Politische Literatur : Ein Ort der Verheißung

Unser Geschichtsbild bekommt ein neues Licht aufgesetzt: Ekkehard Eickhoff präsentiert ein "spätes Feuerwerk" über den Glanz und Untergang Venedigs.

Hermann Rudolph

Was sind die schönsten Bücher? Es sind jene, die einen Vorhang aufziehen, hinter dem eine Welt in neuem Licht erscheint. Die eine Geschichte so mit Leben erfüllen, ihr Farbe und Fülle verleihen, als würde sie aus einer historischen Altersstarre erlöst. Das Buch, das Ekkehard Eickhoff über das Venedig des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, hat diesen verwandelnden Zugriff. Es setzt an die Stelle der paar Begriffe und Bilder, die der Bildungskanon zum Thema aufbewahrt – die „Königin der Meere“, Karneval und düstere Dogenherrschaft, barocker Glanz und heiteres Volksleben – eine Erzählung von einer großen Epoche geselliger Kultur, verfeinerter Lebenskunst und europäischen Geistes. Sie reicht über ein ganzes Jahrhundert, und Eickhoff deutet sie, so der Titel, als ein „spätes Feuerwerk“, als ein europäisches Finale. Unser Geschichtsbild bekommt ein neues Licht aufgesetzt.

Venedig ist in dieser Zeitspanne nicht mehr die stolze, unerschütterbare Macht, die mit ihren Schiffen den Mittelmeerraum beherrschte und im Konzert der europäischen Großmächte selbstbewusst eine wichtige Rolle spielte. Die Adelsrepublik war saturiert und – nach dem letzten heroischen Abwehrkampf, den sie dem imperialen Anspruch der Türken geliefert hatte – militärisch müde geworden. Aber während Venedig sich aus der großen Geschichte verabschiedete, blühte die Lagunenstadt als kulturelles und gesellschaftlich-geselliges Zentrum auf. Dieses Staatswesen mit seiner altertümlichen Ordnung, die ihre finsteren Züge hatte, wurde – wie Eickhoff formuliert – der „Festspielplatz Europas“, ein „Ort der Verheißung“, die „Süße und Freiheit des Leben zu kosten wie nirgendwo sonst“.

Dieser Charakter der Stadt entfaltete sich in einer Fülle volkstümlicher Zeremonien und Feste ebenso wie im üppigen Theater- und Konzertbetrieb, in Kaffeehäusern, Salons und Spielcasinos – alles zusammen ein Reizklima für Musik und Literatur, originelle Charaktere und abenteuerliche Existenzen. Und das halbe Europa spielte mit: Man trifft in Eickhoffs Buch auf Rousseau und Montesquieu, auf Vergnügungs- und Bildungsreisende aller Kaliber – zum Beispiel auch auf Vater Goethe und, fast ein halbes Jahrhundert später, den Sohn –, auf gekrönte Häupter und Standespersonen.

Die Faszination, besser noch: das hohe Vergnügen an diesem Buch verdankt sich nicht zuletzt der Darstellungsgabe des Autors. Von Anfang an ist in Eickhoffs Venedig-Buch ein Ton da, in dem sich enthusiastischer Schwung und historische Souveränität verbinden. Er erlaubt dieser Spätgeschichte der Republik den ebenso imposanten wie bizarren Faltenwurf, der ihrer Unvergleichbarkeit – wie man gerne glaubt – zusteht. Er lässt die Ingredienzien seiner Erzählung leuchten, die „marmornen Fundamenten alter Paläste“, die der „weiche Aufprall der Wellen“ trifft. Und setzt mit leichtem Pinsel den historischen Hintergrund wie das Gewölk eines Tiepolo-Deckengemäldes, vor dem die wimmelnde Fülle von Gestalten und Schicksalen, Ereignissen und Affairen das Zeugnis ihrer Existenz und ihrer Epoche abgibt. Bis Napoleon diesem großen Herbst des alten Europa das Ende setzt.

Eickhoff hat uns erst vor ein paar Jahren mit seiner Biografie Kaiser Ottos III. die schwere, von dunklen Ängsten und brünstigen Sehnsüchten umloderte Welt des frühen Mittelalters nahegebracht. Nun liefert er uns ein venezianisches Concerto, beschwingt wie die Goldoni-Stücke, die von Venedig aus die Bühnen der Welt eroberten, festlich-vergnügt wie die Musik Vivaldis und Hasses, die in Venedig entstand. Vermutlich hat die erstaunliche Spanne solcher Autorschaft ihren Grund auch in der ungewöhnlichen Doppelkarriere. Denn dieser Historiker ist ein Diplomat, der eine bedeutende Laufbahn im auswärtigen Dienst absolviert hat. Eben erst habilitiert, wurde er – nach unterschiedlichen Stationen – Mitarbeiter Walter Scheels im Präsidialamt, dann Leiter der KSZE-Delegation der Bundesrepublik in Wien, schließlich Botschafter in Südafrika, Irland und der Türkei. In diesem Sommer ist er 80 Jahre alt geworden.

Ekkehard Eickhoff: Venedig – Spätes Feuerwerk. Glanz und Untergang der Republik 1700–1797. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007. 440 Seiten, 29,50 Euro.

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