Politische Literatur: "Flick" : Der Sonderfall

War er ein genialer Unternehmer oder die Inkarnation des Bösen? Ein Buch über Friedrich Flick und seinen Konzern bringt Licht in diese Frage.

Bernhard Schulz
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Skrupelloser Machtmensch. Friedrich Karl Flick (li.) mit einem Rechtsberater im Jahr 1986. Die Last der Vergangenheit hat er...Foto: dpa

Wenige Jahre erst ist der Berliner Streit um die Kunstsammlung von Friedrich Christian Flick her, und damit um die Frage, wer Friedrich Flick, der Großvater des Kunstsammlers, denn wirklich war – genialer Unternehmer oder Inkarnation des Bösen? Und, präziser noch: In welcher Beziehung standen Flick und seine verschachtelten Unternehmen zum Hitler-Reich – als dessen treibende Finanziers oder lediglich dessen Profiteure?

Licht in diese Fragen brachte die vor gut einem Jahr erschienene Studie „Der Flick-Konzern im Dritten Reich“ (Oldenbourg), den Enkel Friedrich Christian als Befreiungsschlag finanziert hatte. Doch schon zuvor hatte Dagmar Ottmann, Schwester des Kunstsammlers und des verschwiegenen Bruders Gert-Rudolf, eine Studie zu Konzern und Großvater in Auftrag gegeben. Sie liegt nun vor, aus der Hand der vier Autoren Norbert Frei – Lehrstuhlinhaber in Jena –, Ralf Ahrens, Jörg Osterloh sowie Tim Schanetzky – mit 900 Seiten der Konkurrenzstudie vergleichbar, doch gänzlich unterschieden in Inhalt und Darstellung.

Friedrich Flick interessiert nicht als Typus, sondern als Sonderfall

Ziel der Studie sei es, „das Drama der deutschen Wirtschaftsgeschichte am Beispiel eines ihrer umstrittensten Protagonisten nachzuzeichnen“. Darüber darf man durchaus streiten. Ist das nicht die Position, wie sie in den 70er Jahren vom damaligen Referenzwerk der politischen Linken, „Deutsche Industrie und Politik“ von George Hallgarten und Joachim Radkau, festgezurrt worden war? Die vom renommierten Münchner Institut für Zeitgeschichte herausgegebene Konkurrenzstudie hatte jedoch unterstrichen, welch ein Einzelgänger der alte Flick war, ob vor, während oder nach dem „Dritten Reich“.

Nein, Friedrich Flick interessiert nicht als historischer Typus, der er nie war, sondern als Einzelperson und Sonderfall. Und zum Glück folgt die neue Studie im Konkreten dieser Leitlinie. Sie zeichnet den phänomenalen Aufstieg des 1883 geborenen Siegerländer Holzhändlersohns – die „kleinbäuerliche Herkunft“ war zum Zeitpunkt seiner Geburt längst Verklärung –, der mit Fleiß und Disziplin zum Unternehmensdirektor aufsteigt. Doch wie es ihm „gelang, binnen kürzester Zeit zum Hauptaktionär seines Unternehmens aufzusteigen“ und damit den Grundstein seines Vermögens zu legen, „ist bis heute ungeklärt“. Flick hat später nichts unversucht gelassen, dieses Dunkel zu erhalten; ein Wesenszug, der ihn zeitlebens auszeichnete. Wohl nur wenige Personen der Zeitgeschichte haben derart die Kontrolle über ihre öffentlich bekannte Geschichte, ja über sich im Ganzen zu wahren gewusst.

Der anerkannte Leitwolf der Großindustrie

Die geschickten Täuschungsmanöver, mit denen er die Richter im Nürnberger Industriellenprozess beeindruckte, entspringen demselben Charakterzug. Da erfährt man wenig Neues; aber im Detail ist es faszinierend zu lesen, wie „the greatest single power behind the Nazi war machine“, als der er bei der Verhaftung 1946 apostrophiert worden war, in seinem Schlusswort die deutsche Unternehmerschaft zu Komplizen macht. Er verwahrte sich dagegen, „dass in meiner Person die deutschen Industriellen zu Sklavenhaltern und Plünderern vor der Weltöffentlichkeit gestempelt werden sollen“.

