Politische Literatur : Goebbels hatte das schönste Zimmer

Das Braune Haus: Andreas Heusler über die Verbindung der Nazipartei ins Münchner Milieu.

Hannes Schwenger

Ein „Museum der Bewegung“ hat Adolf Hitler das Braune Haus in München genannt. Dabei war es zu seiner Zeit alles andere als ein Museum: Sitz und aktives Zentrum des Parteiapparats der NSDAP und in den ersten Tagen nach der sogenannten Machtergreifung 1933 Sammelplatz der SA für willkürlich verhaftete und misshandelte Gegner der Nazipartei. Die bayrische Hauptstadt selbst wurde 1935 zur „Hauptstadt der Bewegung“ erhoben, die hier 1919 als Deutsche Arbeiterpartei im Wirtshaus „Fürstenfelder Hof“ begann. Ein erster Putschversuch scheiterte 1923 und endete für Adolf Hitler mit Festungshaft. Erst nach seiner Rückkehr auf die politische Bühne erwarb die Partei 1930 das bürgerliche Palais Barlow in der Brienner Straße, um es durch Anbauten und Zukäufe umliegender Grundstücke zu jener „Bastion“ zu erweitern, die noch im April 1945 „bis zum letzten Mann“ gehalten werden sollte.

Doch so wenig wie die sagenhafte „Alpenfestung“ war die Ruine des Braunen Hauses – im Januar 1945 war das Haus durch Luftangriffe zerstört worden – ein ernsthaftes Hindernis für die einrückenden Sieger. Münchner Bürger hatten den Trümmerbau bereits ausgeschlachtet und alles brauchbare Baumaterial für ihre eigenen Bombenschäden weggeschafft. So kläglich endete die Parteizentrale des Nationalsozialismus, deren letzte Reste im Februar 1951 von Baggern beseitigt wurden. Es dauerte noch einmal Jahrzehnte bis jetzt in München (von Spöttern als „Hauptstadt der Verdrängung“ bezeichnet) beschlossen wurde, an gleicher Stelle ein NS-Dokumentationszentrum zu errichten – auf andere Art ein Museum der braunen Bewegung.

Andreas Heusler, Leiter des Sachgebiets Zeitgeschichte und Jüdische Geschichte am Stadtarchiv München, schreibt nicht nur die Baugeschichte und politische Geschichte des Hauses, sondern die politische Geschichte Münchens als „Haupstadt der Bewegung“. Zur Ironie dieser Geschichte gehört, dass der Architekt des ursprünglichen Palais Barlow, Jean Baptist Métivier, auch Erbauer der Neuen Synagoge in München war. Hitler ließ das Ende der 1820er Jahre erbaute Palais nach eigenen Vorstellungen durch seinen Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost umbauen und erweitern. Er selbst fühlte sich mit der Ausgestaltung des Parteiviertels zur Verwirklichung seines künstlerischen Credos berufen, das Andreas Heusler als „eine belanglose Mixtur aus rückwärtsgerichtetem, gegenständlich-verkitschtem Pathos und grobschlächtig-klassizistischer Formensprache“ charakterisiert.

Wie sehr sich Hitler mit dem Braunen Haus identifizierte, lässt sich aus den Tagebüchern von Joseph Goebbels erschließen, der kein Liebhaber der Münchner Parteizentrale war. Lakonisch nennt er „die ganze Bude einen Schmuckkasten“, in dem sein Chef allerdings „für mich das schönste Zimmer und einen Prachtschreibtisch ausgesucht“ habe. Für Goebbels waren Hitlers Münchner Kumpane oft genug Gegenstand des Spotts.

Wie tief die Nazipartei in das Münchner Milieu verstrickt war, zeichnet Heusler vor dem Hintergrund der rechtsradikalen Szene in der nachrevolutionären bayrischen Hauptstadt nach: Er nennt unter anderem den Alldeutschen Verband, die „Organisation Consul“ und die Thule-Gesellschaft, bei der die NSDAP das Hakenkreuz und den „Heil“-Gruß entlieh, und eine Reihe Münchner Honoratioren wie die Verleger Lehmann, Bruckmann und Hanfstaengl oder die Gattin des Klavierfabrikanten Bechstein, die Hitlers ersten Mercedes finanzierte. Kurzum: „Erst durch die Protektion angesehener Gönner wurde Hitler gesellschaftsfähig, dank ihres Wohlwollens fand er seinen Weg von den Hinterzimmern heruntergekommener Gastwirtschaften in die Salons der ,feinen Gesellschaft’ Münchens. Erst die Bruckmanns, Bechsteins und Hanfstaengls ermöglichten Hitler den Ausbau der NSDAP zur erfolgreichsten Partei der Weimarer Republik.“ Bei seinen Gönnern hat sich der Führer des „Dritten Reichs“ später großzügig revanchiert: Bruckmann erhielt 1934 ein Staatsbegräbnis. Seinen Mentor Dietrich Eckart, der ihn in diese Kreise eingeführt hatte, stellte Hitler allerdings frühzeitig kalt. Erst bei der Einrichtung des Braunen Hauses erfuhr der 1923 Verstorbene eine späte Ehrung: Das Kasino im Untergeschoß des Braunen Hauses erhielt den Namen „Dietrich-Eckart-Stüberl“.

Ganz so gemütlich wie das klingt, ging es im Braunen Haus nicht immer zu. In der „Nacht der langen Messer“ nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler verschleppten SA und SS den bayrischen Innenminister Karl Stützel, barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet, aus seiner Dienstwohnung in das Braune Haus. Lina Heydrich, Frau des gefürchteten SS-Führers, berichtete die Szene schadenfroh ihren Eltern: „Dann kommen sie und treten dem weinenden Innenminister mit ihren schweren Stiefeln auf die große Zehe, dass er zwischen ihnen hopst von einem Bein aufs andere.“ Kaum besser erging es dem späteren Bundesfinanzminister Fritz Schäffer, der als Vorsitzender der Bayrischen Volkspartei ebenfalls in das Braune Haus verschleppt und erst am nächsten Tag freigelassen wurde. Als er am Morgen das Haus verließ, konnte er über dem Portal die Inschrift lesen: „Deutschland erwache!“


Andreas Heusler: Das Braune Haus. Wie München zur „Hauptstadt der Bewegung“ wurde. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 384 Seiten, 22,95 Euro.

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