Politische Literatur : Falsche Propheten

Daniela Dahn träumt vom Grundrecht auf Revolution. In ihrem Buch "Wehe dem Sieger!" beschreibt sie das Jahr 1989 als Sieg der falschen Wirtschaftsordnung, der angesichts der gegenwärtigen Krise überdacht werden sollte.

Wolfgang Templin

Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des realkommunistischen Gesellschaftsexperimentes in Gestalt der DDR werden wir mit dem Höhepunkt einer hausgemachten Systemkrise des westlichen Gegenübers konfrontiert. Dieses Zusammentreffen treibt eine Autorin wie Daniela Dahn zum Doppelschlag: Die DDR- Journalistin, freie Autorin und Mitbegründerin des Demokratischen Aufbruchs, hat seit den neunziger Jahren in Feuilletons, Reportagen und Essays ihren Anspruch auf radikale Gesellschaftskritik untermauert. Sie sieht die untergegangene DDR als gescheiterten Ansatz eines legitimen Alternativentwurfes zum kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Für sie ist der Vereinigungsprozess eine fehlgeschlagene Kolonisierung, eine reine Übernahmeschlacht, an deren unbewältigten Folgen sich die Beteiligten überheben. Für einen erheblichen Teil des westlichen Publikums wurde sie damit zur authentischen Stimme des Ostens, die den Siegern der Geschichte endlich einmal die Leviten liest und nach einer Alternative sucht.

Auf beiden Ebenen, die uns dieses Jahr eröffnet, sind eklatante Fehlentwicklungen offenkundig, ist die Frage nach einer Alternative legitim und berechtigt. Den beschworenen blühenden Landschaften im Osten steht eine sehr gemischte Bilanz von Aufbauerfolgen und Rückschlägen gegenüber. Ob es zur gelingenden Annäherung der ungleichen Teile oder zum langfristig abgehängten Rückständigkeitsreservat im Osten Deutschlands kommt, ist noch immer nicht ausgemacht. Viel stärker noch als dieser Ausschnitt fordert der Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, die nicht nur Deutschland erschüttert, zur kritischen Einmischung heraus.

Zeiten der Krise sind allemal gut für Umschwünge

Fatal bei Daniela Dahn ist nur, dass sie sich auf restlos gescheiterte Alternativentwürfe stützt und die falschen Propheten bemüht. Sie unterstellt der DDR und dem gesamten kommunistischen System einen eklatanten Mangel an Demokratie als tiefsten Grund ihres Scheiterns. Dennoch sei der Versuch, das kapitalistische Übel an der Wurzel zu packen, die revolutionäre Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und dessen Umwandlung in Volkseigentum zutiefst berechtigt gewesen und rufe angesichts der gegenwärtigen Misere nach Wiederholung. Profitmaximierung als Motor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolges im Kapitalismus sei in letzter Konsequenz zutiefst destruktiv. Allein die Existenz des sozialistisch-kommunistischen Gegenübers habe vor 1989 zur sozialstaatlichen Bändigung des Realkapitalismus geführt. Mehr als hundert Jahre realer Klassenauseinandersetzung, erfolgreicher Emanzipationskämpfe und Reformanstrengungen der internationalen Sozialdemokratie, die nicht mit, sondern gegen den Revolutionsfuror von Karl Marx und seinen Gesinnungsgenossen geführt wurden, schnurren bei der Autorin zur Schattengeschichte zusammen. Sie kann 1989 nicht als die immer gefährdete Chance von Demokratie und Freiheit verstehen, sondern nur als Sieg der falschen Wirtschaftsordnung. Wenn sie der DDR zugutehält, bei allen Auswüchsen einer Diktatur wenigstens den „Bankiers, Börsianern, Spekulanten, Unternehmern und Großgrundbesitzern“ den Garaus gemacht zuhaben, wischt sie die Grundfrage nach dem Recht auf Eigentum und seinen Begrenzungen einfach mal beiseite.

Auf der einen Seite hebt Daniela Dahn die Sozialstaatsgarantie des Grundgesetzes hervor, die sie verteidigen möchte, und erklärt sich zur unbeirrten Verfassungspatriotin. Sie zitiert zustimmend Autoren und Positionen, die das Recht auf Eigentum akzeptieren und dennoch nach einer Reformalternative suchen. Eine Seite später greift sie auf moderne revolutionäre Fundamentalisten wie den slowenischen Philosophen und Erfolgsautor Slavoj Zizek zurück, der sich mit widerstreitenden Interessen, Kompromissen, Pluralität und Verfassungsfragen gar nicht mehr groß aufhält. Er möchte eine neue Idee des Kommunismus ins Spiel bringen, bei der schon einmal Hugo Chávez Pate steht. Dass sich für derlei Visionen in den Ländern des Westens nur schwerlich Mehrheiten finden lassen, ist für gestandene Revolutionäre das geringste Problem. Zeiten der Krise sind allemal gut für Umschwünge. Hier lässt eine unselige Vergangenheit grüßen. Wer mit den Verheißungen des Realkommunismus kokettiert, sollte keine Rezepte für die Zukunft anbieten.

– Daniela Dahn: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 301 Seiten, 18,90 Euro.

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