Politische Literatur : Habsburgs roter Prinz

Ein Schicksal in Europa: Timothy Snyder erzählt in "Der König der Ukraine" die geheimen Leben des bisexuellen Wilhelm von Habsburg.

Sebastian Bickerich
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"Der König der Ukraine". Der bisexuelle Bonvivant, Spion gegen Stalin und Hitler und Erzherzog soll die Brücke zum Europa von...

Ein merkwürdig bunter Hund ist den Schergen von Stalins Militärgeheimdienst da ins Netz gegangen, an diesem Morgen des 26. August 1947. Auf offener Straße, vor dem Wiener Südbahnhof, zerren sie Wilhelm von Habsburg in ein Auto, stecken ihn in ein Flugzeug nach Kiew und verurteilen ihn kurz danach zu 25 Jahren Haft: Weil er 1918 König der Ukraine werden wollte, 1921 angeblich die Freien Kosaken angeführt hatte; weil er in Paris und später in Wien mit Exil-Ukrainern in Verbindung stand und als Agent der Briten und Franzosen sowohl gegen Nazideutschland als auch gegen die Sowjetunion spioniert habe – so der Vorwurf des KGB. Was ist das für ein Mann, der schon 1918 eine freie, westliche Ukraine im Sinn hatte – und der in den 30er Jahren Affären mit den schillernsten Figuren der Pariser Gesellschaft hatte, Männern wie Frauen?

In einer Zeit verbreiteter Habsburg- Sehnsucht, einer Sehnsucht nach einem Europa ohne echte Mitte, geeint nur durch Kaffeehäuser, Schmäh und Melancholie, kommt das Buch des amerikanischen Historikers Timothy Snyder über Wilhelm von Habsburg wie gerufen. Mit seinem Protagonisten hat Snyder sich Gewaltiges vorgenommen: Der bisexuelle Bonvivant, Spion gegen Stalin und Hitler, Oberst der ukrainischen Armee und Erzherzog soll die Brücke zum Europa von heute schlagen, dem Leser die Ukraine nahebringen – vor allem aber den Charme des k.u.k-Weltreiches erklären. Zum Verklären hat es gereicht, bei solch einem Anspruch schon eine ganze Menge.

In der Geschichtsschreibung spielt der 1948 im Kiewer KGB-Knast 52-jährig an Entkräftung gestorbene Erzherzog Wilhelm bislang keine große Rolle, zu Unrecht. Snyder erzählt mit Liebe zum Detail die Lebensgeschichte des Mannes, der Zeit seines Lebens von einer unabhängigen Ukraine unter seiner Führung träumte – und sich dabei immer wieder in einem abenteuerlichen Plot aus Agenten-, Adels- und Bettgeschichten verhedderte. Wie es dazu kam, ist ein faszinierendes Stück europäischer Geschichte. Wilhelms Vater Stefan, ein Ur-Ur-Enkel von Kaiserin Maria Theresia, wollte ein ganzes Geschlecht neuer k.u.k-Fürsten zeugen, am liebsten für eine neue österreichisch-ungarisch-polnische Tripelmonarchie. Joseph-Roth-Kennern kommt das bekannt vor – die Erweiterung der Monarchie um östliche Zweige, im „Radetzkymarsch“ etwa um ein slawisches Königreich, war ein beliebtes Topos, um das Siechtum aufzuhalten.

