Politikerbücher : Die Heuchler sind wir

Keine Krise, nirgends: Warum das Politikerbuch in Deutschland Konjunktur hat.

Moritz Schuller
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Neues aus dem Gebäudesektor. Auch Sigmar Gabriel (hier bei seiner Buchvorstellung) hat sich Gedanken zur Politik gemacht.Foto: dpa

Als Frank-Walter Steinmeier auf der Buchmesse in Leipzig sein Buch vorstellte, wurde er von einem Kind gefragt, welches Politikerbuch er denn in letzter Zeit gelesen habe. Steinmeier hätte antworten können: Franz Münteferings „Macht Politik!“ oder: „EinSozialdemokrat. Die Autobiografie“ von Kurt Beck. Er hätte dem Jungen auch Sigmar Gabriels „Links neu denken“ ans Herz legen können. Stattdessen sagte er: „Politikerbücher lese ich nicht so gern“.

Politikerbücher, die zurückblicken, haben in Deutschland eine lange Tradition. Otto von Bismarck verfasste „Gedanken und Erinnerungen“; heute ist Helmut Schmidt König des Genres. Sein im vergangenen Herbst erschienenes Buch „Außer Dienst“ war mit einer Auflage von mehreren Hunderttausend ein Bestseller.

Das vorausschauende Politikerbuch, das Taten ankündigende Werk eines aktiven Politikers, war aus verständlichen Gründen in Deutschland bisher eine Ausnahme. Dass in den vergangenen Monaten eine große Zahl deutscher Spitzenpolitiker ein Buch vorgelegt hat, weist darauf hin, das sich ein Paradigmenwechsel vollzieht: hin zu einer stärkeren Personalisierung von Politik und einer Ikonisierung von Politikern. Der deutsche Politiker rückt sich inzwischen selbst in den Vordergrund und Teil dieser Strategie ist offenbar das eigene Buch. Mit „Mein Deutschland. Wofür ich stehe“ nimmt Frank-Walter Steinmeier im Titel das besitzergreifende Pronomen auf, das auch Angela Merkel 2005 für ihr Buch „Mein Weg“ benutzt hatte. Die Unbefangenheit, mit der die beiden sich dabei in der Titelgebung Adolf Hitler annähern, wäre vermutlich vor 20 Jahren noch ein Skandal gewesen. Aber heute muss der Politiker wieder „Ich“ sagen, er muss sich als Mensch an die Menschen wenden. (Das Ich fällt nicht jedem gleich leicht. Spricht Gesine Schwan locker von „ich“, „wir“ und „mein“, ringt sich Steinmeier gerade ein litotisches „ich selbst bin sicher nicht ohne Ehrgeiz und Selbstbewusstsein“ ab.)

Es ist nur auf den ersten Blick erstaunlich, dass für diese Profilierungsstrategie ein so altertümliches Instrument wie ein Buch ins Spiel kommt. Denn die Schwemme der Politikerbücher ist auch Ausdruck des dramatischen Vermittlungsproblems, mit der Politik heute konfrontiert ist. Das bisherige Medium der Wahl, das Fernsehen, scheint dieser Rolle jedenfalls nicht mehr gewachsen, bei Plasberg und Anne Will werden Politiker lediglich „ausgestellt und lassen es auch gern mit sich tun“, wie Jürgen Kaube in der „FAZ“ schreibt. Vielleicht verfassen Politiker nun also Bücher, weil sie im Fernsehen nicht mehr als Politiker zu Wort kommen, sondern als Witzfiguren. Wer ein Buch schreibt, wird nicht unterbrochen.

Ein beliebter Topos des Politikerbuches ist daher die Krise der Politik oder auch der Demokratie. In einer bisweilen autoagressiv anmutenden Weise gehen Politiker hart mit ihrem Gewerbe ins Gericht. Matthias Platzeck wünscht sich, dass die Parteien „entgegen allen Abschottungstendenzen zu einer neuen Grundhaltung der Offenheit imstande sind“. Aus Sicht der Linken-Frontfrau Katja Kipping führt die politische Klasse „einen Entmachtungsfeldzug gegen sich selbst und gegen das demokratische System“. Selbst Sigmar Gabriel, der vor allem das „Draufhauen“ der Medien für die entpolitisierte Öffentlichkeit verantwortlich macht, räumt eine Mitschuld seiner eigenen Partei an dieser Entwicklung ein.

