Literatur : Parzival, St. Louis

Ulf Erdmann Ziegler erzählt in seinem Debütroman von der Größe des Mittelmaßes

Hans-Peter Kunisch

Mit zunehmender Selbständigkeit der Frauen vermehrt sich auch die Zahl der in Geschäftsdingen mitreisenden Gatten. Thomas Schwarz zum Beispiel begleitet Elise Katz, eine Bildhauerin, mit der er seit Jahren zusammen ist. In St.Louis/Missouri hat sie eine zweimonatige Gastprofessur erhalten, sie soll dort bei ihrer Abreise etwas Kunst hinterlassen. Und Schwarz, der gerade in einer kleineren Krise seines mittelmäßigen Lebens als Koordinator in einem Hamburger Architektenbüro steckt, fliegt mit.

Schon die Strecke über der Nordhalbkugel der Erde kommt ihm gelegen: „Der lange Nachmittag über dem weißen Land hatte ihn seinem Ziel nahe gebracht, nichts zu denken.“ Tom Schwarz, wie sich Thomas bald nennt, sucht Neuland. Passenderweise 2002, in der nach dem 11.September gerade etwas geschwächten großen Nation, in der Tom schon einmal vor 25 Jahren als Austauschschüler glücklich war.

Doch die Reise geht gar nicht nach außen. So atmosphärisch dicht und kinonah bilderreich Amerika beschrieben ist, so sehr merkt man bald, dass Schwarz, im Rahmen geläufiger Midlife-Problematiken, es eher auf die Vergangenheit abgesehen hat – die eigene. Wie bin ich dahin gekommen, wo ich jetzt stehe? Das will ich wissen, bevor ich erfahren kann, was noch aus mir werden könnte.

Es gehört zum Interessantesten an „Hamburger Hochbahn“, diesem Roman-Erstling des erfahrenen Kunstjournalisten Ulf Erdmann Ziegler, dass aus seinem Helden am Ende nichts wird. Obwohl er brav einen Anfang setzt: Tom Schwarz kauft sich in St.Louis eine große Zeichenplatte, aber auch eine alte Schreibmaschine. Er soll sich einer Gruppe von Studenten mit einem Lebenslauf vorstellen, denn ein Architektur-Professor an der Washington University interessiert sich für Toms Hamburger Tätigkeit. Und aus der Pflicht der kleinen Selbst-Präsentation, wird, so der Roman, die vorliegende ausführliche Selbst-Erkundung. Bald folgt man Tom, im lockeren Wechsel mit Amerika-Szenen, in die Lüneburger Kindheit und Jugend, in die erste Braunschweiger Studienzeit, in eine in Kauf genommene frühe Vaterschaft, in die Anfänge als Architekt, in die Zeit der Bekanntschaft mit Elise.

Man hat Ziegler schon gelobt für seine Sprache, und tatsächlich beginnt dieses Debüt erstaunlich souverän. Schön geschwungene Perioden reihen sich beinahe altmeisterlich gelassen aneinander und verschaffen dem an sich gewöhnlichen Erzählgegenstand den Reiz, der abseits aller Spannungsmacherei immer da sein muss, damit man weiterliest. Eine Intensität entsteht, die aus einer sprachlichen Dichte kommt, die sich nur ganz selten Aussetzer erlaubt. Etappen der Liebesgeschichte stehen im Wechsel mit eigenständigen essayistischen Passagen. Etwa folgende Stelle, die ein Lebensgeschichtskonzept präsentiert, das neugierig macht: Ziegler lässt es Elise formulieren, einmal unprätentiös: „Meine Theorie ist die von einem Tausch. Du bist noch ganz klein und hast etwas zugespielt bekommen, so wie Spielkarten oder Spielgeld. Das tauschst du nun weg gegen etwas anderes, und das kann etwas ganz Fremdes oder Interessantes sein. Vielleicht gibt es etwas, was du von deiner Mutter hast, und du gibst es auf für etwas, was einer Spielkameradin gefällt. Das ist dann auch der Moment, wo du bemerkst, wie es geht. Und je früher, du bemerkst, wie das geht, desto schneller wirst du im Tausch. Deshalb kann niemand voraussagen, was aus einem Kind wird.“ Diese kleine Theorie der Entwicklung betont die aktive Rolle des Kindes, aber sie legt auch Wert darauf, dass es selber tauscht und damit wächst, ohne genau zu wissen, wohin. Eine schöne Zweigleisigkeit.

Nun wäre es wohl der größte Fehler eines Romans, von dieser Stelle auf Seite 114 an, ständig Tauschsituationen durchzuspielen, aber je länger man in die Entwicklungsgeschichte von Tom Schwarz verwickelt wird, desto mehr fragt man sich doch, was diese Theorie und die erzählerische Praxis miteinander zu tun haben könnten. Claes Philip Osterkamp, der Jugendfreund, der Schwarz über den ganzen Text hinweg begleitet, bleibt eine widerständige Konkurrenz-Figur, an der sich Tom reiben kann. Auch Bella, die ebenso schweigsame wie freizügige Kindsmutter, behält ihre zum Widerspruch reizende Leere, doch zunehmend geht der Roman in den deutschen Passagen in die Falle seines offensichtlichen Plans, Toms Lebensgeschichte relativ lückenlos als Autobiografie einer Generation und alltagszentriertes Sittengemälde seiner Zeit zu erzählen.

Das auf Vollständigkeit bedachte Abhaken einzelner Lebensabschnitte nimmt dem gleichbleibend gediegenen Stil dabei etwas den Schwung. Zu viele Pflichtdetails ziehen die schöne Sprache der „Hochbahn“ nach unten, und die Rekapitulation der Hamburger Architektenzeit gerät, statt möglicherweise gesellschaftlich aufschlussreich oder architekturtheoretisch anregend zu wirken, manchmal in die Nähe eines klatschverliebten Schlüsselromans für Insider, die Freude daran finden, zu überlegen, inwieweit die Figur Nerwani wirklich Hadj Teherani gleicht, und ob Niehuus, der Apologet des Quadrats, O.M.Ungers ist. Von der Ästhetik des Texts her konsequent, wird Tom Schwarz hier als Angehöriger einer Schicht gezeigt, die auch porträtiert werden soll. Doch zu sehr liegt der Akzent auf ihrem (Party-)Geschwätz. All das schadet diesem wunderbar leicht und gleichermaßen reflexiv fundiert begonnenen Roman, aber es tötet ihn lange nicht. Schuld daran ist neben der Sprache, die in den amerikanischen Stadt- und Landschaftsbeobachtungen am besten zur Geltung kommt, die sympathische Elise Katz und vor allem die schillernde Mittelmäßigkeit dieses Tom Schwarz.

Langsam, zögerlich, und als klassischer Parzival doch auch traumhaft zielsicher, geht er durchs Leben. Mal ärgert er sich über seine Zweitrangigkeit im Beruf, mal kommt sie ihm vor wie selbstgewählte Größe. Er wird wohl mit Elise, die nicht richtig nach Amerika wollte, nach Hamburg zurückgehen. Von den zwei Bildungsmonaten, die Tom Schwarz hinter sich hat, ist in diesem Moment nichts geblieben.

Ulf Erdmann Ziegler: Hamburger Hochbahn. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 329 Seiten, 19,90 €.

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