Politische Literatur : Die neuen Sultane

Wie der israelische Staat sich den Fanatikern ergab: Akiva Eldar und Idith Zertal sezieren die Siedlerbewegung.

Igal Avidan

Einmal kämpften die Juden für einen eigenen Staat. Heute haben sie gleich zwei: Israel und das Land der Siedler. Der erste ist eine Demokratie, „der wilde Osten“ hingegen wird de facto von radikal-religiösen Juden regiert, die die israelische Herrschaft nur dann akzeptieren, wenn sie sie ausnutzen können. Daher erzählen die israelischen Autoren dieser gut recherchierten und spannend geschriebenen Studie „Die Herren des Landes“, Akiva Eldar und Idith Zertal, gleich zwei Geschichten, die der Siedlerbewegung und die des „Zusammenbruchs staatlicher Institutionen, willentlich oder aus Ohnmacht angesichts dieser jüdisch-messianischen Macht“.

Auf 500 Seiten breiten beide Autoren 40 Jahre Siedlungspolitik aus. Der erste Teil erzählt das politische Drama, in dem nicht nur Ariel Scharon, sondern auch Schimon Peres (als Verteidigungsminister bis 1977) als Patron der Siedler fungierte. Wir erfahren viel über die Expansion der Siedlungen ausgerechnet während der israelisch-palästinensischen Oslo-Verhandlungen. Das Buch diskutiert auch die Verbindung zwischen dem Massaker eines Siedlers an Palästinensern in Hebron und die Ermordung Jitzchak Rabins durch einen Siedler-Anhänger in Tel Aviv.

Die Geschichte des radikalen Rabbiners Moshe Levinger ist beispielhaft für die Symbiose zwischen den Siedlern, den Politikern und der Armee. Im Frühling 1968, neun Monate nach der israelischen Eroberung, wandte er sich als Vertreter einer kleinen nationalen Gruppe an den Kommandanten der Stadt Hebron. Sie baten darum, das jüdische Pessachfest in der Stadt feiern zu dürfen und versprachen, die palästinensische Stadt am nächsten Tag wieder zu verlassen. Gleichzeitig schalteten sie Anzeigen, in denen sie Gleichgesinnte für die Besiedlung Hebrons suchten. Die 60 Israelis zogen in das verwaiste Park-Hotel ein – mit Kühlschränken und Waschmaschinen. Sie nahmen die herzliche Einladung des arabischen Bürgermeisters als ein Bleiberecht. Seine Forderung, die Dauergäste zu vertreiben, stieß jedoch auf taube Ohren ebenso wie eine Demonstration linker israelischer Professoren. Arbeitsminister Jigal Alon besuchte die Hebron-Siedler und ließ ihnen Waffen liefern. Sie wurden ins Hauptquartier der Armee gebracht. Bald mussten mehr Truppen einrücken, um Schlägereien mit den Palästinensern zu verhindern. Nach einem Kabinettsbeschluss über die Gründung einer neuen Siedlung besetzte die Armee einen Hügel östlich der Stadt „für militärische Zwecke“, entwurzelte die Weinreben und riss die Häuser der Palästinenser ab, die symbolisch entschädigt wurden. Zum jüdischen Neujahr im September 1971 zogen 250 Siedler in die neuen, komfortablen Wohnungen ein, darunter die Hebron-Dauergäste.

Die Geschichtsprofessorin Zertal und der Haaretz-Kolumnist Eldar beschreiben ausführlich auch Scharons systematische Siedlungspolitik. Er ließ „so viele Siedlungen wie möglich errichten, am schnellsten und auf das größtmögliche Gebiet, ohne ökonomische, sicherheitsbedingte, moralische oder ökologische Faktoren zu berücksichtigen. Sein Ziel war es, die Expansion der palästinensischen Ortschaften zu verhindern und die Gründung eines palästinensischen Staates unmöglich zu machen.“ In dutzenden Siedlungen leben nur 150 Menschen. Aber die Zugangsstraßen, de facto nur für die Siedler gebaut, und die zahlreichen nach Beginn des palästinensischen Aufstandes errichteten Checkpoints beschränkten die Bewegungsfreiheit der Palästinenser erheblich. Nur eine kleine Minderheit der Siedler war ideologisch motiviert. Durch großzügige staatliche Subventionen lockte Scharon vor allem junge säkulare Familien an, die den Traum eines Privathauses mit frischer Luft und schöner Aussicht verwirklichen wollten.