Das Politikerbuch tritt also an, der Politikverdrossenheit etwas entgegenzusetzen – indem es die zentrale Bedeutung von Politik („Primat der Politik“) betont und eine „Renaissance der Politik“ ausruft. Doch das ist ein Projekt, das aufgrund innerer Widersprüche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Kein aktiver Politiker kann sich außerhalb des politischen Rahmens stellen. Um glaubwürdig zu sein, müssten Politiker die Lage einigermaßen realistisch beschreiben. Tun sie das, fragt sich der Leser, warum sie die Lage nicht schon längst zum Besseren verändert haben. „Der aktive Politiker“, antwortete Timothy Garton Ash einmal auf Vaclav Havels Forderung, dass die Intellektuellen sich politisch stärker einbringen müssten, „kann schlicht die Worte nicht genauso benutzen wie ein unabhängiger Intellektueller. Er muss, mindestens, vorsichtiger und zurückhaltender sein. Und wenn er Mitglied einer Partei ist und nach Macht strebt, dann besteht sein Gewerbe nicht darin, ,in der Wahrheit zu leben’ (um einen Satz des Dissidenten Havel zu benutzen), sondern in der Halbwahrheit zu arbeiten“.

Das Politikerbuch, darin besteht sein Dilemma, darf nicht spalten. Europa ist gut, könnte aber besser sein, Manager sind gierig, aber ich kenne auch ganz andere, die Hochschule muss modern sein, darf aber die Humboldt’schen Ideale nicht vergessen. Für Sigmar Gabriel von der SPD ist „der Sozialstaat ein Freiheitsrecht“ und für Philipp Rösler von der FDP ist Liberalismus die Solidarität der Starken für die Schwachen – schließlich möchte niemand etwas gegen Freiheit oder gegen Solidarität gesagt haben. Dass eine Politik der Balancen die beste ist, mag stimmen, aber das hat vor Schwan und Gabriel auch schon Aristoteles gesagt.

Norbert Röttgen, der sich am weitesten von der Parteipolitik entfernt, der nicht nur Habermas, sondern auch Thomas Friedman gelesen hat und dessen Buch vor allem der Wunsch nach Selbstvergewisserung in Zeiten der Globalisierung zugrunde liegt, entkommt diesem Dilemma bisweilen. Er wagt es, von Verlusten zu sprechen, indem er darauf hinweist, dass unsere eigene politische Positionierung zunehmend „risikoreicher“ geworden ist, dass die Globalisierung zu Entgrenzungsprozessen führt. Doch auch er bietet konkrete Lösungen an: Um die Akademikerquote in Deutschland zu erhöhen, schlägt Röttgen vor, die Fachhochschule zur eigentlichen Regelhochschule zu machen. Wenn der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion das für richtig hält, warum hat die CDU das nicht umgesetzt? Vielleicht kommt das ja noch – die Kanzlerin, so heißt es, habe Röttgens Buch nämlich „durchgearbeitet“.

Offen und ungeschützt kann der Politiker offenbar erst schreiben, wenn er kein Politiker mehr ist. „Die Ökonomisierung der Gesellschaft beruht auf dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem die menschlichen Werte auf den Kopf gestellt werden“, schreibt der Alt-CDUler Heiner Geißler; auch der Ex-SPDler Wolfgang Clement spricht Klartext: „Wo alles und jedes ,von oben’ geregelt wird, da erschlafft auf die Dauer auch der aktivste Bürger, der wachste und kritischste Geist und der risikofreudigste Unternehmer.“ Das liest sich besser als: „Im Gebäudesektor muss es endlich gelingen, die Sanierungsrate deutlich anzuheben“ (Sigmar Gabriel). Das deutsche Politikerbuch scheitert, weil es am Ende doch kaum mehr als Parteiprogramm ist. Es scheitert, weil der deutsche Politiker so schreibt, wie er bei Anne Will spricht. Weil der deutsche Politiker Politikerbücher offenbar nicht nur ungern liest, sondern sie auch ohne Lust verfasst, sie sich sogar von jemandem schreiben lässt. Literarischer Ehrgeiz ist in diesem Genre nicht zu spüren.

Was politisch im Land falsch läuft, hört man sich vielleicht noch von einem Taxifahrer an, nicht jedoch von einem Politiker. Die Politiker, die anders sind als die, die in den Politikerbüchern kritisieren und kritisiert werden, sind vermutlich Politiker, die keine Politikerbücher schreiben. Es ist k ein Wunder, dass John F. Kennedy nicht über seine politischen Pläne geschrieben hat, sondern über Mut, dass Giscard d’Estaing einen erotischen Roman und Jimmy Carter ein Kinderbuch („The little Baby Snoogle-Fleejer“) auf den Markt gebracht haben. Auch Barack Obama lässt sich nicht über Details einer Gesundheitsreform aus. Sein Thema, die „Audacity of Hope“, ist größer.

Angela Merkel, der Entwicklung wieder einmal einen Schritt voraus, hat darauf verzichtet, im Wahljahr ein eigenes Buch zu verfassen. Stattdessen hat Merkels Lieblingsfotografin Laurence Chaperon einen Bildband mit unendlich vielen Merkel-Bildern herausgegeben, dazu ein paar anbiedernde Texte über Merkel. Ihr Beitrag zum Genre ist damit ein qualitativer Schritt: Ein Politikerbuch, das man gar nicht lesen kann – und das doch ihr gesamtes politisches Programm abbildet.

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