Politische Literatur : Christussozialist

Für die Nazis war Horst Wessel ein Heiliger, für Teile der rechtsextremen Szene ist er heute noch eine Ikone. Dennoch bleibt er den meisten unbekannt. Der Historiker Daniel Siemens will das mit seinem Buch ändern.

Frank Jansen
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Kultobjekt. Auch eine SA-Standarte trug den Namen des NS-Helden. -Foto: Ullstein

Für die Generation 70 plus zählt die Szene zur kollektiven Kindheitserinnerung: Antreten zum Schulhofappell, den rechten Arm gehoben, am Fahnenmast hängt die Hakenkreuzflagge, das Deutschlandlied wird angestimmt. Der rechte Arm wird immer schwerer, doch es muss weitergesungen werden: Das Horst-Wessel-Lied schallt über den Platz, „die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen …“ Die Nazis hatten das Singen der Hymnen von Land und Partei zum gemeinsamen Pflichtprogramm verkoppelt. Der Automatismus, erzählen ältere Leute, klingt im Kopf noch nach, wenn heute, wie bei einem Länderspiel, die Nationalhymne intoniert wird.

Das NS-Regime hat zentrale Rituale ins Gedächtnis der Bevölkerung gebrannt, auch 64 Jahre nach dem Ende der Diktatur können die Zeitzeugen keine Löschtaste drücken. Gleichwohl, wer dieser Horst Wessel war, dessen Lied man damals zu schmettern hatte, dürfte auch den meisten Älteren nur noch schemenhaft präsent sein. Für die Mehrheit der Jüngeren ist der 1930 von einem Kommunisten erschossene und von den Nazis zum Heiligen stilisierte SA-Mann vermutlich ein Unbekannter. Nur in Teilen der rechtsextremen Szene wird Wessel weiterhin als Ikone verehrt.

Sein Tod wurde ausgeschlachtet: Horst Wessel Superstar

Der Historiker Daniel Siemens, an der Universität Bielefeld tätig, hat die Geschichte von Lied und Namensgeber recherchiert. In seinem Buch räumt Siemens weitgehend mit den Halbwahrheiten auf, die sich bis heute um den frühen, gewaltsamen Tod Wessels ranken. Es gelang Siemens, die lange vermissten Ermittlungsakten aus dem Jahr 1930 aufzutreiben, die sich das DDR-Ministerium für Staatssicherheit gesichert hatte. Und er analysiert ausführlich, wie Wessels Tod von den Nazis, vor allem vom zynisch-genialen Medienmanipulator Joseph Goebbels, ausgeschlachtet wurde: Horst Wessel Superstar.

Die Biografie des jung Gestorbenen gibt – kaum überraschend und für Mythenproduzent Goebbels auch unerheblich – eine Stilisierung zum Helden nicht her: Der 1907 geborene Wessel wurde vor allem von seinem Vater geprägt, einem eifernden, völkisch-nationalistischen Pfarrer der evangelischen Kirche. Ludwig Wessel predigte unter anderem an der Berliner Nikolaikirche. Der Vater verkraftete die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg nicht und impfte seine Söhne mit Deutschtümelei. Da Ludwig Wessel schon 1922 starb, unterblieb die denkbare Pubertätsrevolte der Kinder gegen den autoritären und wohl auch gewalttätigen Pfarrer. Horst Wessel und ein Bruder drifteten in den Rechtsextremismus ab, schließlich landeten beide bei den Nazis.

Politischer Fanatismus und „Kameradschaft“ gaben Wessel einen letzten Halt

In der SA stieg Horst Wessel 1929 zum „Sturmführer“ im Berliner Arbeiter-Stadtteil Friedrichshain auf. Die Karriere bei der braunen Schlägerarmee war das Spiegelbild eines gescheiterten Kleinbürgerlebens. Wessel hatte ein Jura-Studium abgebrochen, er nahm Billigjobs an und lebte zuletzt mit einer Prostituierten. Politischer Fanatismus und „Kameradschaft“ gaben Wessel einen letzten Halt – erst recht angesichts der über das Land hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise, die viele junge, orientierungslose Männer in die Arme der braunen und roten Feinde der Weimarer Republik trieb.

