschung des Ortes kämpft, zum Leiden der Gastronomen und Investoren, die Vössen nur zu gern wahlweise in ein bayerisches Disneyland oder in ein Gewerbegebiet verwandeln würden.

Oder auch Asgers Internatsfreund Wenzel Poßmann, nun Stadtarchivar, verheiratet, zwei Kinder, Neubauhäuschen. In eben diesem kommt es eines Tages zu einem Abendessen, in dessen Verlauf sich die Brüche zwischen Asger und Wenzel, einstmals vereint in intellektuell-elitärer Verachtung gegenüber ihrer Umwelt, deutlich auftun. Immer wieder lässt Niemann Lebensmodelle aufeinanderprallen, um sie auf den Prüfstand zu stellen, so auch auf Clara Weidenfeldts traditionellem großen Gartenfest, erzählt in epischer Breite, das in einem Desaster endet. Globalisierung und Turbokapitalismus, neues Prekariat oder neuerdings auch Finanzkrise – all das sind Platzhalter für eine Entwicklung, die direkten Zugriff auf den Alltag hat und die so selten benannt wird und die vor allem eine sich stetig vergrößernde Unsicherheit schafft. Im Roman herrscht eine dauerhafte Anspannung; eine spürbare Nervosität, die an die Existenz rührt. Die Bandbreite der Diskurse, die Niemann vor diesem Hintergrund bearbeitet, ist groß. Letztendlich steht dahinter immer die Frage nach der Wahrheit: Wie verträgt sich eine zur Schau gestellte Intellektualität mit dem, was das wahre Leben ist? Inwieweit ist die Realität der Medien kompatibel mit der Unmittelbarkeit des täglichen Daseins?

Niemann arbeitet mit harten Dichotomien; die von Stadt und Land ist wohl die entscheidende. Dass er dabei nicht in die Idyllenfalle tappt und seinen Protagonisten Asger am Ende zurück nach Berlin schickt anstatt ihn ein Dasein als Landwirt fristen zu lassen, ist also beinahe ein Happy End. Und die Gegenwart? „Offensichtlich“, so heißt es im Roman, „existieren verschiedene, unterschiedlich mächtige, einander widersprechende, zerstörerische Gegenwarten, simultan, parallel, nebeneinander.“ Wer kann sich da noch zurechtfinden? Auch Norbert Niemann unternimmt diesen Versuch nicht. Aber er hat für diese Unübersichtlichkeit eine Romanform gefunden.

Norbert Niemann: Willkommen neue Träume. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2008. 601 Seiten, 24,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben