Politische Literatur : Anti-Islam, Pro-Islam

Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse: Drei Bücher liefern Einblicke in die islamische Lebenswelt und Geschichte

Ralf Balke

Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse prägen unser Bild vom Islam. Das jedenfalls sagt Alfred Hackensberger. Sofort möchte man dem in Marokko lebenden Journalisten Recht geben, denn in Diskussionen über in Deutschland lebende Muslime oder Ereignisse in der islamischen Welt offenbaren sich oft große Wissenslücken. Dafür gibt es Ressentiments, Stereotype und kulturellen Relativismus zuhauf, wie sich auch wieder am Wochenende beim Kölner „Antiislamisierungskongress“ gezeigt hat. Jeder Versuch, über den Islam und die Muslime faktenunterfüttert und trotzdem verständlich zu informieren, verdient daher erst einmal Vorschusslorbeeren. Aber so ein „Lexikon der Islam-Irrtümer“ zu schreiben ist eine anspruchsvolle Sache und schon nach wenigen Seiten erleidet Hackensberger Schiffbruch. Unter dem Stichwort „Al-Dschasira“ freut er sich darüber, dass es dem in Katar beheimateten Sender gelungen sei, „das Informationsmonopol von BBC und CNN“ zu brechen und der arabischen Welt eine Stimme zu geben. Kein Wort jedoch darüber, dass Al-Dschasiras Haus- und Hofprediger Scheich Jusuf al Qaradawi heißt und dort regelmäßig palästinensische Selbstmordattentäter glorifiziert. Ein Ausrutscher, möchte man meinen. Außerdem ist eine gewisse Parteilichkeit das gute Recht eines jeden Autors. Doch kriminell wird es, wenn Hackensberger beispielsweise die Forschungsbedingungen im Reich der Mullahs beschreibt: „Im Iran herrschen Verhältnisse, von denen Wissenschaftler in den USA und anderen Ländern nur träumen können.“ Wie kann es dann sein, dass noch kein Exodus frustrierter Akademiker aus dem Westen Richtung Teheran zu beobachten war?

Und wer das Kapitel über die Hisbollah liest, reibt sich nicht nur die Augen über die Schönfärberei des verlängerten Arms Teherans im Libanon, sondern glaubt eine Satire zu lesen: „Der zivile Frieden darf nicht gefährdet werden“, so präsentiert Hackensberger allen Ernstes die politische Grundhaltung der Hisbollah.

„Ein Fenster zum realen Leben heutiger Muslime, zu ihrem Alltag, ihren Konflikten, Hoffnungen und Träumen“ möchte auch Charlotte Wiedemann öffnen. Die Journalistin bereiste zu diesem Zweck Länder wie den Iran, Saudi Arabien, Pakistan oder Nigeria. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht dabei die Situation der Frauen in den verschiedenen islamischen Gesellschaften. Mit einem ausgeprägten Gefühl für die Nuancen skizziert Wiedemann die Spannungsfelder, in denen sich gerade sie befinden. Mehr noch als die Männer sind Frauen oft hin und her gerissen zwischen Traditionen und den Herausforderungen der Moderne, insbesondere dem Wunsch nach einer stärkeren Partizipation auf politischer Ebene – wohlwissend, dass sie damit nicht selten ihr Leben gefährden. „Wir sind wie in der Mitte eines Sturms.“ Mit diesen Worten zitiert sie eine jemenitische Frauenrechtlerin, die die Situation sehr treffend auf den Punkt bringt.

