Literatur : Pferd oder Taxi

Vom Schah zum Ayatollah: Kader Abdolah lässt die Geschichte des Iran Revue passieren

Andreas Pflitsch

Man kann Kader Abdolah wirklich nicht absprechen, dass ihm ein reicher, spannungsgeladener Stoff zur Verfügung steht. Die iranische Zeitgeschichte mit ihren Verwerfungen und Umschwüngen, in ihrer zwischen Leidenschaft und Extremismus liegenden Suche nach der eigenen Identität, muss jedem Autor, dem es um die großen Themen geht, wie gerufen kommen. Der 1954 im Iran geborene, seit 1988 in Holland lebende und auf Niederländisch schreibende Abdolah hatte schon in seinem Roman „Die geheime Schrift“ die iranische Geschichte der letzten Jahrzehnte auf die Ereignisse in einem abgelegenen Dorf heruntergebrochen.

„Das Haus an der Moschee“ ist ähnlich angelegt. Dieses Mal sind es das titelgebende Haus und seine Bewohner, die von den Zeitläuften erfasst werden. Im Fokus steht das Jahrzehnt zwischen der amerikanischen Mondlandung 1969 und der Islamischen Revolution 1979. Der Kaufmann Agha Djan, ein Fels in schwerer Brandung, steht als Patriarch der aus mehreren Großfamilien bestehenden Wohngemeinschaft in der Provinzstadt Senedjan vor. Es herrscht die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Während die Stadtverwaltung der fortschrittsgläubigen Schah-Regierung die als rückständig angesehenen Pferde verbietet und Kutschern, die den Führerschein machen, staatlich subventionierte Taxis verspricht, wettert der Imam der Moschee gegen „unreine“ Taxis. Die Teppichhändler des Basars gehen ihren Geschäften nach wie eh und je, während die Amerikaner auf dem Mond ihre Flagge hissen und die religiösen Würdenträger darüber streiten, ob es gestattet sei, sich das Ereignis im Fernsehen anzuschauen.

Es geht um das ewige Ringen zwischen Tradition und Moderne: den ingrimmig geführten Streit, was die echte Tradition ausmacht und welche neuen Errungenschaften erstrebenswert seien. Auf politischer Ebene formiert sich eine religiöse Opposition gegen den Schah und seinen Modernisierungskurs, der schon bald unerhörte Konsequenzen zeitigt: „Im Zug begegnete man Frauen ohne Kopftuch, ja, manchmal mit entblößten Armen. Frauen mit Hüten, Frauen mit Handtaschen, lachende, rauchende Frauen.“ Von den Kanzeln skandiert man Parolen gegen den „Satan Amerika“, der den Iranern „eine falsche westliche Kultur überstülpen“ wolle. Es kommt, wie es kommen musste: Die Volksseele brodelt, der Schah flieht, und der Ayatollah Khomeini kehrt triumphierend aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück. Doch viele Gegner des Schahs sehen sich schon bald von der neuen Macht enttäuscht.

Tolle Geschichten, fürwahr. Leider aber plätschert dieser Roman dahin. Behäbig chronologisch quält sich der Autor an der Ereignisgeschichte entlang. Die Familiengeschichte wird lieblos mit dem historischen Kontext zusammengezwungen. Immer wieder doziert Abdolah gegen die Geduld seiner Leser an. Stilistische Untiefen ergänzen die inhaltlichen Schwächen. So spricht das vielköpfige Personal des Romans unterschiedslos gleich gestelzt. Ausrutscher in die Kolportage („Jahre gingen vorüber, und das Leid des Hauses wuchs wie ein Baum“) stehen neben unbeholfener Faktenvermittlung („Die Arbeitslosigkeit war erschreckend hoch, Lebensmittel waren knapp“), und Abdolah scheint zwischen pseudoorientalischer Fabuliererei und pseudodokumentarischem Bericht das Erzählen fast zu vergessen. Herausgekommen ist so ein blutleerer Roman, an dem allein die Frage spannend ist, wie es Abdolah gelingen konnte, seinen Stoff derart geschickt über annähernd 400 Seiten unbemerkt an den Möglichkeiten der Literatur vorbeizuschmuggeln.

Kader Abdolah: Das Haus an der Moschee. Roman. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Claassen, Berlin 2007. 397 Seiten, 19,90 €.

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