Politische Literatur : Nie wieder zurück

Das Buch "Nie mehr zurück in dieses Land" versammelt Augenzeugenberichte der Pogrome vom November 1938. Es sind Erinnerungen von professionelle Autoren und Laien aus Berlin, Wien, Bonn und anderen Orten.

Stefan Berkholz
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"Nie mehr zurück in dieses Land". Der Wettbewerb einer amerikanischen Universität hatte die Texte zusammengeführt. 70 Jahre später...

Die Wohnung war buchstäblich ein Trümmerhaufen“, schreibt die Schauspielerin Margarete Neff. „Alfreds Arbeitszimmer konnte man überhaupt nicht betreten; die Bücher lagen zerfetzt und zertreten zu einem Berg getürmt auf dem Boden …“ Und so wie die Sachen zerfetzt und zertreten wurden, so erging es den verfolgten Juden selbst in jener grauenhaften, mörderischen Novembernacht des Jahres 1938. Die Augenzeugenberichte sind zeitnah entstanden, sie sind sehr authentisch, wenn auch sprachlich nicht immer gelungen. Hier äußern sich nicht nur professionelle Autoren, sondern auch Augenzeugen, die sich einfach ihr Leid von der Seele schreiben wollten. Der Wettbewerb einer amerikanischen Universität hatte die Texte 1939 zusammengeführt. Dann brach der Krieg aus, und die Berichte wurden vergessen. 70 Jahre später liegen sie nun in einer Auswahl erstmals vor.

Uta Gerhardt und Thomas Karlauf haben das Buch in drei Kapitel unterteilt: „Der Terror“, „In den Lagern“, „Vor der Auswanderung“. Die Augenzeugen berichten aus Berlin, Wien, Eisenach, Nürnberg, Bonn und anderen Orten. Den meisten ist klar – und das betonen sie auch –, dass sich nicht die offiziell propagierte „Volkswut“ ausgetobt hatte. Die Überfälle waren bestens vorbereitet und militärisch organisiert. Dort wüteten aber nicht nur Sadismus und Mordlust der Uniformträger; dort bedienten sich niederste menschliche Bedürfnisse, vom Raubzug profitierten viele anonym gebliebene, wohlanständige deutsche Bürger. Und doch fanden sich in diesem Meer des Grauens auch einige wenige Anständige, die nicht mitmachten, sondern solidarisch halfen und mutig blieben inmitten all der staatlich sanktionierten Niedertracht.

„Ich musste Hals über Kopf abreisen“, schreibt der Dramaturg Fritz Goldberg, „unter Zurücklassung von Frau und Kindern, die ich erst ein halbes Jahr später wiedersah … Aber: Ich war wieder Mensch, ich war in die Freiheit, in das Leben zurückgekehrt. Ich war gerettet!“


Uta Gerhardt, Thomas Karlauf: Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938. Propyläen Verlag, Berlin 2009. 368 Seiten, 22,90 Euro.

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