"Paul Feyerabend" : Mythen mit Blüten

Arme Vernunft: Die jetzt erst entdeckte „Naturphilosophie“ von Paul Feyerabend.

Kolja Reichert

Was passiert, wenn Forscher unter Wilde gehen, führte besonders lässig Ludwig Wittgenstein vor. In seinen „Bemerkungen über Frazers Golden Bough“ polemisierte er gegen den Ethnologen James Frazer. Der hatte die Mythen und Riten primitiver Völker damit erklärt, dass sie die Welt ständig falsch deuteten; sie kannten ja die Naturgesetze noch nicht. Doch wer dürfte über Weltbilder urteilen, die für ihre Anwender widerspruchsfrei funktionieren? „Frazer“, spottete Wittgenstein, „wäre imstande zu glauben, dass ein Wilder aus Irrtum stirbt.“

Der naive Ethnologe ist ein exemplarischer Vertreter jenes Götzenglaubens an universelle Wahrheiten und Methoden in der Wissenschaft, den schon Nietzsche attackierte und gegen den auch Paul Feyerabend (1924–1994) genüsslich anschrieb. Wissenschaftlicher Fortschritt, erklärte er, geschehe gerade nicht da, wo streng nach Methode gearbeitet wird, sondern wo Regeln gebrochen werden. Das Fundament, auf dem sich die Wissenschaften glauben, genügt demnach gar nicht den eigenen rationalen Ansprüchen. Jede Tradition hat ihre eigenen Kriterien dafür, was vernünftig ist, einen unabhängigen Maßstab gibt es nicht. Warum also nicht auch Esoterik, Kreationismus oder Göttermythen ernst nehmen? Vergleichen lassen sie sich nur im historischen Überblick.

Den hat Feyerabend geschrieben, offenbar aber selbst vergessen. Im Philosophischen Archiv der Universität Konstanz tauchte nun ein Manuskript des ersten von einer auf drei Bände angelegten „Einführung in die Naturphilosophie“ auf. Anfang der Siebziger entworfen (etwa zur gleichen Zeit wie „Wider den Methodenzwang“), sollte hier die Entwicklung des menschlichen Naturverständnisses von steinzeitlicher Höhlenmalerei über die Ursprünge des Rationalismus in der Antike bis zur Quantenmechanik nachvollzogen werden.

Besonderes Augenmerk lag auf den Verlusten, vor allem der Fähigkeit, die Welt als lebendig und beweglich wahrzunehmen statt in starren Modellen und abstrakten Begriffen. Die Herausgeber Helmut Heit und Eric Oberheim sehen hier den „missing link“, um die Radikalisierung von Feyerabends Wissenschaftskritik zu verstehen. Mythische Welterklärungen entstehen eben nicht aus Träumerei oder falscher Interpretation der Tatsachen. Sie stellen logische Antworten auf praktische Herausforderungen dar (das zeigte zur selben Zeit auch Pierre Bourdieu). Sie entstammen den gleichen Gehirnen wie die Projektionen eines Ethnologen und stimmen mit den jeweiligen Lebenswirklichkeiten aufs Beste überein. Höhlenbilder waren nicht einfach schlecht gemalt, sondern brachten eine Weltanschauung adäquat zum Ausdruck.

Die Erbauer von Stonehenge waren kompetente Astronomen, wie die Polynesier, die ihre Schiffe über Ozeane navigierten. Und die parataktische Struktur der Homerischen Epen sei, so Feyerabend, vielleicht nicht rational nach heutigen Kriterien. Ziehe man aber die Erfordernisse mündlicher Überlieferung in Betracht, seien sie genau das: „,rational’ in unserem Sinn“. Und obendrein flexibler, weil nicht an statische Theorien gebunden.

Wie arm nimmt sich im Vergleich das Weltbild der begrifflich argumentierenden Wissenschaften aus: „Der Mensch tritt der Natur und seiner eigenen Unmittelbarkeit gegenüber, er sieht sich als ein Fremdes, das er mit Hilfe eines anderen und eben entdeckten Fremden, nämlich des Denkens zu verstehen versucht.“ Der Fortschritt vollzieht sich nicht mal, indem neue Argumente besseren Gebrauch von bestehenden Regeln machen; sondern indem sie unbemerkt neue Regeln einführen, neue Möglichkeiten, auf die Dinge zu blicken.

„Es bestand keine theoretische Notwendigkeit, das Aggregatuniversum Homers zu verlassen“, schreibt Feyerabend, „und die Erfahrung konnte einen solchen Wandel schon gar nicht befürworten.“ Einen „Propagandaschachzug in Form eines Arguments“ nennt er den Einwand des Archytas gegen die Endlichkeit des Alls. Und das „Sein“ als unveränderliche Einheit, der unmittelbaren Erfahrung unzugänglich: nur eine Setzung von Parmenides. „Die Geschichte ist voll von ,Argumenten’ dieser Art“, so Feyerabend, „und erscheint nur darum so ,rational’, weil Philosophen, Ideenhistoriker, professionelle Rationalisten regelmäßig auf die Tricks ihrer Vorgänger hereinfallen.“

Hier sitzt nicht die Vernunft zu Gericht über sich selbst wie in Kants Metaphysikkritik. Bei Feyerabend sitzt sie auf der Anklagebank, und der Philosoph führt die Klage gegen sie, im Namen des Relativismus. Da fliegen die Fetzen, macht der Empirismus des Xenophanes die Welt zur entgötterten „Rumpelkammer“ und werden die Angehörigen des Wissenschaftsbetriebs zu „unglücklichen, furchtsamen, aber eingebildeten Sklavenseelen“. Das hat seine erhebenden Momente. Allerdings erweist sich Feyerabend einmal mehr als größerer Rhetoriker denn als präziser Analytiker. Spätestens im letzten Kapitel, das die Entwicklung von Aristoteles bis zur Quantenmechanik durchrauscht, fehlt es an Moderation, wirkt die Stoffdichte erschlagend. Doch dieses Buch bietet die Gelegenheit eines Werkstattblicks, man sieht einen chaotischen Denker bei der Arbeit. Es gibt eben nicht das eine feste Spielfeld vernünftiger Aussagen. Stattdessen, wie Richard Rorty sagen würde, eine fortwährende Ablösung bewährter Vokabulare durch neue. Dieses Buch erinnert an die poetischen Anteile von Wissenschaft. „Eine neue Physik“, heißt es im Verkünderton, „wird auch die Dichtung als ein Instrument zur Erforschung der Welt heranziehen müssen.“

Wer alles zulässt, sollte allerdings auch Spielregeln kennen, unter denen sich nicht aufeinander reduzierbare Weltanschauungen begegnen können. Eine der besten scheint doch jene zu sein, auf die auch Feyerabend die meiste Zeit vertraut: überzeugendes Argumentieren. Dass zu diesem Spiel alle zugelassen sein sollen, auch die fernsten Mythen, ist das famose Anliegen Feyerabends.

Paul Feyerabend: Naturphilosophie. Hg. von Helmut Heit und Eric Oberheim. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 384 Seiten, 24,80 €.

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