Poesie : Der Schnitt geht mitten durchs Land

Jürgen Becker durchquert in seinen Gedichten die deutsche Vergangenheit. Der Rückweg durch die Geschichte jedoch verläuft jenseits von Atlanten und Schulbuchwissen.

Nico Bleutge

Der Spalt zwischen dem Augenblick und seiner Deutung durch das Gedächtnis bestimmt Jürgen Beckers Schreiben von jeher. Diese Verse wissen genau: Die Wahrnehmung verläuft zumeist ungeordnet, und sie ist überformt von Erinnerungen, Tonspuren, kleinen Gedanken. All die gleichzeitigen Erscheinungen lassen sich nur im Nachhinein zu Abfolgen oder Mustern fügen, ja kommen erst im Gedächtnis eigentlich zur Sprache.

„Immer / erst später die Bestimmbarkeit der Momente; Zusammenhänge, und / was sie bedeuten“, heißt es einmal in Beckers großem „Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft“ (1988). Dabei kann die Vergangenheit für kurze Zeit durchsichtig werden, die Chronik gelingt aber nur in Ansätzen, weil die Erinnerungen widersprüchlich sind und sich bald schon entziehen.

In seinem neuen Lyrikband hat Jürgen Becker, 1932 in Köln geboren, diese Gedanken noch einmal zugespitzt. War es in seinen früheren Gedichten immer auch die deutsch-deutsche Historie, die in die Verse einsickerte, so konzentriert er sich in den Erinnerungsschichten diesmal fast ganz auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und auf die ersten Nachkriegsjahre. Oft setzen die Stücke mit einer Naturbeobachtung ein, in die sich unvermittelt die Geschichte schiebt: „Einzelne Meisen / machen sich an die Arbeit; Wespen klettern / aus ihren Erdlöchern hervor. Der Schnitt geht mitten / durchs Land, als die alte Landkarte / auftaucht“. Im Innern der Verse wirkt ein beobachtendes und reflektierendes Ich, das die Wahrnehmungen und Erinnerungen fortwährend hinterfragt. Immer nur kurz hellt der Himmel auf, dann verwischen die Zusammenhänge wieder. So entstehen „variierte Verläufe“, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart überschneiden.

Dieser Rückweg durch die Geschichte jedoch verläuft jenseits von Atlanten und Schulbuchwissen. Es ist ein Gedächtnis, das auf der eigenen Erfahrung beruht, das gleichsam im Körper sitzt und auf Klänge, Gerüche oder optische Eindrücke reagiert. Schon ein einzelner Apfel, der krachend durchs Geäst schlägt, kann genügen, die Erinnerung an Bombennächte wachzurufen. Und stets macht dieses Ich die Medien bewusst, die zur Aufzeichnung und Mitteilung des Geschehenen dienen: Mitschriften, Zeitungsartikel, Fotos, Tonbänder oder den mündlichen Bericht.

In einer wohlkomponierten Mischung aus kürzeren Stücken und Langgedichten breitet Jürgen Becker seine Erinnerungsschleifen aus. Ab und an stößt man auf alte Bekannte, auf Moritz den Tankwart etwa aus Beckers jüngstem Prosabuch „Die folgenden Seiten“. Dabei ist schön zu beobachten, wie nah sich Gedicht und Prosatext kommen können. Es zeugt von seinem lyrischen Können, dass der Ton nie ins Sentimentale abrutscht, sondern die irritierende Fremdheit der Phänomene hervorkehrt. Manchmal, selten nur, zu unserem Leseglück, vertrauen die Gedichte zu sehr auf den momenthaften Einfall. Dann bleiben vielleicht wirklich nicht mehr als „Skizzen, kleine Formate, / die man noch unterbringen kann“.

Doch bald schon weiten sich die Zeilen aufs Neue. Mit wachem Auge treibt Jürgen Becker seine lyrische Gedächtnisarbeit voran. Und setzt der Angst, die Erinnerungslandschaft könnte verloren gehen, die Kraft seiner Verse entgegen: „Du weißt es, die ganze Zeit, / in der du am Zaun stehst und siehst, / wie aus dem Bild einer Küste eine Küste entsteht“.

Jürgen Becker: Dorfrand mit Tankstelle. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008.

99 Seiten, 10,80 €.

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