Politische Literatur : Eiserner Vorhang

In einem Sammelband schildern zwei Dutzend Journalisten, Historiker und Politiker den Kalten Krieg. Das Ergebnis ist kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine bunte Revue mit auch grotesken Seitenblicken: auf James Bond, Jazz und die Apokalypse.

Hannes Schwenger

Wer den Kalten Krieg begonnen hat, ist nicht nur unter den Beteiligten, sondern auch unter Historikern und Journalisten umstritten. Ob es nun Josef Stalin war, der 1946 den fortdauernden Antagonismus der Systeme proklamierte oder Harry Truman, der 1947 allen Völkern Hilfe versprach, die durch militante Minderheiten oder äußere Mächte bedroht seien – die Fronten standen jedenfalls fest, als Truman 1948 die Berlin-Blockade mit der legendären Luftbrücke beantwortete. Schon vorher hatte Winston Churchill 1946 vom „Eisernen Vorhang“ durch Europa gesprochen.

Besser als die Urheber des Kalten Kriegs kennen wir den Mann, der ihn auf den Begriff gebracht hat: Es war der Journalist Herbert B. Swope, ein Mitarbeiter des amerikanischen Präsidentenberaters Bernard M. Baruch, der im April 1947 im Abgeordnetenhaus von Columbia erklärte: „Lassen wir uns nicht täuschen – heute befinden wir uns in einem Kalten Krieg.“ Dieser Zustand sollte mehr als vier Jahrzehnte andauern und zuweilen in heiße Episoden umschlagen wie den Koreakrieg, die Ungarn-, die Suezkrise, den Vietnam- und den Afghanistankrieg. Mehrfach stand die Welt am Rand einer atomaren Katastrophe, so während der Kubakrise 1962 oder zwei Jahre vorher, als ein Fehlalarm über einen vermeintlichen sowjetischen Angriff beinahe einen Atomschlag der USA gegen die Sowjetunion auslöste. Nie zwischen 1949 und 1989 war ganz auszuschließen, dass der Kalte Krieg wieder heiß werden würde. „Wie die Welt den Wahnsinn des Wettrüstens überlebte“, lässt sich leichter nacherzählen als zwingend begründen, denn es hätte auch anders kommen können.

Wie es dabei zuging, schildern in diesem Sammelband zwei Dutzend Journalisten, Historiker und Politiker, die Hälfte davon wie die Herausgeber Redakteure des „Spiegel“. Von den politischen Akteuren kommen Erhard Eppler, Egon Bahr und Helmut Schmidt zu Wort, als Historiker Harald Biermann vom Bonner Haus der Geschichte, Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung, der Mannheimer Emeritus Gottfried Niedhart und Bernd Stöver von der Universität Potsdam.

Das Ergebnis ist kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine bunte Revue des Kalten Krieges, die sich auch Seitenblicke auf seine komischen und grotesken Momente nicht versagt: auf wahre und fiktive Agentenstories („Die Romanfigur James Bond und der Neid realer Ostagenten“), Kulturpropaganda („Jazzmusiker als subversive Botschafter des Westens“) oder Billy Wilders Ost-West-Komödie „Eins, zwei, drei“, die die Berliner erst gar nicht komisch fanden. Aber da war der Kalte Krieg schon vorbei. Oder nicht? Bernd Greiner warnt am Ende davor, dass „ein Rückfall in Praktiken dieser Jahre auch nicht ausgeschlossen werden“ kann: „Eine Wiederkehr von Politikern nämlich, die in machtvollkommener Selbstüberschätzung und mit dem Rückgriff auf unbegrenzte militärische Machtmittel jede Mission für möglich halten.“


– Norbert F. Pötzl, Rainer Traub (Hg.): Der Kalte Krieg. Wie die Welt den Wahnsinn des Wettrüstens überlebte. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 318 Seiten, 19,95 Euro.

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