Olympia 2008 : Chinas Terroristen

Chinesische Zustände: Kurz vor den Olympischen Spielen in Peking legt Berndt Thamm eine besorgniserregende Studie vor.

Frank Jansen

Es dauert nur noch wenige Monate, bis in Peking die Olympischen Sommerspiele beginnen. Das Spektakel ist Anlass für internationale Diskussionen über die chinesischen Zustände – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch bei den Menschenrechten. Ein Thema wird aber kaum angesprochen: Auch das Reich der Mitte ist mit einer enormen Terrorgefahr konfrontiert. Militante Islamisten mit Bezügen zu Al Qaida und Taliban sind seit Jahren in China aktiv. Betroffen ist vor allem das riesige „Autonome Gebiet“ Sinkiang im Nordwesten, in dem mehr als acht Millionen muslimische Uiguren leben. Dass über Anschläge islamistischer Organisationen dort so wenig bekannt wird, ist der restriktiven Informationspolitik der chinesischen Behörden zuzuschreiben. Umso erstaunlicher erscheint, dass der deutsche Terrorismusexperte und Fachbuchautor Berndt Georg Thamm sich jetzt mit chinesischen Offiziellen über das brisante Problem austauschen konnte. Resultat ist sein neues Werk „Der Dschihad in Asien“.

Neben der Situation in China schildert Thamm ausführlich den Tschetschenien- konflikt, dem er sich schon in früheren Büchern gewidmet hatte. Die Faktenfülle ist beeindruckend, im Fall Tschetschenien ist allerdings schon vieles bekannt. Die Terrorgefahr in China und die Wurzeln des Konflikts werden hingegen von Thamm so eindringlich geschildert wie selten zuvor in einem auf Deutsch erschienenen Buch. Thamm listet Anschläge auf, bis zurück ins Jahr 1993: Schon damals griff eine Organisation namens East Turkestan Youth Union in Sinkiang eine landwirtschaftliche Firma und eine Videohalle an. Zwei Menschen wurden getötet, 22 verletzt. Bei den folgenden Attacken sollen bis 2001 in Sinkiang uigurische Extremisten mehr als 200 Anschläge verübt haben, bei denen über 160 Menschen starben. Die Gefahr einer aufsehenerregenden Aktion islamistischer Terroristen bei den Olympischen Spielen dürfte also größer sein als in Deutschland bislang vermutet wurde. Zumal Thamm die Eskalation des Konflikts in Sinkiang ähnlich bewertet wie die Situation in Tschetschenien: In beiden Regionen hätten sich separatistische Bewegungen zu islamistischen Terrororganisation mit Verbindungen zum weltweiten Heiligen Krieg radikalisiert.

In Thamms Buch wird zudem ein schwerer Vorwurf gegen die Bundesrepublik laut: der stellvertretende Verteidigungsattaché der Botschaft der VR China in Berlin, Oberst Chen Chuan, sagt im Interview mit dem Autor, die deutsche Regierung dulde, dass ein Ostturkistanisches Informationszentrum in München zu Terrorakten aufruft. Die Bundesrepublik sei für von China gesuchte Uiguren und deren Organisationen ein Ruhe- und Rekrutierungsraum, behauptet Chuan.

In den Jahresberichten 2006 des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des bayerischen Landesamtes findet sich kein Hinweis auf extremistische Aktivitäten von Uiguren in Deutschland. Der Verfassungsschutz in Bayern vermerkt nur, in Deutschland lebende organisierte Angehörige der uigurischen Minderheit stünden „im Blickfeld der chinesischen Nachrichtendienste“.

Hat Thamm also ein gravierendes Defizit deutscher Sicherheitsbehörden aufgedeckt? Nach der Lektüre seines Buches ist trotz der angehäuften Erkenntnisse nur eine skeptische Antwort möglich. Denn Thamm argumentiert aus Sicht der chinesischen Regierung, im Falle Tschetscheniens vertritt er weitgehend die Position der russischen Behörden. „Die Perspektive des Ostens dem Westen näherzubringen, ist Anliegen dieses Buches“, schreibt Thamm als Schlusswort. Ungewollt benennt er damit auch die Schwäche seiner vorliegenden Arbeit. Statt die Ansichten der Regierungen Chinas und Russlands über den islamistischen Terror mit kritischen Stimmen zu konfrontieren, belässt es Thamm bei einer eindimensionalen Sichtweise. Er fragt nicht, in welchem Maße das kommunistische Regime in China mit seiner Härte dazu beigetragen hat, dass sich uigurische Separatisten zu fanatischen Islamisten wandelten. Und wie viel Mitverantwortung die autoritär geprägte Regierung Putin an der Radikalisierung der tschetschenischen Rebellen trägt. Thamm hätte den Wert seines Buches erheblich gesteigert, wäre beispielsweise dem Interview mit dem chinesischen Oberst ein Gespräch mit einem Experten einer international anerkannten Nichtregierungsorganisation gegenübergestellt worden. So taugt das Werk leider nur bedingt zur Analyse der Terrorgefahr im Fernen Osten.


Berndt Georg Thamm:
Der Dschihad in Asien. dtv premium, München 2008. 280 Seiten, 15 Euro.

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