Norman Mailer : Der letzte Mann

Boxer, Frauenheld, Provokateur, Politaktivist: Zum Tod des amerikanischen Schriftstellers Norman Mailer. Erst am Ende wurde er milde.

Daniel Völzke
Norman Mailer
Patriot, Provokateur, Schriftstellerlegende: Norman Mailer ist mit 84 Jahren gestorben. -Foto: dpa

Ein Mann tritt aus der aufgebrachten Menge heraus. Lächelnd spaziert er, die Hände in den Jacketttaschen, an überforderten Polizisten vorbei auf das Pentagon zu – bis die Staatsmacht aus ihrer Lähmung erwacht und ihn festnimmt. Diese Szene am Rande der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg 1967 symbolisiert das Lebens- und Arbeitsprinzip des Schriftstellers, Journalisten und Aktivisten Norman Mailer: sich von der Masse abheben, Grenzen überschreiten, um mehr zu sehen, um besser zu schreiben, über sein Land, über Amerika, das er hasste und liebte, das er herausforderte und verteidigte.

Er war damals berühmt über die literarischen Kreise hinaus – und sein einsamer Marsch auf das Pentagon machte ihn noch bekannter. Für das Buch "Heere aus der Nacht“ (1968), das den Washingtoner Protestzug beschreibt, wurde er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet; ein zweiter folgte 1980 für "Gnadenlos“.

Schon gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als der 1923 in New Jersey geborene Sohn jüdisch-litauischer Eltern einberufen wurde, war der Erfahrungshunger stärker als das patriotische Gefühl. Die Monate an der Pazifik-Front nahm Mailer als Gelegenheit, den Krieg kennenzulernen, um darüber einen Roman zu schreiben, so erlebnisgetränkt wie die Bücher seines Vorbilds Hemingway. "Die Nackten und die Toten“ (1948) erzählt in naturalistischer Anstrengung von machtsüchtigen Vorgesetzten, vom sinnlosen Kampf der Menschen gegeneinander und gegen die Natur. Das Buch, das durch derben Slang schockierte, wurde ein enormer Erfolg und machte den Havard-Absolventen der Ingenieurswissenschaft mit einem Schlag zum Schriftsteller. Auch wenn er später viele Verrisse aushalten musste, etablierte sich Mailer neben Gore Vidal, Tom Wolfe, Truman Capote und John Updike als literarische Größe seiner Generation.

Produktives Chaos

"Ich hatte das zweifelhafte Glück, auf der Spitze des Berges zu starten“, urteilte Mailer später über seinen literarischen Werdegang. "Von da an ging es abwärts, während andere an mir vorbei nach oben stiegen.“ Der Debütant taumelte durch die New Yorker Künstlerszene im Greenwich Village der fünfziger Jahre und bemühte sich, das selbst kreierte Ideal des „Hipsters“ zu verwirklichen. So bezeichnete er eine Art virilen Übermenschen, der seine Fähigkeiten und Begierden frei entfaltet. Mailers Essay "Der weiße Neger“ (1957) pries das "Hipster“-Leben als Lösung gesellschaftlicher Probleme und wurde zu einem Leitdokument der Beat-Bewegung. Da diese Spielart der Selbstverwirklichung auch vor Krebserkrankung schützen sollte, wie Mailer zu wissen meinte, betrog er seine Frau nach Strich und Faden, ließ sich vom Boxweltmeister José Torres duellfähig machen, beschimpfte Kritiker und schlug einmal gar seinem literarischen Konkurrenten Gore Vidal die Faust ins Gesicht. Für David Foster Wallace war Mailer der „große, männliche Narziss“, für Saul Bellow der "Salonrevolutionär“, die Frauenrechtlerin Kate Millett beschimpfte ihn als "Chauvinistenschwein“. In den Siebzigern war Mailer für die feministische Bewegung das Feindbild schlechthin. Doch schon 1960 war der "Hipster“-Anspruch an seine Grenzen gestoßen – besonders dramatisch, als der volltrunkene Schriftsteller mit einem rostigen Taschenmesser auf seine zweite Frau Adele Morales einstach. Nur weil sein Opfer sich weigerte, gegen ihn auszusagen, kam er mit einer geringen Strafe davon.

