Novelle : Frankfurt, ein Sommernachtstraum

Ein Paar, eine Wohnung, eine Vorhölle: Martin Mosebachs Novelle "Der Mond und das Mädchen".

Meike Fessmann
Martin Mosebach
"Der Mond und das Mädchen. -Foto: Promo

Wer sich mit Fantasie und ohne Not auf Wohnungssuche begibt, dem wird die Zeit der Suche zu einem Vergnügen der besonderen Art: Plötzlich scheint das Leben wieder offen, noch einmal kann man ganz von vorn beginnen, mit anderen Wegen, Läden, Nachbarschaften. Es ist ein bisschen wie im Urlaub. Man probiert fremde Leben an wie Kleider, hüllt sich mal in diese, mal in jene Umgebung, schnuppert an verschiedenen Lebensformen, bedenkt und erfühlt die Vorzüge unterschiedlicher Gegenden. Eine zu frühe Entscheidung schmälert den Genuss. Zögert man allerdings zu lange, wird aus der schönen Freiheit eine Aufgabe, die dringend gelöst werden muss. Ungemach droht.

So geht es auch Hans, dem Helden von Martin Mosebachs neuem Roman „Der Mond und das Mädchen“. Eigentlich ist er ein echter Hans im Glück. Gerade hat er seine geliebte Ina geheiratet und auch noch gleich nach dem Studium die erste Stelle in einer Bank bekommen, deretwegen das Paar von Hamburg nach Frankfurt zieht. Über ein freundliches, argloses Gemüt verfügt er ohnehin. Es harmoniert vortrefflich mit der elfengleichen Zartheit seiner Gattin. Also alles bestens?

Raffiniert wie stets impft Martin Mosebach seinen Roman mit dem Stoff, aus dem die Träume sind. Alles wirkt realistisch, und doch wird hier das Innere nach außen gekehrt. Shakespeares „Sommernachtstraum“ liegt wie ein feines Geweb auf der ganzen Erzählung, die im Übrigen eher eine Novelle ist als ein Roman. Denn der designierte Büchner-Preisträger will an beides ran: an die soziologisch verifizierbaren Bedingungen unseres Alltags im 21. Jahrhundert, aber auch an die Traumgespinste in unserem Inneren.

Die Wohnungssuche am Anfang ist deshalb keine Petitesse. Denn trotz seiner glücklichen Einfalt ist Hans keiner, dem die Erreichbarkeit des nächsten Supermarkts das Maß aller Dinge wäre. Zwar ist er alles andere als ein Intellektueller, aber dass es so etwas wie ein Innenleben gibt, das durch die Wahl des richtigen Raums geschützt werden muss, ahnt er. Und sei es nur, um seiner sensiblen Gefährtin in die Augen schauen zu können.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass der Autor seinen Hans allein auf die Suche schickt. Er parkt die holde Ina so lange auf einer dreiwöchigen Reise an den Golf von Neapel, als Begleiterin ihrer Mutter, einer vornehmen, galligen Dame, die den Schwiegersohn in spitzmündiger Süßsäuerlichkeit „harmlos“ nennt. Auch hier wirkt alles zunächst realistisch und pragmatisch. Hans freut sich, wenn es Ina gut geht, und Ina macht sich Sorgen um die Mutter, die es gut versteht, aus dem Witwenstand ein Höchstmaß töchterlicher Zuwendung zu erpressen. Also fallen die Flitterwochen aus, der Mutter-TochterUrlaub tritt an deren Stelle. Hans kurvt unterdessen fröhlich mit dem Rad durch Frankfurt und erobert neues Terrain.

Nach siebzehn Wohnungen hat er genug. Eine Entscheidung steht an. Irgendwann muss die Träumerei schließlich ein Ende haben! Die Einflüsterung eines Kollegen, mehr als ein „großes Bett und eine Badewanne“ brauche man nicht, beschleunigt die Wahl. Die Wohnung ist weit schlechter als die anderen, dafür sehr billig. Zwei Grundbedingungen, die er flugs erfindet, erfüllt sie auch: kein Parterre und die Nähe eines Parks, was nicht ganz stimmt, die Wohnung liegt in Bahnhofsnähe, aber immerhin ist man schnell am Main. Eine kleine Lebensweisheit schiebt Hans noch hinterher, und schon sind alle Hirngespinste vergessen: „Eigentlich ist es doch gleichgültig, wo man wohnt.“