Doch Wilhelm, Letztgeborener nach fünf Geschwistern, wollte sich für Polen nicht recht erwärmen. Nicht weit vom elterlichen Schloss in Saybusch, dem heutigen Zywiec, kommt Wilhelm mit jenem Volk in Kontakt, das die Habsburger „Ruthenen“ nannten – die Ukrainer, die im k.u.k-Kronland Galizien eine von polnischen Adligen und dem Klerus unterdrückte Minderheit waren. Mit der gleichen Zielstrebigkeit, mit der sein Vater König Polens von Österreichs Gnaden werden will – 1916/17 hätte er sein Ziel fast erreicht, Wien und Berlin konnten sich aber nicht über die Grundzüge eines neuen polnischen Staates einigen – strebt Wilhelm nach einer ukrainischen Krone. Wilhelm ist davon überzeugt, dass auch den wilden Ruthenen ein eigenes k.u.k- Kronland zusteht; er tut dies mit der Überzeugung eines Habsburgers: „Ihr Vaterland war dort, wo ihre Väter geschritten waren, in ganz Europa, oder wo ihre Schiffe gesegelt waren, rund um die Welt. Den Nationalismus ihrer Untertanen konnten sie mit Nachsicht behandeln, hinnehmen und sich eines Tages vielleicht zunutze machen.“ Den Habsburgern, schreibt Snyder, war es deshalb „am liebsten, wenn der Unterdrückungs-Akt im nationalen Drama im Lokalen ablief, wenn also ... die Ukrainer sich von den polnischen Adeligen gedemütigt fühlten statt von den Habsburgern, die den Polen die Regierungsgewalt übertragen hatten. Wenn die Geschichte so erzählt wurde, konnte das Haus Habsburg als europäische Bühne fungieren, auf der das nationale Drama sich abspielte, statt als Schauspieler, dessen Abgang bevorstand.“

Der Weltkrieg bot dazu die Bühne, brauchte es doch für Stefans wie Wilhelms Träume Staatsgebiet, das man Russland abspenstig machen musste; Polen und Ukrainer siedelten zu großen Teilen außerhalb Galiziens. Wilhelm erhält ein Kommando eines vorwiegend ukrainischen Regiments, lässt sich fortan nur noch „Vasyl“ rufen und trägt unter der Offiziersuniform ein besticktes ukrainisches Hemd. In kürzester Zeit steigt er zum „roten Prinzen“ auf, wie entsetzte polnische Verwalter ihn taufen – weil er sich für eines der ärmsten Völker der Monarchie einsetzt und seine Bauernsoldaten respektvoll behandelt. Mit Kaiser Karl, dem Kurzzeit-Nachfolger des Dauermonarchen Franz Joseph, berät Wilhelm nach den deutsch-österreichischen Erfolgen an der Ostfront 1917/18 die Einrichtung eines neuen Kronlands, sogar seinen deutschen Namensvetter Kaiser Wilhelm II. trifft er im August 1918.

Doch das Experiment geht schief, der kurzfristig (ohne Wilhelms Beteiligung) ausgerufene ukrainische Satellitenstaat wird bald von Sowjetrussland überrannt. Wilhelm muss sich sammeln. Die 20er Jahre verbringt er mit allerlei Münchner Revolutionsträumern, darunter auch angebräunten wie Erich Ludendorff und Max Bauer, die Geld für eine Invasion der Sowjetunion sammeln; mit seinem Cousin, dem König von Spanien, und allerlei Geschäftemachern und falschen Freunden in Madrid. Später siedelt er nach Paris über und gleitet in die Halbwelt ab; seine Affären mit Tänzerinnen, Strichjungen und der Entertainerin Mistinguett füllen die Klatschspalten. Er lebt von einer Appanage seines Bruders Albrecht.

Der Historiker Snyder weiß mit dieser Zeit nicht recht umzugehen, dabei erzählen gerade die nur angedeuteten Pikanterien und Erlebnisse des bekennenden Bisexuellen viel über die Bigotterie des angeblich so modernen Paris – und über die kosmopolitisch-ungezwungene Einstellung Wilhelms auch und gerade in seiner Sexualität. Im Europa von heute ginge das wohl als modern durch, im Paris der 30er Jahre macht sich Wilhelm mit seinem Verhalten für tschechische und sowjetische Geheimdienste angreifbar. Denn sein Ziel bleibt eine von den Sowjets befreite, unabhängige Ukraine – eine Bedrohung auch für die Tschechoslowakei, die damals im Besitz des von Ukrainern bewohnten Transkarpatiens war.

