Philippe Claudel : Die Untat, die jeder begeht

Der französische Romancier Philippe Claudel beschäftigt sich mit der deutschen Geschichte.

Armin Leidinger

Dombasle-sur-Meurthe, der Geburtsort von Philippe Claudel, ist eine Kleinstadt in der Nähe von Nancy. Hier lebt der 47-jährige Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur noch immer. Für seinen Roman „Brodecks Bericht“ jedoch hat er kaum eine Zeile zu Hause geschrieben, sondern immer auf Reisen: in Hotelzimmern, Zügen und Flugzeugen.

Seit seinem Roman „Die grauen Seelen“ ist Claudel ein gefragter Mann. Lange stand das mit dem „Prix Renaudot“ ausgezeichnete Buch an der Spitze der französischen Bestsellerlisten, und seit Claudels im letzten Jahr bei der Berlinale uraufgeführten Film „So viele Jahre liebe ich Dich“ mit Kristin Scott Thomas und Elsa Zylberstein ist er auch Kinogängern ein Begriff. „In Lothringen verankert, aber auch kosmopolitisch“, bezeichnet Claudel sein Lebensgefühl. Das Gleiche gilt für seine Romane, zeigen sie doch, dass selbst weltgeschichtliche Ereignisse sich in einem kleinen Dorf widerspiegeln.

„Die grauen Seelen“ waren eine Parabel über den Ersten Weltkrieg, ein Abgesang auf die Schönheit des Lebens, die der Krieg zerstört. In „Brodecks Bericht“ geht es um Flucht und Vertreibung und vor allem: um die Verantwortung des Einzelnen in Krisenzeiten. Zeitlicher Hintergrund ist der Zweite Weltkrieg. Die unmittelbaren Kampfhandlungen sind beendet. Und in dem namenlosen Dorf, in dem der Roman spielt, möchte man nur noch eines: vergessen.

In dieser Situation kommt ein Fremder in die 400-Seelen-Gemeinde. Ein Mann im Gehrock, der sich schminkt und mit seinen Tieren spricht. Im Dorf nennt man ihn bald „den Anderen“. Am Anfang freut man sich über den seltenen Besuch. Doch dann verschweigt „der Andere“ beharrlich seinen Namen und trägt stets ein Skizzenheft mit sich, in das er unablässig Notizen einträgt. Als er im Gasthaus Zeichnungen ausstellt – „Porträts und Landschaften“ –, die das andeuten, was die Dorfbewohner gerne verschweigen wollen, ist sein Schicksal besiegelt.

Man tötet zuerst seine Tiere und dann ihn selbst. Von diesem Ereignis her nimmt der Roman seinen Ausgang. Das Dorf beauftragt Brodeck, einen Bericht zu schreiben, der zeigen soll, warum man nicht anders handeln konnte. Heimlich aber schreibt Brodeck noch einen anderen, persönlicheren Bericht. Es sind diese „Bekenntnisse“, die wir hier zu lesen bekommen.

Claudels Roman ist allegorisch zu verstehen. „Der Andere“ ist das personifizierte schlechte Gewissen der Dorfbewohner. Ein Chronist, der notiert, was die meisten vergessen möchten, und damit ein Doppelgänger Brodecks. Auch Brodeck gehört nicht wirklich zur Dorfgemeinschaft. Als Vierjähriger wurde er von einer Ziehmutter aufgenommen und aus Ruinen in seine neue Heimat gebracht. Als feindliche Truppen einfallen und verlangen, dass alle „Fremden“ ausgeliefert werden, ereilt ihn wieder das Schicksal des alleingelassenen Kindes. Doch Brodeck kehrt aus dem Lager zurück, in das jene Fremden gebracht werden. Seine Existenz erinnert die Dorfbewohner an ihren Verrat.

Wo aber liegt das namenlose Dorf? Vieles deutet auf das lothringische Grenzgebiet, die topografischen Angaben sind jedoch fiktiv. Ähnlich verhält es sich mit der Hauptstadt, in der Brodeck studiert. Obwohl die Straßennamen erfunden sind, ist erkennbar Berlin gemeint. Spätestens, als auf die „Reichskristallnacht“ angespielt wird, ist klar: Hier beschäftigt sich ein französischer Autor mit der deutschen Geschichte.

Nicht nur aus französischer Sicht ist brisant, dass die Koordinaten so ungenau sind. In Claudels Universum sind alle zu jeder Untat fähig. Claudel formuliert mit „Brodecks Bericht“ eine unbequeme These. Geschichte, so behauptet er, geht in der Summe ihrer Geschichten jeden Einzelnen an. Ein 400-Seelen-Dorf, wo sich niemand in der Anonymität verstecken kann, ist genau der richtige Ort, um das zu zeigen. Hätte nicht Brodecks Freund Diodème schweigen müssen, statt ihn an die Nazis zu verraten?

„Brodecks Bericht“ hat die emotionale Intensität, die Claudels Werk insgesamt auszeichnet. Literarisch ist er sogar höher einzuschätzen als „Die grauen Seelen“. Denn anders als im allzu romantisch geratenen Vorgängerroman knirscht Claudel hin und wieder mit den Zähnen, wenn er von den grausamen Geschehnissen im Lager erzählt.

Aber ist es tatsächlich möglich, dem Lauf der Geschichte ein trotziges „Ich nicht“ entgegenzusetzen? Am Ende mündet das Buch in eine Beichte. Brodeck erzählt, was auf dem Weg zum Lager geschehen ist. Wie er mit seinem Leidensgenossen Kelmar ein Verbrechen begangen hat, als Durst ihre Sinne vernebelte. Kelmar geht danach in den Freitod, Brodeck überlebt. „Das Leben ist die einzige siegreiche Moral“, sagt ein Nazioffizier an einer Stelle, „wer tot ist, hat immer unrecht“. Es scheint, als habe Philippe Claudel seinen Roman geschrieben, um eben diesen Satz zu widerlegen.

Philippe Claudel: Brodecks Bericht.

Roman. Aus dem

Französischen von Christiane Seiler.

Kindler Verlag,

Reinbek 2009.

352 Seiten, 19,90 €.

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