Mit der ihm eigenen subtilen Ironie lässt Mosebach das Geschehen zum Beweis des Gegenteils antreten. Ina kommt erleichtert aus dem Urlaub zurück, und die Bedenken von Hans zerstreuen sich wie von selbst. Ina will ihre Möbel erst einmal bei der Mutter lassen. Obwohl sie den „Reiz von teurem und exquisitem Hausrat“ zu schätzen weiß, freut sie sich auf „unbeschwerte Wochen der Besitzlosigkeit“. Und auch in der Wohnung flötet sie noch fröhlich vor sich hin – bis sie das Schlafzimmer entdeckt. Da steht nicht nur ein fleckiges altes Doppelbett, da sind nicht nur die frisch geweißten Wände mit Dreck bespritzt, sondern da liegt auch eine tote Taube, Urheberin der Verschmutzung, mit still zur Seite gedrehtem Kopf, „in der Haltung weiblicher Hingegebenheit als Gattin und brütende Mutter“. Der gattungsspezifische „Falke“ ist im Fall dieser Novelle eine tote Taube. Wer bisher die Zeichen nicht deuten wollte, bei dem müssen spätestens jetzt die Alarmglocken schrillen.

Während die tapfere Ina versucht, mit allem zurechtzukommen, und sich immer tiefer in die unheimliche Wohnung vergräbt, hält Hans munter Kontakt zur Außenwelt. Nicht nur, dass er jeden Tag zu Fuß zur Bank geht, auch das Leben im abgewrackten Gründerzeitbau hat es ihm angetan. Jeden Abend trifft man sich in der Hitze des Hofs zum Umtrunk, eine illustre Gesellschaft schräger Vögel, die ihre Randexistenz mit vornehmem Gehabe kompensiert. Hier herrschen die Regeln und Rituale, die in der Wohnung des Ehepaars fehlen. Eine abgetakelte Syrerin hält Hof, und eine geschiedene Wasserstoffblondine macht alle kirre mit dem Geld, das sie ihrem Ex abgeluchst hat und das sie nun anzulegen gedenkt. Sie ist mit Abdallah Souad, dem Hausmeister und Impresario des Ganzen, liiert, der ein Hotel kaufen will und auch eine Autowaschanlage betreibt, von der aus er das Haus immer im Blick hat. Zwischen der Überwachung der Hausbewohner und einem weiteren Job, die Damen der Stadt mit Liebe zu beglücken, fühlt er sich völlig aufgerieben. Und der Äthiopier Tesfagiorgis, der im Vorderhaus einen Kiosk bewirtschaftet, hat eine Art sechsten Sinn für die Bedürfnisse im Hinterhof, die er mit nonchalanter Beiläufigkeit erfüllt.

Nur das Paar im dritten Stock, direkt unter der Wohnung von Ina und Hans, hält sich aus dem Trubel heraus. Doch die Frau ist eine schöne junge Schauspielerin und der Mann ein eloquenter Gesprächspartner. Also zieht es Hans auch dort hin, einmal gar bis ins Schlafzimmer. Überall fühlt er sich wohler als zu Hause, wo sich die Stimmung immer weiter verdunkelt.

Mit der Lässigkeit erhabenen Gleichmuts webt Martin Mosebach seinen Sittenteppich, der bei aller Buntheit doch ein Muster zeigt: Draußen ist das Leben hell und unbeschwert. Drinnen aber haben die Dämonen leichtes Spiel. Wenn man die Seele nicht gelegentlich zum Lüften auf die Straße führt, muss man gut aufpassen, welche Räume sie bewohnt, und zwar im doppelten Sinn: als Innen- und als Wohnraum. Er schickt seine junge Ehefrau durch ein Purgatorium, bis er sie am Ende zu erlösen scheint. Gut möglich, dass er wirklich meint, was er so elegant und symbolträchtig erzählt: dass es für Frauen nur einen Weg zur eigenen Familie gibt. Und der führt direkt durch die Vorhölle.

Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen. Roman. Hanser Verlag, München 2007. 192 Seiten, € 17,90.

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