Politische Literatur : Schwarze Schwäne gibt es nicht

Katastrophen wie die Finanzkrise kann man nicht vorhersehen, meint der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb.

Andreas Oswald
Schwan
Antiprophetische Propheten. "Sie scheint auf einem Fass Dynamit zu sitzen." -Foto: picture-alliance

Kann es eine Theorie der Katastrophe geben, mit der sich der Mensch und die Gesellschaft vor dem finanziellen, politischen und persönlichen Desaster schützen können? Es gibt zu dieser Frage derzeit kaum einen gefragteren Redner und Interviewpartner als Nassim Nicholas Taleb, Professor für Risikoforschung in New York. Sein Buch "Der Schwarze Schwan" stand monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times" und ist jetzt auf Deutsch erschienen. In dem Buch hat er schon 2003 die derzeitige Finanzkrise nicht nur vorhergesehen - er hat beschrieben, warum sie kommen wird, und damit recht behalten. Was ihn aber von anderen Katastrophenkündern, die es gab und gibt, unterscheidet, ist ein Ansatz, der sich nicht auf die Finanzkrise beschränkt, sondern auf Politik, Menschheitsfragen und das persönliche Leben übertragbar ist. Es ist eine Ironie, dass Taleb derzeit als großer Prophet gefeiert wird, wo er doch in seinem Buch beschreibt, dass gerade die Tendenz, Entwicklungen berechnen und vorhersagen zu wollen, eine der Ursachen dafür ist, dass Wirtschaft und Gesellschaft von Katastrophen hilflos überrascht werden.

Taleb, aufgewachsen als Sohn einer alten christlichen libanesischen Kaufmannsfamilie, arbeitete jahrelang in der Höhle des Löwen, in den Handelsräumen von Wall-Street-Banken. Er hatte über die mathematischen Berechnungen von Finanzderivaten promoviert und saß im Handelsraum, als der Elite-Hedgefonds Amaranth sieben Milliarden Dollar in den Sand setzte. Heute führt Taleb Krieg - einen intellektuellen Krieg gegen die Banken, die seiner Meinung nach nicht wissen, was sie tun. Er führt Krieg gegen die Regierungen, die noch weniger wissen, und er warnt die Menschen davor, sich zu ruinieren.

Taleb zufolge sind die Menschen blind gegenüber dem Zufall und blind gegenüber dem Risiko, gerade da, wo Experten irrtümlich glauben, die Risiken berechnen zu können. Entscheidungen, die in die Zukunft gerichtet sind, klammern nach Ansicht von Taleb konsequent die Möglichkeit aus, dass es zu einer unerwarteten Katastrophe kommen könnte, zu einem "Schwarzen Schwan". Taleb verwendet dieses Bild, weil es für die Europäer einst nur weiße Schwäne gab. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es einen schwarzen Schwan geben könnte, bis in Australien einer gefunden wurde. Taleb bezeichnet ein Ereignis als Schwarzen Schwan, wenn es sich um einen absoluten Ausreißer handelt, ein Ereignis, das außerhalb regulärer Erwartungen liegt. Ein zweites Merkmal ist, dass dieses Ereignis enorme Auswirkungen hat und im Nachhinein Erklärungen dafür konstruiert werden. Ein Schwarzer Schwan kann eine Katastrophe sein, wie die derzeitige Finanzkrise oder die Anschläge vom 11. September, ein Tsunami, die Auslösekette des Ersten Weltkriegs, die militärische Hilfe der USA für die Islamisten in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung …

Für Taleb kann es aber auch positive Schwarze Schwäne geben, wie die zufällige Verunreinigung einer Laborprobe mit Penizillinschimmel, die in eine völlig neue Form der Infektionbekämpfung mündete. Schwarze Schwäne können abrupt auftauchen oder sich über Jahrzehnte hinziehen. Erst hinterher ist man sich über die Dimension im Klaren. Der Schwarze Schwan, mit dem es die Welt derzeit zu tun hat, ist die von den Banken verursachte Finanzkrise. Taleb schrieb 2003: "Die Globalisierung erweckt den Anschein von Stabilität. Sie erzeugt verheerende Schwarze Schwäne. Die finanzielle Ökologie wurde aufgebläht, es sind gigantische inzestuöse bürokratische Banken entstanden - wenn eine fällt, fallen alle." Er schrieb weiter: "Wenn ich mir die Risiken der Institution Fanny Mae ansehe, scheint sie auf einem Fass Dynamit zu sitzen." Vor wenigen Wochen konnte Fanny Mae nur durch eine komplette Verstaatlichung gerettet werden.

In seinem Buch wie auch in Interviews wird Taleb nicht müde zu behaupten, dass die Banken ihre Risiken nicht verstehen, er nannte kürzlich auch explizit die Deutsche Bank. Gerade denjenigen Experten sagt Taleb den Kampf an, die behaupten, Risiken messen zu können. Seine Angriffe richten sich vor allem gegen die Nobelpreisträger Harry Markowitz und William Sharpe, die die Grundlage für die Moderne Portfoliotheorie (MPT) gelegt haben. Seither empfehlen die Banken jedem Ahnungslosen, die Aktien so zu diversifizieren, dass das Risiko gesenkt würde. Was aber, wenn der ganze Aktienmarkt zusammenbricht?

Wie kann der Mensch solche Katastrophen verhindern? Taleb stellt die Fähigkeit des Menschen zur Vorhersage grundsätzlich infrage. Er belegt das mit dem Gedankenspiel von dem Truthahn, der vom ersten Tag seiner Existenz täglich von Menschen gefüttert wird und jeden Tag mehr den Eindruck haben müsste, der Mensch meine es gut mit ihm. Am Tag vor Thanksgiving müsste diese Gewissheit am höchsten sein. Ein fataler Irrtum. Taleb zeigt anhand zahlreicher Studien, die er wiedergibt, auf, dass der Mensch von Natur aus die Tendenz aufweist, von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Das aber sei, bezogen auf die Vorhersage von Katastrophen, ein völlig falscher Ansatz, weil die meisten Katastrophen gerade überraschend kommen und nicht vorhergesagt werden konnten. Dazu tragen auch viele Verzerrungen in der Wahrnehmung und in der Interpretation von Fakten bei.

Taleb empfiehlt, nicht zu versuchen, die Wahrscheinlichkeit bestimmter Katastrophen vorherzusagen, sondern sich auf die Tatsache vorzubereiten, dass es eine Katastrophe geben wird. Das heißt: Bereiche, die im weitesten Sinn katastrophenträchtig sein könnten, komplett meiden. Aktien zum Beispiel oder den Bau eines Hauses in einer Erdbebenregion wie Los Angeles. Das Besteigen eines Fahrrads in den Straßen von New York (oder Berlin) könnte in seinem Sinne auch dazugehören.

Taleb fordert jetzt in Interviews, dass das ganze Finanzsystem revolutioniert wird, dass Regierungen den Banken verbieten, hohe Risiken anzuhäufen. Und er verlangt, dass Bankvorstände, Notenbankchefs und Finanzminister, die Schuld an der Krise tragen, gefeuert werden.

Aber er sagt nicht voraus, dass seine Forderungen auch erfüllt werden.

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