Politische Literatur : Tiefenbohrungen in Sachen gerechter Gesellschaft

Da macht sich einer Luft. Und ist böse. Wer superreich ist, der wird das nicht gerne lesen, vielen anderen Menschen, die sich zunehmend fragen, wie hoch der Preis der Krise für sie persönlich ist, wird Peter Zudeick möglicherweise aus dem Herzen sprechen.

Gerd Nowakowski

Das ist ein Krimi, der fast täglich eine Fortsetzung hat, und die Tagesschau wird zum „Tatort“, bei dem die Bundesbürger die Geiseln sind: Milliardenverluste, unverantwortliche Geldgier von Bankern, die Tausenden den Arbeitsplatz kostet, während die Verantwortlichen mit Millionen abgefunden werden – das ist nicht Monopoly, sondern deutsche Wirklichkeit. Peter Zudeick wettert gegen die Überprivilegierten, die sich ganz unberechtigt für die Wirtschaftselite halten, er schimpft mit galligen Worten auf maßlose Wirtschaftskapitäne, die jeden sozialen Kompass verloren haben und auf die Politik, von der keine Lösung mehr zu erwarten ist. „Tschüss, ihr da oben“, sagt der Journalist Zudeick, der seine scharfen Analysen und bissigen Satiren für fast alle deutschen ARD-Rundfunkanstalten produziert, und prophezeit das baldige Ende des Kapitalismus: Die Wirtschaftskrise sieht er als Katalysator für Bürger, die sich nicht mehr von Politikern vertreten fühlen. Er möchte die Interessen der Zivilgesellschaft, nicht mehr den Markt, in den Mittelpunkt gerückt wissen. Im Blick zurück rechnet er ab mit der Schröderschen Agenda 2010, die es nicht einmal in Boom-Zeiten geschafft hätte, die Zahl der Hartz-IV-Empfänger zu senken, dafür aber die Armut zu vergrößern. Das ist flott und eingängig aufgeschrieben. Zudeick aber zielt tiefer, belässt es nicht bei der Beschreibung von Krise und Größenwahn des Systems, sondern sieht Gerechtigkeit und Kapitalismus im grundsätzlichen Gegensatz. Seine philosophischen Tiefenbohrungen in Sachen gerechter Gesellschaft von Platon bis Karl Marx haben indes einige Längen. Im Mittelpunkt aber steht die Überzeugung, dass der Kapitalismus nicht von allein verschwindet – Zudeick setzt seine Hoffnung auf den Protest und eine neue außerparlamentarische Opposition. Nur mit radikaler Aufklärung und Attacke allein, so ahnt man freilich, lässt sich eine ganz neue Gesellschaft im Land des Exportweltmeisters dann doch nicht zurechtzimmern.

Peter Zudeick: Tschüss, ihr da oben – vom baldigen Ende des Kapitalismus
, Westend Verlag, Frankfurt 2009, 232 Seiten, 16,95 €.

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