Politische Literatur : Der Jahrhundertzeuge

Pionier der Dissidenten: Wolfgang Leonhard erzählt seine persönliche „Geschichte der DDR“.

Jens Mühling

Zum ersten Mal betreten hat Wolfgang Leonhard die DDR, wenn man es genau nimmt, kurz bevor sie von der Landkarte verschwand. Im Dezember 1989 reiste der Publizist erstmals wieder nach Berlin, der Stadt, aus der er vier Jahrzehnte zuvor geflohen war. Damals, im März 1949, hatte Leonhard in einer Nacht- und Nebelaktion die Sowjetische Besatzungszone verlassen, die erst vier Monate später, mit der offiziellen Staatsgründung am 7. Oktober, zur Deutschen Demokratischen Republik werden sollte.

Dass Leonhards nun veröffentlichte „Geschichte der DDR“ trotz vier Jahrzehnten Abwesenheit sehr viel mehr ist als eine Betrachtung von außen, liegt in der Ausnahmebiografie dieses Jahrhundertzeugen begründet. In Berlin als Kind kommunistischer Eltern aufgewachsen, emigrierte Wolodja – so Leonhards eigentlicher Vorname – 1935 mit der Mutter nach Moskau. Kurz nach der Ankunft verschwand Susanne Leonhard für zwölf Jahre im Gulag, Wolodja landete in einem deutschen Kinderheim. Auf Umwegen verschlug es ihn dann – zusammen mit anderen prominenten Polit-Emigranten wie Markus Wolf – in die Kuschnarenkowo-Schule der Komintern. Der dortigen Ausbildung zum Musterkommunisten folgte die Mitgliedschaft im Nationalkomitee Freies Deutschland, das in Moskau auf den Heimateinsatz nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus vorbereitet wurde. Anfang Mai 1945 schließlich kehrte Leonhard im Alter von 24 Jahren als jüngstes Mitglied der „Gruppe Ulbricht“ zurück nach Berlin. Dort arbeitete er am Aufbau der Nachkriegsverwaltung mit, bevor er als Spezialist für Propaganda ins Zentralkomitee der KPD und später an die SED-Parteihochschule in Kleinmachnow wechselte.

Seinen Bruch mit Ulbricht und dessen stalinistisch geprägter Umgebung, der ihn 1949 zur Flucht nach Jugoslawien zwang, sollte Leonhard sechs Jahre später in seinem legendären Erinnerungswerk „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ aufarbeiten. Der Erfolg des Buchs ließ ihn zum „Kreml-Astrologen“ avancieren: Vorwiegend als Kenner der Sowjetunion wurde Leonhard in der Folge bekannt, obwohl er sich in seiner Forschungstätigkeit für die US-Universitäten Columbia und Yale und in seinen zahlreichen Veröffentlichungen weiterhin auch kontinuierlich mit der Entwicklung in der DDR befasste.

Dem Lebensweg des Autors folgend, liest sich das erste Drittel der „Geschichte der DDR“ weitgehend wie eine Zusammenfassung von „Die Revolution entlässt ihre Kinder“: Erneut beschreibt Leonhard auch hier ausgiebig seine anfängliche Indoktrinierung und die spätere – schmerzhafte – Loslösung von der stalinistischen Ideologie seiner Jugendjahre. Spätestens ab dem Bruch mit Ulbricht nimmt das Buch dann Fahrt auf: Zum ersten Mal schildert Leonhard beispielsweise im Detail, wie ihm 1949 die Flucht aus Berlin gelang, die er in den Fünfzigerjahren aus Rücksichtnahme auf seine zurückgebliebenen Fluchthelfer nur in Andeutungen hatte schildern können. Auch Leonhards späte Konfrontation mit dem Vater, dem Schriftsteller Rudolf Leonhard, ist erstmals ausführlich geschildert: Der Pariser Salon-Sozialist, der später in die DDR übersiedelte, hatte dem Sohn seinen Bruch mit dem System bis zum Tod nicht verzeihen können.

Ein Großteil des Buchs aber widmet Leonhard der politischen Betrachtung der DDR und insbesondere ihres Verhältnisses zur BRD. Gerne lässt der Autor hier den Konjunktiv regieren: Was wäre gewesen, wenn...? Wenn beispielsweise, wie Leonhard es bevorzugt hätte, die SPD im Rahmen ihrer Ostpolitik statt „Wandel durch Annäherung“ das Motto „Annäherung nur bei Wandel“ ausgegeben hätte? Wenn die Genossen durch eine härtere Linie bei der Wirtschaftskooperation zur Gewährung elementarer Bürgerrechte gezwungen worden wären?

Wir werden es nicht mehr erfahren. So wenig, wie Leonhards konjunktivisches Rütteln an der deutschen Wiedervereinigung noch die Kraft hat, den heutigen bundesdeutschen Indikativ zu erschüttern. „Die größte und erfolgreichste Revolution in der Geschichte Deutschlands hatte sich ereignet“, schreibt Leonhard über die damaligen Ereignisse. „Warum traute man den Menschen, die dafür verantwortlich waren, nicht auch zu, ihre ökonomischen Probleme selbst zu lösen? Warum begann man sie erneut zu bevormunden?“ Niemals würde ein bekehrter Demokrat wie Leonhard den Systemexport in der Nachwendeära mit der am eigenen Leibe erfahrenen Gleichschaltung Ostdeutschlands durch die Sowjetunion in Verbindung bringen – doch die Frustration des Erinnernden, der das Volk zum zweiten Mal betrogen sieht, ist ihm deutlich anzumerken.

Überhaupt ist es die Fülle des Erinnerten, die diese „kritischen Betrachtungen eines Teilnehmers, der zum Beobachter wurde“, bei allen Redundanzen so unbedingt lesenswert machen. Eine Fülle, für die Leonhard eine bittere Erklärung hat: Zur Zeit des Großen Terrors in der Sowjetunion, schreibt er, sei er „vor dem Einschlafen alles, was ich tagsüber gehört oder gesagt hatte, noch einmal im Kopf durchgegangen, um festzustellen, ob etwas darunter war, was man zu einer parteifeindlichen Äußerung verfälschen konnte“. Diese tägliche Schreckensübung habe sein Erinnerungsvermögen geschärft. Alles Schlechte hat sein Gutes.

– Wolfgang Leonhard: Meine Geschichte der DDR. Rowohlt, Berlin 2007. 266 Seiten, 19,90 Euro.

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