Philip Roth zum 75. : Schreiben, lieben, gegenleben

Seit Jahren gilt er als erster Anwärter auf den Literaturnobelpreis - und wird ihn vielleicht doch nie bekommen: Philip Roth zum 75. Geburtstag.

Gerrit Bartels

Das Schlimmste am Altwerden, bekannte Philip Roth einmal, sei der Verlust intellektueller Funktionen, des Gedächnisses überhaupt. Sowas sagt sich leicht, wenn man sonst keine größeren körperlichen Gebrechen hat, und sowas gilt natürlich gerade für einen Schriftsteller, der so erfolgreich produktiv ist wie der heute seinen 75. Geburtstag feiernde Philip Roth.

Aber das Altwerden hat auch seine Vorzüge, liefert es doch nicht zuletzt neue Romanstoffe: Beschrieb Roth 1991 in „Mein Leben als Sohn“ noch den existentiellen Verfall seines Vaters, so ist er inzwischen selbst zum Experten in Sachen Alter und Tod geworden. Seine letzten Romane wie „Das sterbende Tier“, „Jedermann“ und „Exit Ghost“ kreisen obsessiv um diesen Themenkomplex. Man kann sie als Abwehrreaktionen verstehen, als Vermeidungsstrategie, verlieben sich doch seine Helden immer in viel jüngere, selbstredend wahnsinnig schöne Frauen. Die Liebe kennt kein Alter, keine Weisheit – selbst wenn sie wie in „Exit Ghost“ ihre Erfüllung nur auf dem Papier findet.

Diese Romane verdecken, dass sich Roth Zeit seines Schreibens mit drei anderen Themen intensiv beschäftigt hat: mit der Liebe, der Literatur und den Juden. In der Regel erzählt er von einem jüdischen, in den Suburbs von New Jersey oder New York aufgewachsenen Schriftsteller, der Literatur und Liebe nicht voneinander trennt und am Ende aus einer meist unglücklichen Liebe wieder Literatur werden lässt. Die Geschichten über die Jungen, die sich gegen die Tradition ihrer jüdischen Herkunft auflehnen und schreibend die Frauen und die Welt erobern, sind bei Roth Legion. Genauso wie die Reflexionen über den Ursprung seiner Fiktionen. Kaum ein Schriftsteller, der so gern mit der eigenen Biografie gespielt und sie zahlreichen Täuschungs- und Tatsachenmanövern unterzogen hat.

Bevor Roth sich aber in diesem Labyrinth literarischer Selbstbespiegelung verirrte, fand er noch einen Ausweg: Amerika. Sein opus magnum ist die in den neunziger Jahren entstandene amerikanische Trilogie mit „Mein Mann, der Kommunist“, „Amerikanisches Idyll“ und „Der menschliche Makel“. Darin hielt er statt sich selbst dem Nachkriegsamerika den Spiegel vor, dem der McCarthy-Ära, dem des Vietnam-Desasters und dem Amerika, das in den neunziger Jahren dem Political-Correctness-Wahn verfiel.

Anders als sein großes Vorbild Saul Bellow, der nach der Verleihung des Literaturnobelpreis 1976 praktisch verstummte und im Alter kaum noch Erwähnenswertes hinbekam, gelangte Roth mit dieser Trilogie auf die höchste Höhe seiner Kunst. Seit Jahren gilt er deshalb als erster Anwärter auf den Literaturnobelpreis – und wird ihn wohl nie bekommen. Dagegen behilft Roth sich mit einer unermüdlichen Romanproduktion, die vom Alter weder beeinträchtigt noch von ihm thematisch weiter bestimmt wird: Sein neuester Roman „Indignation“ handelt von einem 20-Jährigen und spielt zur Zeit des Korea-Kriegs. Gerrit Bartels

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