Politische Literatur : Tony Blair und die Medien - Ein Teufelskreisel

Ein Lehrstück über „spin“: In seinen Tagebüchern analysiert Tony Blairs Medienmanager Alastair Campbell sich selbst und den britischen Journalismus.

Markus Hesselmann
Blair
The Blair Years - Extracts from the Alastair Cambell Diaries -Foto: promo

Auf eine Art haben die Briten genug von alldem: Von Tony Blair, der das Land zehn Jahre durchaus erfolgreich als Premierminister führte, am Ende aber den Kontakt zur Basis verlor. Von Blairs präsidialem Charisma, das erst charmant und später arrogant wirkte. Von New Labour, dem Modernisierungsprojekt, das die alte Arbeiterpartei in die politische Mitte führte, dessen Schriftzug, Emblem und Slogan aber am Tag von Blairs Rücktrittsankündigung gleich mit verschwanden. Und von Alastair Campbell, dem Blair-Berater und Medienmanager. Dem „spin doctor“ schlechthin, dessen Einfluss viele für so groß hielten, dass er zwischenzeitlich als Nummer zwei in der Downing Street oder sogar als eigentlicher Regierungschef galt. Doch nun hat Campbell Teile seiner Tagebücher aus der Zeit von 1994, als Blair Labour-Chef wurde, bis 2003, als Campbell sich aus der Downing Street zurückzog, redigiert und ein Buch daraus gemacht. „The Blair Years. Extracts from the Alastair Campbell Diaries“ treibt die britische Presse in diesen Tagen noch einmal um wie der Autor selbst es in vergangenen Jahren vermochte. Seitenlange Auszüge, Repliken und Rezensionen sowie gute Verkaufszahlen gleich zu Beginn legen nahe, dass Campbell seine Landsleute immer noch im Griff hat.

Abrechnung und Kolportage auf diesem Niveau

Die Reflexe seiner Gegner funktionieren auch noch. Der „Guardian“ bot gleich ein ganzes Kontingent von Campbell-Opfern auf und lud sie ein „zurückzubeißen“. Der frühere konservative Politiker und jetzige „Times“-Kolumnist Matthew Parris zum Beispiel wird in Campbells Tagebüchern als „kleiner Scheißkerl“ beleidigt. Ein Untersuchungsausschuss beschäftigte sich 1998 mit der Machtfülle des Regierungssprechers und Parris berichtete darüber. „Ich bin lieber ein kleiner Scheißkerl als ein großes Arschloch“, schrieb Parris jetzt auf Einladung des „Guardian“. Damit ist der Ton gut getroffen, den Campbell in seinen Tagebüchern pflegt.

Vieles in dem mehr als 800 Seiten dicken Buch ist Abrechnung und Kolportage auf diesem Niveau. Doch „The Blair Years“ bietet mehr. Es ist ein Lehrstück über „spin“ – der Begriff und das Phänomen, das für immer mit dem Namen Alastair Campbell verbunden sein wird. Der frühere Boulevardjournalist vom Labour-nahen „Daily Mirror“ stand als Regierungssprecher wie vor und nach ihm kein anderer für die fragwürdige Kunst, ein Thema so zu drehen, ihm derart Drall zu geben, dass es in den Medien die größtmögliche Aufmerksamkeit erregt und höchstmögliche Zustimmung erzeugt. Der „spin doctor“ selbst beteuert, dass er das Gute will und die entpolitisierte Medienshow hasst. Andererseits ist er stolz auf seine Leistungen. Zum Beispiel als er hilft, den australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch davon zu überzeugen, sich auf die Seite Labours und ihres Spitzenkandidaten Blair zu schlagen. Eine Rede Blairs in Australien läuft dann entsprechend groß und wohlwollend in den Murdoch-Blättern „Times“ und „Sun“. „Erst habe ich Murdoch dazu gebracht und er dann seine Mitarbeiter“, schreibt Campbell.

Campbell: Medienmann im Zentrum der Macht

Der Medienmanager sieht sich und seinen Job nicht als Auslöser von Medienhysterie, sondern als Reaktion darauf. Wer in der anschwellenden Informationsflut und dem ausufernden Konkurrenzkampf eine politische Botschaft durchbringen will, der brauche aggressives Medienmanagement. Durchaus selbstkritisch beschreibt er den Teufelskreis – oder eher: Teufelskreisel – in den der „spin doctor“ gerät. Er wird selbst zum Thema, seine vermeintliche Allmacht wird seinem Chef als Schwäche ausgelegt, bald steht jede Botschaft Blairs unter „spin“- Verdacht.

Campbell legt sein Tagebuch als teilnehmende Beobachtung an. Er ist mittendrin in der ganz großen Politik. Er verkehrt auf Augenhöhe mit den Bushs und Putins dieser Welt. Mit Blair spricht er fast ununterbrochen – im Auto, im Flugzeug, im Zug. Wenn sie sich nicht sehen können, dann reden sie am Mobiltelefon. Campbell nimmt an Kabinettssitzungen teil und gibt Regierungsmitgliedern Anweisungen, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten haben. Aber Campbell ist andererseits auch ein Medienmann im Zentrum der Macht. Er bleibt Außenseiter, sitzt zwischen den Stühlen. Seine neuen Kollegen in der Politik und seine alten im Journalismus nutzen jede Gelegenheit, ihn zu attackieren.

Keine großen Neuigkeiten

An echten Nachrichten ist „The Blair Years“ arm. Dass der Premier mal amtsmüde war und über einen früheren Rücktritt nachgedacht hat oder dass er als einziger im Kabinett wirklich überzeugt vom Irak-Einsatz war, klingt im Rückblick wenig überraschend. Campbell gibt zu, dass er vieles über Blairs zunehmend problematische Beziehung zu seinem früheren Vertrauten und ungeduldigen Nachfolger Gordon Brown rausredigiert hat, um dem politischen Gegner keine Munition zu liefern. Brown dankt es ihm, indem er sich jetzt als Regierungschef vom Campbellschen „spin“ distanziert. Doch auch der nüchterne Brown entkommt dem Teufelskreisel nicht: Kein spin ist der neue spin, wird jetzt geargwöhnt.











– Alastair Campbell:
The Blair Years. Random House UK, London 2007. 816 Seiten, 31,45 Euro.

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