Aber auch als Autorin begibt sich Wiedemann auf eine Art Gratwanderung. Auf der einen Seite hat sie Recht, dass es problematisch ist, westliche Maßstäbe auf die vielen Länder des Islams zu übertragen, wenn es um das Verhältnis der Geschlechter im Allgemeinen und die Rolle der Frauen im Besonderen geht. Und gewiss brauchen Veränderungen ihre Zeit. Dennoch sollte man vorsichtig sein, von Frauen in der islamischen Welt verinnerlichte Unterdrückungsmechanismen als kulturelle Gepflogenheiten einfach so zu übernehmen. Das betrifft gerade die radikale Trennung zwischen den Geschlechtern wie in Saudi Arabien, die aber auch in anderen Ländern immer mehr um sich greift. Deren Absurditäten beschreibt Wiedemann zwar ausführlich, doch gelegentlich hat man den Eindruck, dass sie die in Gesprächen mit Frauen geäußerte Akzeptanz solcher Maßnahmen etwas zu unkritisch wiedergibt. Irritierend sind auch Aussagen, dass im Iran die Todesstrafe gegen Homosexuelle „seit Jahren nicht vollstreckt wurde“. Menschenrechtsorganisationen wissen da anderes zu berichten.

Argumentativ auf dünnem Eis bewegt sich Wiedemann ebenfalls, wenn sie schreibt, dass sich ein radikaler Islam in der Türkei nur deshalb nicht so verbreiten konnte, weil das Land nie eine europäische Kolonie war. Gleiches lässt sich aber auch über Saudi Arabien und den Iran sagen und die dominierende Form des Islams dort ist alles andere als moderat zu nennen. Irgendwie erliegt sie damit dem Reflex zahlreicher Autoren, den Islamismus als eine Reaktion auf den Westen und seine Politik zu deuten. Dessen Ursachen sind komplexer. Trotzdem eignet sich Wiedemanns Buch viel besser zum Kennenlernen der Region als der unglückliche Lexikon-Versuch von Hackensberger.

Auch im aktuellen Buch des Orientalisten und langjährigen Nahost-Korrespondenten der „Neuen Zürcher Zeitung“, Arnold Hottinger, steht der Einbruch der Moderne und seine Folgen im Mittelpunkt. Eingebettet in nach Regionen aufgeschlüsselte Schilderungen der historischen Entwicklungslinien vermittelt er seine Sicht der Dinge. Das hat insofern einen ganz besonderen Reiz, als dass der Autor eine fast vergessene Art der Darstellung gewählt hat: Nach dem alten Leitspruch Napoleons, dass Geografie Schicksal sei, greift Hottinger gerne auf topografische und klimatische Begebenheiten zurück, warum beispielsweise der Lauf der Geschichte im Nil-Tal ein anderer war als zwischen Euphrat und Tigris. Auch in der Wahl der Worte und des Stils erweist er sich als Autor alter Schule, was nicht ohne Wirkung auf den Leser bleibt. Grundsolides Faktenwissen wird zuhauf geboten. Doch leider leidet Hottinger genauso wie die Mehrheit der Orientalisten an einem gewissen Mangel an Distanz zum Forschungsobjekt, was sich in seiner redundanten wie unreflektierten Art des Anti-Amerikanismus sowie einer Verharmlosung islamistischer Tendenzen äußert. Da werden die Amerikaner mit den Mongolen verglichen. Der suizidale Terror im Irak, dem schließlich tausende Iraker zum Opfer fallen, firmiert als „Widerstand“ und Islamisten in Ägypten planen Anschläge, „weil sie keine andere Möglichkeit sehen, Rache zu üben“. Solche Sätze sind mehr als nur ärgerlich. Wer jedoch über Äußerungen dieser Art hinwegsehen kann, für den kann die Lektüre ein Gewinn sein.

Alfred Hackensberger: Lexikon der Islam-Irrtümer. Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse von Al-Qaida bis Zeitehe. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008, 274 Seiten, 19,95 Euro.

Charlotte Wiedemann: Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam. Herder Verlag, Freiburg 2008. 224 Seiten, 14,95 Euro.

Arnold Hottinger: Die Länder des Islams. Geschichte, Traditionen und der Einbruch der Moderne. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008. 379 Seite, 34,90 Euro.

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