Politische Literatur : Tariq Ramadan plädiert für modernen Islam

Der Titel könnte zu Produktenttäuschung führen: "Radikale Reform. Die Botschaft des Islam für die moderne Gesellschaft" heißt das jüngste Buch des Schweizer Philosophen und Islamwissenschaftlers Tariq Ramadan, des inzwischen einflussreichsten Vordenkers eines europäischen Islams.

Andrea Dernbach

Ramadan, der derzeit in Oxford lehrt, meint damit nicht eine Radikalität, die den Islam nur an die stets komplizierter werdenden Gegebenheiten des Hier und Heute anpasst, sondern der sich ihnen offen stellt, um sie mitzugestalten: „Eine Reform, die bestrebt ist, gleichzeitig den Werten treu zu bleiben, sich der Welt anzupassen und sie auch noch zu verändern.“

Wie fast alles, was der Genfer mit ägyptischen Vorfahren seit Jahren sagt, schreibt und tut, ist auch dieses Buch eine Zumutung für alle Seiten: für die „Literalisten“, jene Glaubensbrüder und -schwestern, die sich unkritisch an die Tradition und den Wortlaut der heiligen Texte klammern, ebenso wie für Islamkritiker, aber auch säkulare Muslime, die ihren Glauben zwar praktizieren, ihn aber nicht in Bezug setzen zu ihrem Leben als Bürger, Politiker, Wissenschaftler, Ärzte, Techniker. Dabei sei, meint Ramadan, gerade ihr Wissen unverzichtbar, um dem Islam Anschluss an die moderne Welt zu schaffen.

Entsprechend hart geht Ramadan mit den muslimischen Gelehrten ins Gericht, die diese Fatwas formulieren: Ihre Gutachten seien „zaghaft“, „formal konservativ und oft nebensächlich“. Sie zielten nur darauf, den Alltag moderner Gläubiger durch Ausnahmen zu erleichtern, obwohl man doch theoretisch auf der Allgemeingültigkeit der moralischen Gebote des Islams beharrt. Die Gründe dafür sieht Ramadan in einer falschen Rangordnung: Noch immer gälten der muslimischen Welt die Schrift und ihre Interpreten als höherrangig als die Experten der Welt. Dabei habe sich Gott nach muslimischem Glauben nicht nur im Koran, sondern auch im Universum offenbart; die Welt zu entziffern, mit den Mitteln der Naturwissenschaften, aber auch mit Hilfe von Psychoanalyse und Sozialforschung, das sei nicht weniger Gottesdienst als die Auslegung des Korans. Dafür sei es aber notwendig, dass die Experten der Welt, die Gelehrten des „offenen Buchs“ des Universums, von den Gläubigen künftig genauso viel Autorität zuerkannt bekämen wie die Gelehrten des Korans, des „geschriebenen Buchs“.

Von dieser radikalen Reform handelt das Buch. Man mag sich ans Beharren des amtierenden Papstes auf dem „Naturrecht“ erinnern und vor einem weiteren, nun muslimischen Versuch schaudern, der Welt das angeblich Natürliche – Verdammung von Homosexualität und Abtreibung eingeschlossen – vorzuschreiben. Das aber meint Ramadan nicht; ihm geht es um einen offenen Prozess der auch wissenschaftlichen Aufklärung, an dem alle teilhaben, der nicht endet und von dessen Ergebnissen der Glaube nichts zu fürchten hat. Natürlich stehe der Wortlaut des Korans nicht infrage, schreibt Ramadan, aber er müsse wie stets seit Mohammeds Zeiten ausgelegt werden – „der Gesandte war ihr erster Interpret und Anwender“.

Auch wenn man auf die ein oder andere Redundanz gern verzichtet hätte: Ramadans Buch ist klug, auf jeder Seite findet der Leser einen originellen Gedanken. Wenn Ramadan etwa dem Vorwurf, der Islam habe keine Aufklärung erlebt, entgegenhält, dass Aufklärung, die Benutzung des eigenen Verstandes im Sinne Kants, von Anfang an dessen Kernprojekt gewesen sei. Aber ist das der echte Islam, oder platter: Wer hat recht, Ramadan oder Bin Laden? Der Autor würde vermutlich mit der Gegenfrage antworten. Wer hat im Christentum recht, Europas Christdemokraten oder die südamerikanischen Befreiungstheologen? Sein Buch zeigt mindestens Wege zur Versöhnung des Islams mit der Welt von heute auf, die plausibel sind und die auch konservative Muslime überzeugen müssten. Nichtmuslimen liefert das Buch auch einen Schlüssel dafür,warum dieser gläubige europäische Intellektuelle – gerade hat man ihn als Integrationsberater in Rotterdam hinausgeworfen – eine solche Provokation für das heutige Europa ist.

– Tariq Ramadan:

Radikale Reform.

Die Botschaft des

Islam für die moderne Gesellschaft.

Diederichs Verlag, München 2009.

432 Seiten, 24,95 Euro.

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