Politische Literatur : „Die Bevölkerung benimmt sich würdelos“

Sie war Himmlers letztes Aufgebot: Die mysteriöse Organisation „Werwolf“. Sie sollte noch in den letzten Tagen der Naziherrschaft durch die Vollziehung der Todesstrafe an "Verrätern erzieherisch wirken". Volker Koop hat ein Buch über sie geschrieben.

Hannes Schwenger
Werwolf
Organisation "Werwolf": Im Kampf gegen die Bevölkerung. -Foto: culture-images

Dass der „Werwolf“ Heinrich Himmlers letztes Aufgebot war, steht fest. Doch wer verbarg sich hinter dem „Werwolf“, wer war wer bei dieser mysteriösen Organisation? Albert Speer hat in den Nürnberger Verhören erklärt, Martin Bormann habe als Chef der Parteikanzlei den „Werwolf“ geleitet, und Hermann Göring gestand russischen Vernehmern, er habe selbst „vorgeschlagen, diese Sache zu leiten, aber ich habe dazu keine Zustimmung erhalten“. Der Sabotage-Chef im Reichssicherheitshauptamt, Otto Skorzeny, behauptet in seinen Erinnerungen, Bormann persönlich habe die Organisation „mit dem seltsamen Namen Werwolf betitelt“. Sein Erfinder ist er sicher nicht gewesen, denn es gab nicht nur Hermann Löns’ Schauerroman aus dem Dreißigjährigen Krieg „Der Wehrwolf“, den Bormann noch 1944 als Sonderauflage verbreiten ließ, sondern auch eine Organisation mit diesem Namen nach dem Ersten Weltkrieg, die 1933 aufgelöst und in die SA integriert wurde.

Die NS-Organisation „Werwolf“ war für Historiker bis vor kurzem der letzte weiße Fleck auf der Landkarte des braunen Imperiums. Arno Rose hat zwar auf schmaler Quellenbasis 1980 ein Buch über den „Werwolf“ veröffentlicht, das noch viele Fragen offenließ, aber „er konnte noch nicht wissen, dass sich in den Archiven der Staatssicherheit der DDR zahlreiche Originalakten zum ,Werwolf‘ befanden, deren Kenntnis erst ein fundiertes Bild dieser Einrichtung ermöglicht“. So schreibt Volker Koop, Autor einer Studie über den NS-Lebensborn, im Vorwort zu seinem Buch, das wohl das ultimative zu dem Thema sein dürfte.

Koop hat dafür sowohl die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit eingesehen als auch neue Quellen der früheren Zentralstelle für NS-Verbrechen im Bundesarchiv untersucht, die vor allem über „Werwolf“-Aktivitäten im Westen des Reiches Aufschluss geben. Sie beenden die häufig geäußerten Zweifel an der tatsächlichen Existenz der Organisation „Werwolf“, die mancher für eine bloße Erfindung der Propaganda von Joseph Goebbels hielt. Koop kommt zu dem Schluss: „Eine ,Werwolf‘-Organisation gab es sehr wohl in den ehemals deutschen Ostgebieten, im Westen Deutschlands blieb sie allenfalls rudimentär.“ Einige der spektakulärsten dem „Werwolf“ zugeschriebenen Aktionen im Westen – die Ermordung des Aachener Bürgermeisters Franz Oppenhoff und die „Penzberger Mordnacht“ in Bayern – gehen vielmehr auf das Konto anderer NS-Täter, die sich der „Werwolf“-Propaganda bedienten, um Furcht und Schrecken bei deutschen Volksgenossen zu säen, die sich den Alliierten ergeben wollten oder mit ihnen kooperierten.

Keinen Zweifel gibt es mehr daran, dass der „Werwolf“ dem „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler unterstand und zunächst von SS-Oberstgruppenführer Hans-Adolf Prützmann geleitet wurde, der 1945 wie sein Chef sein Leben durch Selbstmord mit Zyankali beendete. Bei der SS hatte er sich in der Bekämpfung von Partisanen „bewährt“, weshalb er für den Aufbau einer eigenen Partisanenorganisation geeignet schien. Himmler selbst hat den „Werwolf“ öffentlich erstmals im Oktober 1944 erwähnt, als er in einer Rundfunkrede drohte: „Jeder Häuserblock einer Stadt, jedes Gehöft, jedes Dorf wird von Männern, Knaben und Greisen und, wenn es sein muss, von Frauen und Mädchen verteidigt. Und wie Werwölfe werden todesmutige Freiwillige dem Feinde seine Lebensfäden abschneiden.“