Im zweiten Teil der Studie untersuchen die Autoren die zionistischen Wurzeln der Siedlerbewegung, der einflussreichsten und gefährlichsten politischen Bewegung Israels. Sie beschreiben den Totenkult der Hebron-Siedler um das Massaker an dortigen Juden im Jahr 1929. Bei manchen Passagen will der Leser sofort das Jugendamt anrufen: „Eine greise Palästinenserin, beladen mit Einkaufskörben, ist auf dem Platz im Stadtzentrum vorbeigekommen. Einige Mädchen, die gerade dort spielten, Kinder von Siedlern, fingen daraufhin an, die alte Frau zu steinigen. Als ein Soldat die Mädchen fragte, warum sie dies täten, antworteten sie: „Woher weißt du, was sie 1929 gemacht hat?“

Eldar und Zertal sind ausgesprochene Gegner der Siedler. Aber sie versuchen ein differenziertes Bild ihrer Gegner zu liefern, das manchmal überrascht. So trafen führende Siedler sieben Mal prominente Palästinenser. Ein Professor fragte: „Kann meine Siedlung in einem Staat Palästina erhalten bleiben, so wie eine arabische Stadt in Israel?“ Ein Berater des heutigen Palästinenserpräsidenten Abu Mazen antwortete: „Ja. Die Siedler können als Individuen bleiben und durch ihre Präsenz die palästinensische Demokratie stärken. Aber die Siedlungen können nicht autonom bleiben.“ Das sinnlose ideologische Wortgefecht entwickelte sich nach Rabins Ermordung zu einem pragmatischen Austausch über korrekte Beziehungen unter Nachbarn. Nach anderthalb Jahren rief ein Teilnehmer in einem Artikel seine Siedlerfreunde auf, „mit den Nachbarn zu sprechen“. Eine neue Welle palästinensischer Selbstmordattentate begann, und die diskutierenden Siedler wurden im eigenen Lager als Verräter angegriffen. So endete der einmalige Dialog.

Genauso schonungslos, aber sachlich und auf der Grundlage von 30 Interviews und 100 Büchern entlarven die Autoren sehr faktenreich, wie führende Israelis den Siedlungsbau förderten oder duldeten – sogar die linke Ministerin Schulamit Aloni. Im eindrucksvollsten Kapitel decken sie auf, wie Oberstaatsanwälte die Genfer Konvention – die ja einer Besatzungsmacht die Besiedlung von besetzten Gebieten verbietet – als auf das Westjordanland nicht anwendbar erklären: es handele sich nicht um besetzte Gebiete. Sie schildern, wie eine Beamtin der Oberstaatsanwaltschaft auf der Grundlage des osmanischen Rechts die Hälfte des Westjordanlandes zum „Land des Sultans“ erklärte. Der „neue Sultan“, Israel, konnte darauf Siedlungen bauen – ganz koscher. Das Prinzip war einfach: Privates Land von Palästinensern wurde berücksichtigt. Aber „so wie die Juden in Frankreich gleich nach der Revolution“ (sie lebten nicht unter Militärherrschaft) erhielten die Palästinenser als Individuen alle Rechte, als Kollektiv jedoch keine. Ganz legal ließ also die fleißige Juristin unregistrierte oder seit zehn Jahren unbeackerte Grundstücke dem Judenstaat übertragen. Natürlich durften die palästinensischen Bürgermeister dagegen vor den israelischen Behörden klagen, aber fast immer verlieren.

Die Realität in Israel ist aber auch nach dem Rückzug aus Gaza so instabil, dass die Autoren keine Road Map für die Region skizzieren. Wird die Räumung von Gaza die Siedlungen im Westjordanland zementieren? Oder beginnt Israel damit, sich von der Selbstversklavung durch die besetzten Gebiete zu befreien?





– Idith Zertal, Akiva Eldar:
Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung seit 1967. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007.570 Seiten, 28 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben