Politische Literatur : Fremde Heere

Allianz mit Deutschland: Rolf-Dieter Müller über die ausländischen Helfer der Wehrmacht.

Ulrich van der Heyden
Wehrmacht
Rolf-Dieter Müller: "An der Seite der Wehrmacht". -Foto: Promo

Wenn auch die Geschichte des Zweiten Weltkriegs weithin als mit am besten erforschte Thematik der Militärhistoriografie gilt, so gibt es doch immer wieder neue Aspekte zu beleuchten und zu hinterfragen, jedoch auch neue Fragen erst einmal zu stellen. Oftmals werden solche Fragestellungen von außen, also von der Öffentlichkeit oder der Politik angestoßen oder an die Wissenschaft herangetragen. Wie etwa in Frankreich, wo sich die Gesellschaft erst seit einigen Jahren mit den gegen den Faschismus kämpfenden Außereuropäern an der Seite des freien Frankreichs beschäftigt – und der Staat diesen deshalb nunmehr die gleichen Pensionsbezüge zahlt wie den aufseiten der Résistance kämpfenden Franzosen. Zugleich musste man sich, wenn auch schon einige Jahre früher angestoßen, mit den Kollaborateuren aus der eigenen Nation auseinandersetzen. Weit ist man im westlichen Nachbarland indes davon entfernt, hier einen – wenn auch nur vorläufigen – Schlussstrich ziehen zu können. In anderen Ländern steht die Auseinandersetzung mit den die Faschisten unterstützenden Kollaborateuren noch aus oder hat gerade angefangen. So hat im Frühsommer 2007 die norwegische Regierung einen Forschungsauftrag an Historiker erteilt, der sich mit dem Schicksal der norwegischen Ostfrontkämpfer befassen soll.

Was wissen wir in Deutschland über diese „fremden Heere“, die aufseiten der Deutschen gekämpft haben? Der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller hat sich in einem Kompendium diesem verdrängten Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs angenommen. Zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion konnte die Wehrmacht rund 600 000 Mann verbündeter Truppen einsetzen, später kamen zahlreiche ausländische Freiwillige und „Hilfswillige“ hinzu. Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs war schließlich an der Ostfront jeder dritte Uniformträger auf deutscher Seite ein Ausländer.

Hitlers Parole vom „Kampf gegen den Bolschewismus“ fand überall in Europa Widerhall – bei überzeugten Faschisten ebenso wie bei Angehörigen osteuropäischer Völker, die ihre Unabhängigkeit von der UdSSR anstrebten. Viele von ihnen kämpften nicht nur an der Front, sondern ließen sich auch in die Verbrechen der Wehrmacht und der Waffen-SS verstricken. Von ihren Heimatländern wegen Verrats abgeurteilt und dann zumeist vergessen oder gar nicht erst in die Öffentlichkeit gelangt, wurde ihr Einsatz von den Historikern im Kalten Krieg oftmals übersehen oder verschwiegen, von Rechtsradikalen dagegen glorifiziert.

In Deutschland erinnert vor allem die Diskussion um die Rentenansprüche von baltischen SS-Leuten an diese Problematik. Umso mehr ist zu begrüßen, dass sich ein renommierter Wissenschaftler nunmehr der Thematik annimmt.

Das Buch ist in drei Hauptkapitel eingeteilt, geordnet nach der Herkunft der ausländischen Verbündeten. Das erste Kapitel ist den „Verbündeten“ gewidmet, die von Anfang an aufseiten der Deutschen an der Ostfront kämpften, also Italiener, Finnen, Ungarn, Rumänen, Slowaken und Kroaten. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den Freiwilligen aus neutralen und besetzten Gebieten, die aus Spanien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, aus Dänemark und Norwegen kamen. Das letzte Kapitel setzt sich mit den osteuropäischen Kollaborateuren auseinander, die in einer Allianz mit Deutschland eine Möglichkeit des Kampfes gegen den Stalinismus sahen. Sie kamen aus den drei baltischen Republiken, aus Polen, Weißrussland, aus der Ukraine, aus Russland selbst und von den verschiedenen Völkerschaften des Kaukasus. Wenigstens eine kurze Erwähnung derjenigen Ausländer, die zuvor an der Seite der Wehrmacht kämpften oder kämpfen sollten, indes nicht an der Ostfront eingesetzt wurden, wie die Indische Legion oder bereits rekrutierte Muslime, hätte das Bild etwas mehr abgerundet.

Hauptanliegen des Autors war die Suche nach den Motiven, die dazu führten, dass Hitlers Verbündete – die Verwendung des Begriffs Kollaborateure lehnt er als „untauglich“ ab – an der Ostfront ihr Leben aufs Spiel setzten. Ob dies in den meisten Fällen Antibolschewismus oder Antikommunismus und Antisemitismus allein gewesen ist, wie Müller glaubt, herausgefunden zu haben, dürfte nicht auf einhellige Zustimmung treffen. Vor allem, weil der Autor kaum, zu manchen „Nationen“ überhaupt keine Originalquellen verwendet zu haben scheint. Damit ist ihm auch der Zugriff auf die unterschiedliche soziale und politische Herkünfte und das gesellschaftliche Umfeld der „Fremden“ verwehrt geblieben, und er musste sich auf diejenigen historischen Quellen stützen, die die „Rekruteure“ der ausländischen Helfer hinterlassen haben. Ob das für die Beantwortung einer solchen komplizierten wie komplexen Fragestellung ausreicht?

Dennoch hat der Autor hier auf eine interessante Thematik hingewiesen, die zwar nicht alle Fragen beantwortet, jedoch eine Zusammenfassung des bisherigen Forschungsstands vermittelt und Anregungen für eine Fortbeschäftigung mit dieser brisanten Problematik zu geben vermag.

— Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ 1941–1945. Chr. Links Verlag, Berlin 2007. 276 Seiten, 24,90 Euro.

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