Einen Frauen-„Werwolf“ hat es, trotz gegenteiliger Vermutungen auch von Historikern, allerdings nicht gegeben. Auch scheint Heinrich Himmler den „Werwolf“ zunächst nur für den Einsatz hinter den feindlichen Linien im Ausland geplant zu haben, bevor das rasche Vordringen der Alliierten die Front ins Innere des Reiches verschob. Der Mordbefehl für den „Werwolf“ stammt jedenfalls vom 18. Oktober 1944, als Himmler in einem Brief an SS-Obergruppenführer Karl Gutenberger, den er auch Prützmann zur Kenntnis gab, beklagte, „dass in manchen von den Anglo-Amerikanern besetzten Ortschaften die Bevölkerung sich würdelos benimmt“. Deshalb ordne er an, bei einer Wiedereroberung „die Schuldigen sofort zur Verantwortung zu ziehen“, und verfügte: „Jetzt schon hat unsere Organisation hinter der amerikanischen Front durch die Vollziehung der Todesstrafe an Verrätern erzieherisch zu wirken.“

Dass an der spektakulärsten Aktion unter dem makabren Decknamen „Karneval“, der Ermordung des bereits von den Amerikanern eingesetzten Aachener Oberbürgermeisters durch eine Fallschirmtruppe der SS, auch eine BDM-Führerin beteiligt war, mag die Legende von einem Frauen-„Werwolf“ genährt haben. Die 16-jährige Ilse Hirsch führte das Mordkommando am 25. März 1945 zur Wohnung des Opfers, aber war an der Ermordung Oppenhoffs nicht beteiligt.

Goebbels vermerkte die Tat in seinem Tagebuch als „erfreulich“, nicht ohne seinen Intimfeind Himmler zu kritisieren: „Trotzdem bin ich mit der Arbeit unserer ,Werwolf‘-Organisationen nicht zufrieden … Ich werde beim nächsten Vortrag beim Führer evtl. versuchen, mir selbst diese Organisation anzueignen.“ Das gelang ihm nicht, anders als die Inszenierung der „Werwolf“-Propaganda in Presse und Rundfunk, für die er einen eigenen Sender auf der Frequenz des Deutschlandsenders fingieren ließ. Seine Aufrufe dokumentiert Volker Koop vollständig, soweit sie aufgezeichnet wurden, im Originalton: „,Werwolf‘-Männer, ,Werwolf‘-Frauen, ,Werwolf‘-Jungen und ,Werwolf‘-Mädchen! An die Arbeit! Seid tapfer wie die Löwen und listig wie die Schlangen.“ Plakatierte Aufrufe zeigen die Doppelrune des „Werwolf“ für die Buchstaben i und s („Ich siege“) und die Drohung: „Wer nicht mitmacht – ist gegen uns.“

Die blutige Bilanz des „Werwolf“ hat diese Drohung bekräftigt, auch wenn die Horrorzahlen tausender gefasster und verurteilter „Werwölfe“ aus sowjetischen Quellen übertrieben sein dürften. Denunziation, Waffenbesitz oder ein falsches politisches Wort genügten den Sowjets bereits für ein Schnellurteil auf Lagerhaft in Speziallagern oder gar einen „kurzen Prozess“ mit Todesurteil. Auch davon handelt Volker Koops Buch, das nicht mit dem 5. Mai 1945 endet, an dem Hitlers Nachfolger Karl Dönitz das Ende der „Werwolf“-Aktionen verfügte.

Und damit nicht genug: „Zu welch verheerenden Folgen Verharmlosung und Glorifizierung des ,Werwolf‘ auch durch die bundesdeutsche Justiz führen“, habe sich noch jüngst gezeigt, „als sich Anfang der 1990er Jahre im brandenburgischen Senftenberg die ,1. Werwolf-Jagdeinheit Senftenberg‘ bildete. Sie erschoss 1991 den 27-jährigen Timo Kählke in der Nähe von Cottbus und verbrannte ihn anschließend.“ Der Bundesgerichtshof verneinte das Vorliegen einer kriminellen Vereinigung, das Cottbuser Landgericht erkannte auf gemeinschaftlichen Mord. Der Anführer erhielt 1994 15 Jahre Freiheitsstrafe, seine jugendlichen Helfer zwischen drei und neun Jahren Jugendstrafe. Aber noch 2007 erschien in der achten Auflage ein Handbuch „Werwolf – Winke für Jagdeinheiten“, das für rechtsradikale Interessenten noch immer problemlos erhältlich ist.

– Volker Koop: Himmlers letztes Aufgebot. Die NS-Organisation „Werwolf“. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2008. 309 Seiten, 24,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben