Politische Literatur : Kulturelle Gegenbilanz

Die Kirche ist in der Lage, Fehler zu korrigieren. Gewalt und Toleranz: Arnold Angenendt verteidigt das Christentum.

Martin Gehlen

Die Situation ist paradox: Das Interesse für Religion wächst, während die Kenntnisse schwinden. Für das Christentum entsteht daraus eine doppelte Kluft: Sie trennt die heute Lebenden von dem vielfältigen Strom christlichen Lebenswissens und religiösen Erfahrungswissens; und sie verwischt den spezifischen kulturellen und sozialen Beitrag des Christentums für die moderne Lebenswelt.

Auf dieses Defizit zielt der Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Er greift das Interesse auf und bringt gleichzeitig seinen Gegenstand überraschend neu zum Leuchten – nicht im Sinne einer unkritischen Apologetik des Christentums, sondern als facettenreiche Selbstvergewisserung und historische Aufklärung im besten Sinne.

Ursprünglich war das knapp 800 Seiten starke Buch konzipiert worden als eine Antwort auf die „Sieben Geburtsfehler des Christentums“, einem Beitrag des Berliner Philosophen Herbert Schnädelbach in der Wochenzeitung „Die Zeit“, wo dieser die Abschaffung des Christentums forderte, weil es „sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne dies bemerkt zu haben“. Die kulturelle Gesamtbilanz des Christentums falle insgesamt verheerend aus, bilanzierte damals Schnädelbach, die positiv prägenden Kräfte hätten sich erschöpft. Das Christentum habe nicht nur den Menschenrechten, „sondern auch der Menschlichkeit als Prinzip oft tödliche Widerstände“ entgegengesetzt.

Was Angenendt nun vorgelegt hat, ist weit mehr als eine Antwort auf die thesenartigen Argumente Schnädelbachs. Er entwirft vielmehr eine umfassende „kulturelle Gegenbilanz“ des Christentums, wie es sie in dieser Breite und Gelehrsamkeit im deutschen Sprachraum bislang noch nicht gegeben hat. Das gut lesbare Buch ist die souveräne Summe eines langen Forscherlebens, gleichzeitig voller überraschender Einsichten und frischer Perspektiven. Das enzyklopädische Werk gliedert sich in fünf Hauptteile, die sich unabhängig voneinander lesen lassen. Es beginnt mit allgemeinen anthropologischen, kulturellen, geschichtlichen und juristischen Überlegungen zum Thema Gewalt und Toleranz. Dann folgen zwei Teile über die Entstehung der Menschenrechte sowie über Gewalt und Toleranz in der Religion. Die zwei Schlussteile beschäftigen sich mit Heiligem Krieg und Heiligem Frieden sowie mit dem Verhältnis von Christen und Juden.

Gerade bei kirchlichen Reizthemen wie Inquisition, religiöser Intoleranz, Kreuzzügen, Antijudaismus oder Hexenverbrennungen fügt Angenendt die vielfältigen neuen historischen Studien der letzten Jahrzehnte zu einem deutlich veränderten Gesamtbild zusammen. Es gehört zu der Stärke des Buches, aus der schier unüberschaubaren Menge von Fakten und Einzeluntersuchungen kräftige Linien und überraschende Querverbindungen herauszuarbeiten, die den positiven Beitrag des Christentums für die moderne Welt neu taxieren.

Wo angezeigt, stehen klare Sätze, die Versagen und Verbrechen der Kirchen benennen. Angenendt geht es nicht darum, die Geschichte des Christentums zu verklären und reinzuwaschen. Ihm geht es darum, den Menschen früherer Zeiten und ihrem Verhalten so gut wie möglich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und ihm liegt daran, tief eingeschliffene christentumskritische Vorurteile von heute auf ihre Berechtigung abzuklopfen, zumal sie – immun gegen alle neuen Erkenntnisse – unerschüttert und unverändert in Talkshows, auf Podiumsdiskussionen, in populären Büchern oder Zeitungen weitergegeben werden.

So hat die spanische und römische Inquisition – immer noch populärer Inbegriff für kirchliche Mordlust und klerikalen Gotteswahn – weitaus weniger Opfer gefordert als gemeinhin angenommen. In Spanien betrug die Zahl der Getöteten zwischen 1480 und 1700 etwa 6000 Personen, in Rom waren es im gleichen Zeitraum weniger als hundert – kein Grund, wie Angenendt schreibt, die kirchliche Inquisition schönzureden, „doch sind 6000 eine andere Größe als die polemisch unterstellten Hunderttausende oder gar Millionen“.

Die mentalitätsgeschichtliche Passagen wiederum gehören zu den stärksten des Buches: Das Kapitel über den Gottesfrevel öffnet dem Leser die Augen über die innere Logik von religiös motivierter Gewalt, wie sie seit den frühesten menschlichen Hochkulturen existierte. „Die Vorstellung, dass jeder Frevel den Zorn Gottes heraufbeschwor, wird man als einen der wirkmächtigsten Religionsmechanismen bezeichnen müssen“, schreibt Angenendt. Und um diesem Gotteszorn zuvorzukommen, musste man den Frevel tilgen – sprich den Täter enthaupten, verbrennen oder kreuzigen. „Keine Gewalt in Religionsdingen“ postulierte dagegen das junge Christentum und stand damit in seiner antiken Umwelt „eigentlich allein“. Dieses friedliche Ethos speiste sich unter anderem aus dem Weizen-Unkraut-Gleichnis im Neuen Testament. „Lasst beides wachsen“ – sprich Gläubige und Gotteslästerer –, forderte der Text und fungierte auf diese Weise zehn Jahrhunderte lang als ethische Tabuschwelle gegen die Tötung von Andersgläubigen und Frevlern. Erst nach der Jahrtausendwende brach dieser ethische Damm, als in Südfrankreich das christliche Morden mit dem Kreuzzug gegen die Katharer begann.

Angenendts fundamentale „kulturelle Gegenbilanz“ belegt, wie fluide und regenerierfähig ein solches über Jahrhunderte entstandenes Religionsgebäude wie das des Christentums ist. Es ist in der Lage, Irrtümer zu korrigieren, neue Aspekte zu inkorporieren und Glaubensinhalte in anderem Licht zu akzentuieren. Man denke nur an die Haltung der katholischen Kirche zur Erklärung der Menschenrechte durch die Französische Revolution. Vor 150 Jahren noch vom Papsttum als absoluter Irrtum und Wahnsinn verteufelt, ist die katholische Kirche heute in vielen Regionen der Welt angesehene Verfechterin von Menschenrechten und Menschenwürde.







Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum

zwischen Bibel und Schwert, Aschendorff Verlag, Münster 2007, 797 Seiten, 24,80 Euro.

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