Politische Literatur : Horror, Horror, Horror

Die Jüdin Hélène Berr hat ihr Leben unter der Vichy-Diktatur in Frankreich in einem Tagebuch dokumentiert. Es beginnt an einem sonnigen Tag im Juni 1942 und endet mit ihrer Deportation im Februar 1944 - zwei Jahre voller Ungewissheit.

Hannes Schwenger

Paris, 8. Juni 1942. Für die Studentin Hélène Berr ist es „der erste Tag, an dem ich wirklich das Gefühl habe, in Ferien zu sein“. Seit acht Wochen führt die 21-Jährige ein Tagebuch, und das schöne Wetter erinnert sie an den Morgen im April, der ihr das Selbstvertrauen dazu geschenkt hat. An dem Morgen hat ihr der Dichter Paul Valéry ein Buch mit einem Zitat gewidmet: „Beim Erwachen, so milde das Licht, und so schön dies lebendige Blau.“ Es gibt ihr, wie sie notiert, ein kleines Triumphgefühl und „den Eindruck, dass im Grunde das Außergewöhnliche das Wirkliche war“. An diesem Junitag wird es Wirklichkeit, aber auf ganz andere Weise.

Denn es ist, mit Hélènes Worten, „auch der erste Tag, an dem ich den gelben Stern tragen werde. Das sind die beiden Seiten des gegenwärtigen Lebens: die Frische, die Schönheit, die Anfänge des Lebens, verkörpert in diesem klaren Morgen; die Barbarei und das Böse, dargestellt durch diesen gelben Stern“. In seinem Zeichen wird sie noch drei Jahre leben und durch die Straßen von Paris gehen, verhaftet, deportiert werden und in Bergen-Belsen sterben, fünf Tage vor der Befreiung des Lagers durch englisches Militär. Ihr Tagebuch bricht ab am 15. Februar 1944, mit einem Bericht Deportierter über das französische Internierungslager Drancy, und es endet mit den Worten Horror, Horror, Horror.

Hélène Berr war eines von fünf Kindern einer Pariser jüdischen Familie, die sich unter dem Vichy-Regime und deutscher Besatzung anfangs noch geschützt glauben durfte. Ihr Vater, ausgezeichnet mit dem Croix de Guerre, gehörte zu den acht Personen, die aufgrund ihrer Verdienste von den gegen Juden verhängten Verboten ausgenommen waren; im Juni 1942 wird er dennoch verhaftet, weil er den gelben Stern nicht angenäht, sondern nur angeheftet trägt. Das genügt, um ihn für einige Monate im Lager Drancy verschwinden zu lassen. Im September 1942 kommt er noch einmal zurück, bevor er 1944 endgültig – diesmal mit seiner Frau und Hélène – nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wird.

Sie kennt den Hass, aber sie will ihm nicht nachgeben

Über diese zwei Jahre der Ungewissheit – oder vielmehr: der wachsenden Gewissheit des Bösen – führt Hélène ihr Tagebuch, das sie voller Vorahnung für ihren Verlobten bestimmt; der hat bereits Ende 1942 Paris verlassen, um sich in Nordafrika den Forces Françaises Libres anzuschließen. Durch ihren Bruder gelangt es 1945 in seine Hände und die ihrer überlebenden Geschwister, aber erst 2008 wird es durch ihre Nichte Marriette Job veröffentlicht. Warum so spät? War das Thema französischer Kollaboration unberührbar? Es ist auch hier keine bequeme Lektüre, wenn die Gräuel der deutschen Besatzung bis heute Empörung und Abscheu erwecken. Hélène Berr spricht nicht von Hass, „denn Hass kenne ich nicht“, sondern von Empörung, Abscheu, Verachtung. Diese Männer haben, ohne es auch nur zu begreifen, ganz Europa die Lebensfreude geraubt. Bei Roger Martin du Gard findet sie die Feststellung, es gebe für Europa keine Sicherheit vor dem „germanischen Imperialismus“, solange Deutschland und Österreich keine demokratische Entwicklung durchgemacht hätten. Für die Jüdin, die sich in erster Linie als Französin empfindet, sind die deutschen Besatzer „einer Rasse entsprungen, die Menschen wie die Nazi-Anführer hervorgebracht hat, die sich so weit abstumpfen, entgeistigen, verdummen ließen, dass sie nurmehr hirnlose Automaten sind … Und bei meinem Ekel in diesem Augenblick spielte mein besonderer Fall überhaupt keine Rolle, ich dachte nicht an die Verfolgungen“.

Für die ist anfangs noch das Vichy-Régime verantwortlich, aber sie verschärfen sich noch, als die deutschen Besatzer selbst das Heft in die Hand nehmen. Täglich erfolgen Razzien, denen Hélène und ihre Familie nur durch Glück, Warnungen und zeitweises Untertauchen entgehen. Anfang 1944, nach einer neunmonatigen Unterbrechung, beschreibt Hélène Berr in ihrem Tagebuch den Totentanz in den Straßen von Paris: „Der Tod hagelt von allen Seiten nur so herab, blindlings ausgeteilt von dieser Rasse, die wütet, weil nicht alle ihre Vorstellungen von der herrschenden Rasse akzeptiert haben.“ Jetzt – das sei neu, notiert sie – empfindet sie blanke Wut, den Impuls zuzuschlagen, und fragt sich: „Kenne ich den Hass? Warum sollte ich dieser primitiven Haltung nicht nachgeben?“

Sie kennt den Hass, aber sie will ihm nicht nachgeben. Ihr Weg, das Böse zu bekämpfen, ist die Sorge für die Verfolgten. Schon seit 1941 arbeitet sie in einer Geheimorganisation, die Kinder Verfolgter betreut und in Pflegefamilien vermittelt. 1942 stellt sie sich der Jüdischen Generalunion in Frankreich UGIF zur Verfügung, als Sozialhelferin für Internierte und deren Familien. Hier wird sie Zeugin des alltäglichen Grauens in den Lagern und der Deportationen mit unbekanntem, aber gewissem Ziel in die Vernichtungslager des Ostens. Sie erlebt, wie Mütter in diesem Wissen bitten, ihre Kinder nicht behalten, sondern zurücklassen zu dürfen. Und immer noch fragt sie sich: Wissen die deutschen Soldaten nicht, was geschieht? Würden sie etwas fühlen, wenn sie Bescheid wüssten? Aber dazu, fürchtet Hélène Berr, seien sie „zu abgestumpft. Und dann denken sie nicht; ich glaube, das ist die Grundlage des Bösen; und die Macht, auf die sich das Regime stützt. Das eigene Denken, die Reaktion des individuellen Gewissens zerstören, das ist der erste Schritt des Nazismus“. Am Ende wurden 75 000 Juden aus Frankreich deportiert, nur 2200 überlebten und kehrten zurück. Hélène Berr hat nur in ihrem Tagebuch überlebt.

– Hélène Berr: Pariser Tagebuch 1942–1944. Aus dem Französischen von Elisabeth Edel. Carl Hanser Verlag, München 2009. 320 Seiten, 21,50 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar