Literatur : Picknick am Kraterrand

Dieter Richter schreibt eine Kulturgeschichte der Vesuv-Faszination

Kolja Reichert

Böse süditalienische Zungen sagen, das Beste für die Region um den Vesuv wäre ein neuer Ausbruch, der das unbändige Bau- und Verkehrschaos und die mafiösen Strukturen einfach begraben würde. Am Golf von Neapel, der laut Goethe „schönsten Gegend von der Welt“, leben die Menschen seit Jahrtausenden im Kreislauf von Zerstörung und Neubeginn. Kaum ein anderer Gegenstand bietet der Zivilisation eine so gleichbleibende und vor allem anfassbare Herausforderung wie der Vulkan. Wenn der Literaturprofessor Dieter Richter dem Vesuv ein Buch widmet, ist das Ergebnis nicht weniger als eine kleine Kulturgeschichte des Abendlandes.

Jede Epoche spiegelt sich hier im Angesicht der Gefahr – die Antike, die Titane im Inneren des Berges wusste; die stoische Philosophie des älteren Plinius, der 79 der Lava entgegensegelte, um dann in Erwartung des Todes erst mal in die Therme zu gehen; die mittelalterliche Scholastik, die in Ausbrüchen die Rache Gottes sah; der Humanismus, der sich zu unerschrockener Forschung herausgefordert fühlte; der Barock mit seinen Sonetten auf die Vergänglichkeit; und die Aufklärung, die das Gute selbst im Bösen sah: „Mein innrer Sturm macht köstlicher die Reben“, ließ Karl Friedrich Benkowitz den Berg sprechen, „Mein Wüten lässt die Saat sich segensreicher heben, / Ich bringe Heil durch Schrecken und durch Tod“. Als Wahrzeichen für die Ästhetik des Erhabenen lockte der Vesuv Scharen von Abenteuerreisenden, die an seinem Kraterrand nächtliche Picknicks abhielten. Der Massentourismus erblühte, und Thomas Cook erschloss den Vulkan mit seiner Bergbahn.

Mit Gründlichkeit und Ehrfurcht gegenüber seinem Gegenstand stellt Richter eine üppige Sammlung literarischer Auseinandersetzungen mit dem Vesuv zusammen. Neben dem Marquis de Sade, bei dem der Berg Anlass zu einem grausamen Verbrechen gibt und Flaubert, dessen Erektionen in der Nähe des Vulkans zunehmen, kommen auch bislang unbekannte Quellen zu Wort. Gerne nimmt Richter auch die Neapolitaner in Schutz gegen manche üble Beschimpfung durch prominente Bildungsreisende: „Schade, dass es keine Aufzeichnungen der Einsiedler über ihre deutschen, englischen und französischen Besucher gibt!“

Auch die Entwicklung der Naturwissenschaft lässt sich mit Blick auf den Vesuv beschreiben. Hier entstand die erste vulkanologische Beobachtungsstation, im 18. Jahrhundert wurde zum ersten Mal erfolgreich vor einem Ausbruch gewarnt. Alexander von Humboldt war es, der durch seine vergleichenden Beobachtungen anderer Vulkane mit den alten Theorien von unterirdischen Winden und dem Auftauchen der Erde aus dem Meer aufräumte und die Erkenntnis durchsetzte, dass die Erdoberfläche nie fertig sein wird. Seit 1944, als ein Ausbruch in das Dauerbombardement auf die Region einstimmte, ruht der Vulkan. Erloschen ist er aber nicht. Die Folgen eines neuen Ausbruchs wären verheerender denn je, und so ist die Gegend heute mit Messinstrumenten übersät, um im Ernstfall den ganzen Landstrich rechtzeitig evakuieren zu können.

Die Verwüstung von Pompeji und Herculaneum zeigte, dass man mit einer Prise Zynismus in jeder Katastrophe etwas Gutes sehen kann: Eine luftdichte Schicht konservierte damals die einzige erhalten gebliebene Bibliothek der griechisch-römischen Welt. Goethe urteilte über den damaligen Ausbruch: „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude bereitet hätte.“ Dieses Buch lässt daran teilhaben.

Dieter Richter:

Der Vesuv. Geschichte eines Berges. Wagenbach Verlag, Berlin 2007. 224 Seiten, 24,50 €.

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