Ende der 20er Jahre, genauer kann es auch Siemens nicht eingrenzen, dichtete Wessel das später nach ihm benannte Lied. Er klaubte Melodie-Fragmente zusammen und dichtete den holprig-martialischen Text. Die Beschreibung der Genese des Lieds bleibt in Siemens’ Buch etwas blass, offenbar gibt die Quellenlage nicht mehr her. Detailliert wird hingegen der tödliche Angriff auf Wessel geschildert. Der kommunistische Zuhälter Albrecht „Ali“ Höhler schoss Wessel am 14. Januar 1930 ins Gesicht, knapp sechs Wochen später erlag der SA-Mann seinen Verletzungen.

Goebbels sah in dem Attentat eine Chance zum Aufbau einer Märtyrerlegende

Die Tat war sowohl privat als auch politisch motiviert. Die Vermieterin des Zimmers, in dem Wessel mit der Prostituierten Erna Jaenichen lebte, wollte von dem Paar mehr Geld. Wessel weigerte sich, die Vermieterin bat einen kommunistischen Schlägertrupp um Hilfe. Der kam gern, Wessel war als lokale SA-Größe verhasst. Höhler feuerte sofort, als Wessel die Tür seines Zimmers öffnete. Geplant hatten die Kommunisten allerdings nur eine „proletarische Abreibung“, kein Tötungsverbrechen. Höhler agierte übermotiviert und hektisch.

Als Tat im Zuhältermilieu sieht Siemens den Überfall nicht. Bei den Recherchen fand er keine belastbaren Indizien für den auch heute noch von Linken geäußerten Verdacht, Wessel selbst habe Jaenichen auf den Strich geschickt. Und selbst wenn es so gewesen wäre: Goebbels sah in dem Attentat eine große Chance zum Aufbau einer braunen Märtyrerlegende. Gleichzeitig verhöhnte er im Januar 1930 in seinem Tagebuch Wessel als „idealistischen Phantasten“.

Friedrichshain wurde in „Horst-Wessel-Stadt“ umbenannt

Nach der Machtergreifung nutzten die Nazis Wessel zur Sakralisierung ihres Regimes. Der tote SA-Mann wurde zum Objekt eines gigantischen Kults mit kitschig-religiösem Zügen. Goebbels stilisierte Wessel zum „Christussozialisten“. Friedrichshain wurde in „Horst-Wessel-Stadt“ umbenannt, zahlreiche Straßen und Plätze erhielten den Namen des Nazi-Märtyrers und es wurden Denkmäler gebaut. Wessels Mutter und Schwester profitierten, auch ökonomisch, von diesem Kult. Und das Regime exekutierte Rache an den greifbaren kommunistischen Tätern, von denen einige 1930 noch relativ maßvoll vom Kriminalgericht Berlin-Moabit verurteilt worden waren. Im September 1933 ermordete ein SA-Trupp in einem Wald bei Berlin den aus dem Gefängnis geholten Albrecht Höhler. Zuvor war schon eine Komplizin Höhlers erschossen worden, und es folgten weitere Hinrichtungen.

Siemens beklagt, dass nach dem Krieg das Nazi-Unrecht im Zusammenhang mit dem Fall Wessel weder in der Bundesrepublik noch in der DDR angemessen thematisiert wurde. Das Buch endet mit Siemens’ Antrag bei der Berliner Staatsanwaltschaft, drei Urteile aufheben zu lassen – im Februar 2009 stimmte die Berliner Staatsanwaltschaft zu. Dieser Erfolg illustriert Siemens’ Absicht, nicht nur eine Geschichte über Horst Wessel und die Hymne der NSDAP zu schreiben, sondern Aufklärung zu leisten. Das ist auch, unter weitgehendem Verzicht auf moralisierenden Töne, gelungen. Allerdings verwundert es, dass Siemens den Umgang der Rechtsextremisten heute mit dem Wessel-Kult nur am Rande abhandelt. Dennoch: Das Buch taugt zum Standardwerk über ein wesentliches Detail nationalsozialistischer Herrschaftstechnik – und ihrer Folgen.


– Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler Verlag, München 2009. 352 Seiten, 19,95 Euro.

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