Paul Auster : Puzzle vom Ich

Aus der Methode wird eine Masche: Paul Austers Roman "Mann im Dunkel".

Christoph Schröder

Durch Paul Austers Werk zieht sich das Wechselspiel von Realität und Fiktion als eines der Grundmotive. Oft sind seine Figuren Schriftsteller, die in mehr oder weniger komplizierte Konstrukte von Eigen- und Fremdidentitäten verstrickt sind – ein lange Zeit reizvolles ästhetisches Konzept. In seinem neuen Roman „Mann im Dunkel“ steht wieder ein Schreibender im Mittelpunkt, der Literaturkritiker August Brill. Er leidet, nach einem Verkehrsunfall an sein Bett gefesselt, unter Schlaflosigkeit. Sein Haus ist ein Trauerhaus. Hier leben auch Brills Tochter Miriam, die von ihrem Mann verlassen wurde, sowie Enkelin Katya, deren Verlobter ums Leben gekommen ist.

Austers Konstruktion ist gar zu simpel: Brill denkt sich eine Geschichte aus und schickt darin den jungen Owen Brick in ein vom Bürgerkrieg geplagtes Parallel-Amerika der Gegenwart. Nach George W. Bushs vor Gericht erwirktem Wahlsieg haben sich, so die Fiktion, viele demokratische Staaten für unabhängig erklärt, was Bush militärisch zu verhindern versucht. Amerika ist zerstört, und Brick erhält den Auftrag, den Verursacher dieses Szenarios zu töten: August Brill.

Man weiß nicht so recht, was man zuerst bemängeln soll an Austers missglücktem Buch. Da ist die Banalität von Brills Gedankenwelt. Wenn er nicht an seiner apokalyptischen Amerikageschichte bastelt, reflektiert er seine öde Biografie – einem solchen Kopf kann nur eine höchst plakative, banale Allegorie auf die USA unter Bush entspringen. Und so muss es sich anfühlen, wenn aus der Methode eine Masche wird und ein ästhetisches Prinzip nur noch für weitere Texte herhalten muss. Ob Auster das gespürt hat? Möglicherweise, denn nach knapp 150 Seiten geschieht Unglaubliches – Brill lässt seinen Parallelwelt-Helden sterben. Nun erzählt er seiner Enkelin eine andere Geschichte; seine Liebes- und Leidensgeschichte zu Katyas Mutter Sonia. Dieser Richtungswechsel macht den Roman nicht besser. Der erste Teil ist abgedroschen und langweilig; der zweite konventionell und langweilig. Da hilft es wenig, dass Auster Sonias jüdischen Familienhintergrund ins Spiel bringt und mal grauenhafte, mal sentimentale Geschichten aus NS-Zeiten einflicht. Am Ende montiert er noch das Bürgerkriegsinferno mit Brills Schlafzimmergegenwart: In einem demonstrativ schockierenden Schlussbild wird Katyas im Irak entführter Verlobter enthauptet.

„Du siehst nicht, wie es passiert ist“, sagt Katya, „du setzt deine eigenen Bilder zusammen, aber du kennst die Tatsachen nicht.“ Möglich, dass es Auster, neben einer düsteren Abrechnung mit der Ära Bush, darum gegangen ist – individuelle Bilder des Leidens zu schaffen, die sich gegen die Anonymität von Todesstatistiken abheben. Allerdings ist das manierierte Identitätspuzzle von „Mann im Dunkel" das denkbar schlechteste Mittel dafür.


Paul Auster: Mann im Dunkel. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 220 S., 17,90 €.

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