Mit diesem Satz begann, überspitzt gesagt, in der jungen Bundesrepublik der Wiederaufstieg Flicks. Erst jetzt war er wirklich, was ihm in der Weimarer Republik nicht vergönnt gewesen war: der anerkannte Leitwolf der Großindustrie. In den 20er Jahren blieb Flick, auch wenn er längst von Düsseldorf aus agierte und im Ruhrgebiet seine Geschäftsinteressen hatte, ein Außenseiter unter Stinnes, Krupp und Thyssen. Gleichwohl gelang es ihm, widerstreitende Interessen zu vereinen und mit der „Gelsenberg“ einen Stahlverbund gigantischen Ausmaßes zu zimmern – den, in höchster Not unmittelbar vor dem Bankrott, die Notverordnungsregierung Brüning durch Aktienankauf zu dreifach überhöhtem Preis rettete. Flick hatte gestreut, anderenfalls drohe die Übernahme seines Ruhrkonzerns durch das feindliche Frankreich.

Doch über diese dramatische Zeit in der Dämmerung der Republik, die doch die Verflechtung von Industrie und Politik nicht minder zeigt als die spätere Verbindung zu den Granden des „Dritten Reiches“, geht das Buch ein wenig knapp hinweg. Das Erkenntnisinteresse liegt eindeutig in der Nazizeit – und der bundesdeutschen Spätphase Flicks. Zur Konzerngeschichte im Hitlerreich hat die Studie des Instituts für Zeitgeschichte bereits alles gesagt. Das Fazit der neuen Studie, „fraglos profitierte Friedrich Flick mehr als andere vom und im Dritten Reich“, kann die jedes spätere Entlastungsmanöver Flicks widerlegenden Detailerkenntnisse vom Vorjahr nur bestätigen.

„Das Politische an sich interessierte Flick wenig, noch weniger als das ökonomische Große und Ganze“, halten die Autoren fest. Eine Relativierung nehmen sie gleichwohl selbst vor: Ausführlich schildern sie den Umgang Flicks mit Restitutions- und Entschädigungsansprüchen, die sich von der vorzeitigen Entlassung aus Kriegsverbrecherhaft 1950 bis zum Tod im Jahr 1972 erstrecken. Das Wort „infam“, im Buch verwendet zu einem besonders schlimmen Fall von Zwangsarbeit, darf man getrost über Flicks Haltung insgesamt sprechen. Wie im Geschäftsleben, so war er eben auch hier vollkommen skrupellos. Dabei stehen sein Taktieren und Finassieren nicht isoliert da. Es bleibt dem Leser überlassen, die Haltung der Wirtschaftswunderrepublik und ihrer Eliten hinzuzudenken. Sie waren hinsichtlich dieses Problems, gelinde gesagt, wenig aufgeschlossen.

Weiterung zur Familiensaga

Am Schluss weitet sich das Buch zu einer Familiengeschichte, und es ist dieses Kapitel, in dem der im besten Sinne das Journalistische streifende Stil des Buches vielleicht am ausgeprägtesten ist. Die Weiterung zur Familiensaga indessen zeigt, dass Flick sich gerade nicht zum Paradigma der deutschen Wirtschaftsgeschichte unter labiler Republik, brutaler Verbrechensherrschaft und geläuterter Demokratie eignet. Flick ist der Sonderfall, in dem sich die gefährlichen Tendenzen dieser Geschichte wie im Brennglas bündeln, aber eben ein sehr besonderer Fall. Und diesen und nur diesen Fall so genau verfolgt zu haben, macht das Buch überaus lesenswert.

Flicks persönliche Tragik bestand schließlich darin, die erhoffte Dynastie nicht nur nicht geschaffen, sondern durch sein Herrschaftsgebaren von Anbeginn vereitelt zu haben. Auch unternehmerisch geriet er zum Mann der Vergangenheit: „Anfang der 70er Jahre hatte sich die Idee eines dynastisch geführten Familienkonzerns überlebt.“ Die Last der Vergangenheit indessen hat Friedrich Flick noch über 30 Jahre hinweg seinen Enkeln aufgebürdet.


N.Frei, R.Ahrens, J.Osterloh, T. Schanetzky: Flick. Der Konzern, die Familie, die Macht. Karl Blessing Verlag, München 2009. 912 Seiten, 34,95 Euro.

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