Trotz seines chaotischen Lebens blieb Mailer produktiv: Über 30 Bücher veröffentlichte er, schrieb Drehbücher, führte selbst Regie und arbeitete für Magazine. Mit den unterschiedlichsten Genres, von der Biografie über essayistische Betrachtungen bis zum Spionage-Thriller, wechselte er den Stil wie die Frauen. Während ihm etwa "Frühe Nächte“ (1983), ein Fantasy-Epos um Wiedergeburt und Leben im Alten Ägypten, an dem er elf Jahre arbeitete, ausufernd kitschig geriet, legte er im "Jesus-Evangelium“ (1997) Christus altmodisch strenge Töne in den Mund. Bücher, die mit Millionenvorschüssen bedacht wurden, enttäuschten Kritik und Publikum, besonders sein Picasso-Porträt (1996), in dem Mailer kaum mehr tat, als andere Biografien zu kommentierten. Der neunfache Vater gab offen zu, Aufträge gelegentlich nur deshalb anzunehmen, um seine Kinder aus sechs Ehen zu versorgen. Über Marilyn Monroe schrieb Mailer so mit derselben Verve wie über die Mörder Gary Gilmore und Lee Harvey Oswald.

Aussöhnung mit Günter Grass

In ihrer Qualität unbestritten sind Mailers literarische, subjektive Reportagen, die den "New Journalism“ prägten. Mit der Beschreibung des legendären Titelkampfs zwischen George Foreman und Muhammad Ali etwa gelang ihm ein sportjournalistisches Glanzstück. Vor allem aber begleitete Mailer das politische Geschehen: Er gründete mit Freunden die linke Zeitung „Village Voice“, widmete John F. Kennedy ein Buch mit politischen Verbesserungsvorschlägen und schrieb über Parteitage. Zwei Mal kandidierte der beinahe marxistische Autor erfolglos für das New Yorker Bürgermeisteramt. Doch spätestens die Mondlandung, die Mailer in Cape Canaveral verfolgte, dämpfte sein politisches Temperament: Der Schriftsteller zweifelte am Einfluss einzelner Menschen auf den Fortgang der Geschichte, der doch vielmehr von technischen, wirtschaftlichen oder religiösen Faktoren abhänge.

Diese Einsicht wird dazu beigetragen haben, dass der Macho Mailer mit fortschreitendem Alter milder, geradezu demütig wurde. "Ich kann sogar zum Dinner eingeladen werden, ohne jemandem Schaden zuzufügen“, versprach er. Altersmilde zeigte er sich auch im Umgang mit Günter Grass, für dessen frühe Mitgliedschaft in der SS er Verständnis aufbrachte – Mailer kannte die Widersprüche zu gut, die ein langes Leben aufwirft.

Klare Worte für Bush

Widersprüchlich und nicht leicht zu kategorisieren war zuletzt denn auch die politische Haltung des Schriftstellers. Er bezeichnete sich als "Linkskonservativen“, der für moralische Werte streitet und an Gott und Teufel ebenso glaubt wie an antikapitalistische Ideen. Dem Teufel Hitler versuchte er mit seinem letzten Roman „Das Schloss im Wald“ (2007) beizukommen; es sollte der erste Teil einer groß angelegten Biografie sein. Noch einmal klang in diesem 500-Seiten-Werk über Geburt und Jugend des Diktators der wuchtige, kraftvolle Mailer-Ton an – doch bei der Kritik fiel das Buch durch. Zu verstörend, zu ausufernd war die Geschichte, zu krude die Hypothesen und Exkurse. Vor einigen Wochen erschien dann in den USA der Sammelband „God. An Uncommon Conversation“ mit Texten und Gesprächen über Gott. Und auch hier plötzlich diese an Hybris grenzende Mailer-Milde: „Gott ist ein Künstler. Und wie jeder Künstler macht Gott Fehler.“

Für seinen letzten großen Antagonisten aber, für George W. Bush, fand Mailer klare Worte. Er verurteilte Bushs pseudopatriotischen "Fahnen-Konservatismus“ er war überzeugt, dass die Rechte sich nur deshalb für Werte, Religion und Patriotismus stark mache, weil es ihren imperialistischen Zielen nütze. Wieder sah Mailer Amerika – genau wie Ende der sechziger Jahre, als er in Washington auf das Zentrum der Macht zumarschiert war – am Rande des Totalitarismus. Und das nahm er nicht hin: "Ich habe in Amerika sehr große Freiheiten genossen, und ich will nicht, dass sie denjenigen, die nach mir kommen, vorenthalten werden.“

Gestern ist Norman Mailer im Alter von 84 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus an Nierenversagen gestorben.

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