Tschechische Spione inszenieren eine Intrige gegen Wilhelm, der schließlich nach Wien fliehen muss. Kurz vor dem „Anschluss“ hofft er auf die Hilfe Hitlerdeutschlands; ausgerechnet im späteren „Schlächter von Polen“ und Obernazi Hans Frank sieht er kurzzeitig einen Verbündeten. Als er sieht, wie die Nazis nach dem Einmarsch in Polen mit seinen Verwandten in Zywiec umspringen – vor allem aber, wie Deutschland nach dem Überfall auf die UdSSR in der Ukraine Tausende Menschen umbringt, wendet er sich ab. In den letzten Kriegsjahren dient er sich Frankreich und England an, hofft auf den habsburgerfreundlichen Winston Churchill und eine westliche Ukraine nach dem Krieg. Doch die Alliierten haben kein Interesse; schon bald gerät Wilhelm ins Visier des KGB. Stalin will jede Restauration eines ukrainischen Nationalbewusstseins im Keim ersticken, und so lässt er auch Wilhelm einkerkern.

Snyder beschreibt seinen Wilhelm gewissenhaft, wenn auch etwas trocken. Woodrow Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker hält Snyder für einen gefährlichen Irrweg; die k.u.k-Monarchie dagegen, sonst oft als verrottet, aber liebevoll verklärt, scheint als Vorbild für die Europäische Integration auf. „Die ,europäische’ Identität von heute transzendiert wie die ,österreichische’ der späten Habsburgermonarchie die nationale Identität, schließt aber Nationalgefühl nicht aus. Wie die Schriftsteller der Habsburger leiden die europäischen Eliten unter einem unvermeidlichen Gefühl der Ironie, bedingt durch das schreckliche Kuddelmuddel einander überschneidender Institutionen und vieler Sprachen; dazu kommt die dumpfe Erinnerung, dass dieses Friedenssystem sich dem Krieg verdankt … Anders als die Habsburger kann die EU ihr Territorium nicht durch Heirat vergrößern, aber sie besitzt in der Tat einen politischen Körper, der auf zahlreiche Bewerber anziehend wirkt“, schreibt Snyder.

Bemerkenswerte Parallelen – mit denen Snyder den Leser alleine lässt. Braucht die EU einen Kaiser Franz Joseph? Ein Herrscherhaus, das im Kaffeehaus über seinen James-Bond-Leitspruch „Orbis non sufficit“ („Die Welt ist nicht genug“) räsoniert? Snyder weiß es nicht, und seine bierernsten Passagen über die Vorbildfunktion Habsburgs lassen jeden Liebhaber Joseph Roths laut lachen.

Kompetenter spricht Timothy Snyder über die Zukunftsaussichten der Ukraine, des Sehnsuchtsorts von Wilhelm, die über 70 Jahre nach seinem Beinahe-Interregnum nun endlich ein wirklich unabhängiger Staat geworden ist. Hier liegen die Stärken des Buches, hier hätte Snyder getrost mehr erzählen können – auch der derzeitigen deutschen Außenpolitik. Während Wilhelm schon 1918 ein eigenes ukrainisches Staatswesen fördern wollte und die Ukrainer als europäisches Staatsvolk ernst nahm, betrachtete Deutschland die Ukrainer im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg als Untermenschen, Getreidelieferanten oder – so hat es heute gelegentlich den Anschein – als Russen, die einen eigenen Staat nicht verdient hätten. Wie sehr Europa von einer starken Ukraine profitieren kann, das wusste Wilhelm, und das macht auch Snyder klar.


Timothy Snyder: Der König der Ukraine. Die geheimen Leben des Wilhelm von Habsburg. Zsolnay Verlag, Wien 2009. 414 Seiten, 24,90 Euro.

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